Andreas Walldorf und sein Sohn Andre müssen den Schießstand derzeit auf dem Hof lassen. Das Virus bedrohe die ganze Branche, sagen sie. FOTO: SCHEPP
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Andreas Walldorf und sein Sohn Andre müssen den Schießstand derzeit auf dem Hof lassen. Das Virus bedrohe die ganze Branche, sagen sie. FOTO: SCHEPP

Schaustellerbranche

Schausteller in der Krise: Karusselle stehen auch in Gießen still

Schausteller leiden extrem unter der Corona-Krise. Gießen, seit jeher eine Hochburg dieser Branche, ist dabei besonders betroffen.

Keine einzige Wolke ist am blauen Himmel zu sehen. Schon jetzt, um kurz nach 10 Uhr, knallt die Sonne auf den große Schießstand von Andre Walldorf. Der bunte Anhänger, den der Gießener erst vergangenes Jahr für 40 000 Euro aufwendig saniert hat, wirkt hier in der Hofeinfahrt der Schützenstraße jedoch deplatziert. Gerade bei solch einem Wetter gehört er auf den Jahrmarkt, damit Männer ihren Liebsten eine Rose schießen können. Doch in Corona-Zeiten gibt keine Jahrmärkte, die Schausteller sind zum Stillstand verdammt. "Wir hatten für 2020 eine tolle Tour geplant", sagt Vater Andreas Walldorf. "Und dann, im März, ist alles zusammengebrochen."

Frühjahrsmesse? Abgesagt. Stadtfest? Abgesagt. Dippemess, Oktoberfest und Dorfkirmes? Abgesagt, abgesagt, abgesagt. Die strikten Verordnungen zur Eindämmung der Pandemie machen vielen Branchen zu schaffen, bei den Schaustellern geht es an die Existenz.

Hohe Kosten, keine Einnahmen

"Unsere letzten Einnahmen stammen von den Weihnachtsmärkten", sagt Andre Walldorf. Damit müsse nicht nur der Lebensunterhalt für Januar, Februar und März beglichen werden, sondern auch TÜV-Gebühren, Gehälter der festen Mitarbeiter und vor allem die für Fahrgeschäfte sehr hohen Versicherungsgebühren. "Allein mein Betrieb braucht jeden Monat 25 000 Euro zum Überleben", fügt Vater Walldorf an. Er würde daher einen umfassenden finanziellen Rettungsschirm begrüßen. "Die vom Staat gezahlte Soforthilfe ist gut, sie reicht aber nicht für diesen voraussichtlich langen Zeitraum."

Als die Frühjahrsmesse abgesagt worden ist, habe das sehr geschmerzt, sagt Andreas Walldorf. "Das war aber noch einigermaßen verkraftbar. Jetzt, wo bis zum 31. August keinerlei Großveranstaltung stattfinden wird, fehlt uns jegliche Perspektive." Somit stehen Einnahmen aus über 50 Veranstaltungen auf der Kippe. Sohn Andre macht sich keine Illusionen: "Das kann man nicht verkraften."

So geht es nicht nur den Walldorfs. In Gießen gibt es mehrere alteingesessene Schausteller. Zum Beispiel die Familie Lotz. "Das hat uns getroffen wie ein K.O.-Schlag in der erste Runde", sagt Sabine Lotz. Für sie als Schaustellerin sei es völlig befremdlich, nicht unterwegs sein zu können. Die finanziellen Einbußen machen sich natürlich auch bei Familie Lotz bemerkbar. "Wir kommen nur schwerlich über die Runden. Auch, weil die Soforthilfen nur für Betriebskosten eingesetzt werden dürfen, und nicht für den Lebensunterhalt."

Auch Udo Werner mit seinen Crêpes und Schokofrüchten ist ein Schausteller-Urgestein. "Unsere Einnahmen liegen seit Anfang des Jahres bei Null. Wir stehen vor dem Nichts", sagt der 64-Jährige. Um nicht ganz auf dem Trockenen zu sitzen, muss sich der Selbstständige bei seiner Lebensversicherung bedienen. "Die war eigentlich für die Rente gedacht."

Werner hofft daher, dass nach dem 31. August Volksfeste wieder öffnen werden. Es müssten ja nicht gleich Großveranstaltungen wie das Oktoberfest sein, sagt er. "Aber die kleineren, das wäre sehr wichtig."

Die Walldorf sehen das genauso. Sie setzen vor allem auf die Herbstmesse, die traditionell Ende September über die Bühne geht. "Es müssen Bedingungen geschaffen werden, damit Volksfeste wieder möglich sind", sagt Andreas Walldorf. Er denkt zum Beispiel an Handwaschstationen, eine begrenzte Besucherzahl sowie größere Abstände zwischen den Ständen. "Wenn es das Gesundheitsamt fordert, könnte ich auch Reihen aus meinen Kinderkarussells herausnehmen." Andre Walldorf hält das alles für umsetzbar. "Das Gelände an der Ringallee hat eine sehr große Quadratmeterzahl. Man könnte die Messe also ganz anders aufbauen." Abgesehen davon seien so gut wie alle Fahrgeschäfte auf zwei, maximal drei Personen pro Gondel ausgelegt.

Hoffnung auf Herbstmesse

Die Walldorfs wissen, dass der Umsatz bei solch einer regulierten Messe nicht der gleiche wäre. "Aber es würde immerhin etwas Geld fließen", sagt Andre Walldorf, der zwischenzeitlich schon überlegt hatte, vom Hof aus Würstchen zu verkaufen. Die Kosten für Material und Versicherung würden die potenziellen Gewinne aber gänzlich auffressen. "Stattdessen arbeiten wir ein paar Dinge ab, die liegengeblieben sind."

Es ist aber nicht nur das Geld, das den Schaustellern fehlt. Es ist auch das Lebensgefühl, das die meisten schon mit der Muttermilch aufgesogen haben. "Ich vermisse es, morgens aus dem Wohnwagen zu steigen und bei einem Kaffee mit den Kollegen zu schwätzen", sagt Walldorf Junior. Sein Vater lächelt vielsagend: "Wir sind einfach nicht dazu gemacht, hier herumzusitzen."

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