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Kein Hochglanz wie am Airport Frankfurt

  • Jens Riedel
    vonJens Riedel
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Die Aussicht ist herrlich, auch wenn man sich noch gar nicht in der Luft befindet. Am Flugplatz Lützellinden bestimmen Gleiberg und Vetzberg mit ihren markanten Burgsilhouetten das Panorama. Daneben thront mächtig der Dünsberg. Im Tal liegt Gießen den Betrachtern scheinbar klein zu Füßen.

Wer zehn Minuten lang das Geschehen am Flugplatz beobachtet, registriert außer einer grandiosen Landschaft und einigen startenden und landenden Kleinflugzeugen aber auch jede Menge Lost-Place- Atmosphäre. An vielen Stellen sieht es so aus, als habe sich seit Jahren niemand mehr um die Anlage gekümmert.

Das Tor zum Flugplatz ist stark verrostet, der Maschendrahtzaun teilweise etwas eingedrückt. Ein alter Wohnwagen und zwei Bauwagen gammeln vor der Wellblechhütte der "Flugschule Skyline" vor sich hin. Die graue Betonwand der Flugzeughalle wirkt von außen schmutzig und abweisend. Ein Toiletten-Anbau an der Halle, so groß wie ein Dixie-Klo, erinnert an den schmalen Abort-Erker einer mittelalterlichen Festung und scheint völlig aus der Zeit gefallen. Hochglanz wie am Airport Frankfurt? Fehlanzeige.

Über 50 Jahre hat der 1968 vom Aero-Club Lützellinden eröffnete Flugplatz auf dem Buckel. Der Tower, 1970 gebaut, sieht immerhin noch ganz gut aus. Nur etwas rot-weiße Farbe über den Fenstern ist abgeblättert. Ein wenig ähnelt das Gelände auch einer Militäranlage. Was an den vielen Warnschildern liegt. "Stop!" "Strengstens verboten!" "Betreten nur für Befugte." "Das Flugfeld sowie alle Abrollwege sind für alle Fahrzeuge gesperrt", ist zu lesen. Fehlt eigentlich nur der Stacheldraht.

Doch dann ist da auch das Magische, das Erhabene, das Schöne: Die Flugzeuge und der Traum vom Fliegen. Eine kleine Propellermaschine mit der Bezeichnung D-ELGG ist im Anflug. Sie setzt auf der Landebahn kurz auf, startet gleich wieder durch und erhebt sich in die Luft. Das Flugzeug kreist eine kurze Runde, setzt erneut auf und startet nochmals durch. Nanu? "Der Pilot fliegt zur Übung nur ein paar Platzrunden, mit Touch and Go", erklärt ein Mann, der vor der Flugschule den Ölstand und den Propeller eines Ultraleichtflugzeugs mit dem Aufdruck D-MBBZ kontrolliert. Es ist ein Charterkunde aus Biebertal. Er hat eine einmotorige Maschine gemietet und will damit ein Stündchen über dem Vogelsberg kreisen. Mit 150 bis 180 km/h pro Stunde und in einer Höhe bis zu 10 000 Fuß, was etwa 3000 Metern entspricht.

"Fliegen Sie mit und erleben Sie die Landschaft von oben. Ein luftiges und unvergessliches Erlebnis für die ganze Familie. 15 Minuten für nur 90 Euro. Bis zu drei Personen können zu diesem Preis mitfliegen": Mit diesem Schild wirbt der Aero-Club Lützellinden direkt vor dem Restaurant "Fliegerklause" um Gäste, die sich Gießen aus der Vogelperspektive anschauen wollen.

Vier Radfahrer kommen den Hügel hochgestrampelt. Sie stellen ihre Bikes vor dem Restaurant ab. "Jetzt habe ich aber mächtig Hunger", sagt einer, bevor sie sich auf die Terrasse des Restaurants setzen.

Nebenan in der "Pull out Skydive Homebase" bereiten sich etwa zehn Fallschirmspringer auf ihren bevorstehenden freien Fall vor. Wenn die Restaurantgäste Glück haben, werden sie die mutigen Fallschirmfans noch springen und landen sehen. Am Himmel dreht derweil die D-ELGG eine weitere Runde. (jri)

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