Der Stadtkirchturm in der Dämmerung. Um 17.45 Uhr gibt es im Advent täglich ein kleines Konzert der Turmbläser. FOTO: CG
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Der Stadtkirchturm in der Dämmerung. Um 17.45 Uhr gibt es im Advent täglich ein kleines Konzert der Turmbläser. FOTO: CG

Ein kaum beachtetes Geschenk

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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In der Dämmerung kreisen Rabenkrähen um die Spitze des Stadtkirchturms. Zeternd lassen sie sich nieder, von unten sind ihre Silhouetten gut zu erkennen. Mit der Dunkelheit kommt die Stille. Um 17.45 Uhr geht oben ein Lichtlein an. "Maria durch ein Dornwald ging..." tönt es zaghaft. Wie jeden Tag im Advent gibt es eine Viertelstunde vorweihnachtliche Melodien. Manchmal sind die Bläser zu zweit, an diesem Tag ist es nur einer, der den Job des Türmers übernommen hat. Der Kirchenplatz liegt dunkel und verwaist da, kaum jemand nimmt Notiz von dem Musiker und seinem Geschenk an die Passanten.

Ein paar junge Männer hängen an den Sitzblöcken herum, sie stärken sich mit Döner und irgendetwas aus Pappbechern. Es gibt eine kurze Pause, oben flackert das Licht. Vermutlich ist es nicht einfach, eine Trompete zu spielen, wenn die Hände eiskalt sind. Geht das mit Handschuhen? "Es kommt ein Schiff gefahren", geht es getragen weiter. "Spiel lauter", ruft ein Mann aus einer dunklen Ecke des Platzes. Beifälliges Grölen der Kumpel. Sie prosten sich zu. Eine Frau mit einem Kind an der Hand bleibt stehen. Die beiden schauen nach oben zum Turmbläser. "Das ist ja nur einer", sagt das Kind enttäuscht.

Am vergangenen Sonntag hat hier traditionell die Gedenkstunde zum 6. Dezember 1944 stattgefunden. In dieser Nacht wurde damals ein Großteil des alten Gießens durch Bomben zerstört, viele Menschen starben. Ein Kranz liegt noch am Gedenkstein, außerdem schützendes Tannengrün. "Mach schnell", sagt eine Frau zu ihrem kleinen Hund und zerrt ihn dorthin. Der Vierbeiner hebt pflichtschuldig das Bein. Eilig gehen sie weiter.

Gegenüber bei "Frau Piefke" gibt es "Winter-Sale", es ist gerade kein Kunde im Laden. Bei "Punkt und Strich" ein paar Häuser weiter herrscht Betriebsamkeit, hinten gehen Kunden hinein, vorne kommen welche heraus, vermutlich mit ein paar Geschenken im Gepäck. Die Räume der Zahnarztpraxis über dem geschlossenen "Türmchen" sind noch hell erleuchtet, eine Mitarbeiterin richtet einen Behandlungsplatz für den nächsten Patienten her. Am Adventskalender des Wallenfels’schen Hauses sind acht Fenster beleuchtet. Weihnachtliche Szenen von Schlitten fahrenden Kindern, Nikolausstiefeln, Tannenbäumen. Die Fassade fällt in diesem Jahr mehr auf als sonst, einer der wenigen Vorteile, den die Pandemie dem Kirchenplatz beschert.

Eine neue, zaghafte Melodie erklingt: "Jingle Bells". "Vielleicht hat er seinen Mundschutz noch auf", flachst ein Kollege, der auf dem Weg in die Innenstadt vorbeiläuft und einen Moment stehen bleibt. Nun wird es lauter und kraftvoller. "Schön", sagt eine Passantin und macht ihre Begleiterin auf den Bläser aufmerksam. Ja, das ist es. Jeden Tag übernimmt ein ehrenamtlicher Musiker das Amt des Turmbläsers und stellt sich bei winterlichen Temperaturen auf die zugige Aussichtsplattform des Stadtkirchturms. Ein schönes Zeichen in diesen dunklen Tagen. "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit":… Es wird 18 Uhr, die Glocken beginnen zu läuten. (cg)

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