Im Gießener Krematorium werden derzeit nur noch Särge angenommen, die verbrannt werden sollen. Auch am UKGM schwinden die Kühlkapazitäten. 	FOTO: EP
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Im Gießener Krematorium werden derzeit nur noch Särge angenommen, die verbrannt werden sollen. Auch am UKGM schwinden die Kühlkapazitäten.

Krematorium bald belegt?

Gießen: Kaum noch Platz für Corona-Tote - Wohin mit den Leichen?

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Allein in Hessen sind bisher 2200 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben - die Zahlen steigt auch in Gießen immer schneller. Diese Dramatik ist mit ganz pragmatischen Fragen verbunden: Wohin mit den Leichen?

  • Aufgrund der hohen Todesfälle durch die Corona-Pandemie werden auch in Gießen die Kühlkapazitäten knapp.
  • Die Stadtwerke, die das Krematorium betreiben, ordnen deshalb den Betrieb auch über die Weihnachtstage an.
  • Insbesondere das UKGM stößt an seine Grenzen, lokale Bestatter sollen nun aushelfen.

Die Bilder von den mit Leichen beladenen Kühllastern auf den Straßen Bergamos gingen um die Welt. Sie waren die Verbildlichung dessen, was man »italienische Verhältnisse« nannte. Nun ist die hessische Stadt Hanau in die Schlagzeilen geraten, weil auf dem dortigen Friedhof ein Kühlcontainer zur Lagerung von Leichen aufgestellt worden ist. Die Kapazitäten der Krankenhäuser und Friedhöfe waren erschöpft. Droht Gießen ein ähnliches Szenario?

»Wer in den letzten Wochen bei uns im Krematorium war, kennt die Zustände, die zur Zeit herrschen. Unsere beiden Kühlräume sind überfüllt.« Mit diesen Worten beginnt eine E-Mail, die vergangene Woche vom Gießener Krematorium an Bestatter versendet worden ist.

Gießen: Einäscherung auch an Weihnachten gegen „Rückstau“

In dem Schreiben wird darauf hingewiesen, dass im Krematorium vorerst keine Särge gelagert werden können, die für Erdbestattungen vorgesehen sind. Leichen von der Kriminalpolizei, also Menschen, die bei Verbrechen oder Unfällen ums Leben gekommen sind, dürfen demnach ebenfalls nicht angeliefert werden. Abschließend heißt es in der Mail: »Wir informieren euch, wenn wir wieder ›normale‹ Zustände haben.«

Das Krematorium am Neuen Friedhof wird von den Stadtwerken betrieben. Deren Pressesprecher Matthias Acker bestätigt eine »angespannte Situation« in der Einrichtung. Er betont aber, dass Särge, die für die Verbrennung vorgesehen sind, weiterhin angenommen werden. »Wir können aber keine Särge mehr annehmen, die bei uns zwischengelagert werden sollen.« Dazu muss man wissen, dass das Gießener Krematorium ein großes Einzugsgebiet abdeckt und von vielen Bestattern angefahren wird, um dort Leichen zu kühlen, bevor sie andernorts beerdigt werden. Damit die angespannte Lage sich nicht weiter zuspitzt, haben die Stadtwerke beschlossen, an den Weihnachtstagen den Betrieb fortzuführen. »Auch wenn es bei solch einem ernsten Thema sehr pragmatisch klingt: Wenn wir die Särge nicht zügig einäschern, bildet sich ein Rückstau«, sagt Acker.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich die zuständigen Menschen bei den Stadtwerken mit Szenarien beschäftigen, in denen die Zahl der Corona-Toten weiter steigt. Natürlich habe man sich intern auch schon Gedanken über zusätzliche Kühlkapazitäten wie jene auf dem Friedhof in Hanau gemacht, sagt Acker, derzeit seien solche Maßnahmen aber noch nicht nötig. »Wir kooperieren jedoch mit anderen Kommunen und Krematorien, um die Last zu verteilen.«

Gießen: Zwölf Tote am Wochenende im UKGM

Auf den städtischen Friedhöfen ist die Lage etwas entspannter, wie Stadtsprecherin Claudia Boje mitteilt. Demnach gebe es zwar eine erhöhte Anzahl an Bestattungen. Diese könnten aber allesamt »mit Würde und ohne Bedrängnis« durchgeführt werden. »Wir haben auch noch Kühlmöglichkeiten für die Beerdigungen, die nicht sofort anstehen«, fügt Boje an. Trotzdem sei die Situation angespannt, da die Stadt auch dem Krematorium am Rodtberg aushelfen müsse.

Am Gießener Uniklinikum ist die Zahl der Corona-Patienten in den vergangenen Tagen enorm gestiegen - und damit auch die Zahl derer, die Covid-19 nicht überlebt haben. Allein am vergangenen Wochenende starben zwölf Menschen, wie ein Schreiben der Pathologie belegt. Es ist an Bestatter gerichtet verbunden mit der Bitte, das UKGM »durch eine zügige und bevorzugte Übernahme/Abholung der Verstorbenen zu unterstützen.« Diese Hilfeleistung sei so dringend, da die Kühlkapazitäten am UKGM »an ihre Grenzen stoßen« und insbesondere hinsichtlich der bevorstehenden Feiertage als »nicht ausreichend anzusehen sind«.

Parallel haben die Verantwortlichen des UKGM schon weiterführende Schritte eingeleitet, wie Pressesprecher Frank Steibli erklärt. »Da die Zahl der Covid-19-Patienten im Klinikum ansteigt und auch mehr Tote als gewöhnlich zu beklagen sind, haben wir entschieden, in den nächsten Tagen vorsorglich weitere Kühlkapazitäten anzuschaffen.« Ob es sich dabei um Container oder anderweitige Lösungen handelt, sei noch unklar.

Corona-Tote: Besondere Regelungen für Bestattung

Bei der Bestattung von Menschen, die an oder mit Covid-19 gestorben sind, gelten besondere Regeln. Die Oberfläche des Sargs muss vor der Ankunft am Friedhof desinfiziert und mit der gut sichtbaren Kennzeichnung »infektiös« versehen werden. Der Body-Bag, der den Leichnam umhüllt, muss ebenfalls desinfiziert werden.

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