Opferrechte sind Menschenrechte: Dafür streitet Karin Skib vom Weißen Ring seit zwei Jahrzehnten. FOTO: SCHEPP
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Opferrechte sind Menschenrechte: Dafür streitet Karin Skib vom Weißen Ring seit zwei Jahrzehnten. FOTO: SCHEPP

Opferhilfe

Karin Skib: "Die Opfer leiden lebenslang"

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Karin Skib vom Weißen Ring Gießen erzählt im Interview, wie sie Angehörigen von Mordopfern hilft - und wie Menschen lernen, mit so einer grausamen Tat umzugehen.

Karin Skib ist das Gesicht des Weißen Rings in Gießen. Zu dieser Rolle in der Opferhilfeorganisation kam sie mehr oder weniger zufällig. Die gelernte Industriekauffrau musste ihre damalige Arbeit aufgeben, weil die Arbeits- nicht mit den Kita-Öffnungszeiten kompatibel waren. 2000 las sie zufällig, dass die Außenstelle Mitarbeiter suchte. Weil sie immer einen großen Gerechtigkeitssinn hatte - sie war Klassen- und Schulsprecherin sowie Jugendbetriebsrat - schien ihr dieses Engagement das Richtige zu sein. Im Rahmen der Serie "Mord verjährt nicht" spricht sie darüber, was ein Tötungsdelikt an einem nahen Menschen mit Angehörigen macht - und wie der Verein diesen helfen kann.

Frau Skib, es heißt, dass Mord nicht verjährt. Straftäter müssen auch Jahrzehnte nach ihrer Tat mit einer Strafverfolgung und Verurteilung rechnen. Verblasst hingegen bei Menschen die Erinnerung, wenn ein Angehöriger ermordet wurde?

Man sagt, die Opfer haben lebenslang. Das ist auch so. Sie lernen nur mit der Zeit, damit umzugehen. Es müssen sehr viele Jahre vergehen, damit das Ereignis verblasst. Viele Angehörige richten sich zu Hause eine Stelle für Erinnerungsstücke ein.

Geschieht ein Tötungsdelikt, stehen Angehörige erst mal allein da. Wohin führt sie der erste Weg?

Hauptsächlich über die Polizei zu Psychologen und Hilfseinrichtungen. Die Hinterbliebenen bekommen im Polizeipräsidium Empfehlungen sowie Listen und können dann selbst entscheiden, was sie in Anspruch nehmen möchten. Das war und ist aber nicht immer so. Auch Rechtsanwälte vermitteln hier, sofern die Betroffenen diese bereits konsultiert haben.

Wie können Sie den Angehörigen helfen?

Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Wenn wir die erste Einrichtung sind, zu der Angehörige Kontakt aufnehmen, schauen wir, auf welcher Ebene die Angehörigen Hilfe benötigen. Wir sind keine Psychologen. Daher ist es wichtig, auf der psychologischen Ebene zu vermitteln. Dies können niedergelassene Psychologen oder Therapeuten, die Gießener Hilfe oder Trauma- ambulanzen sein.

Was macht der Weiße Ring noch?

Die Mitarbeiter geben menschlichen Beistand und persönliche Betreuung. Wir beraten, begleiten zu Terminen bei der Polizei, bei Gericht, bei Ämtern, sofern das gewünscht ist. Wir helfen beim Ausfüllen von Formularen, zum Beispiel des Opferentschädigungsantrages. Oftmals ist aber auch eine finanzielle Unterstützung erforderlich und sehr hilfreich. Die Hilfsangebote sind weit gefächert und dienen dazu, tatbedingte Notlagen zu überbrücken.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Der Rechtsanwaltsscheck für eine Erstberatung sowie Übernahme weiterer Rechtsanwaltskosten nach Prüfung. Hilfeschecks für psychotraumatologische Erstberatung sowie für eine rechtsmedizinische Untersuchung. Soforthilfen unmittelbar nach einer Straftat sowie weitergehende finanzielle Unterstützung, zum Beispiel für Tatortreinigung, Umzug oder Ferien. Andere Einrichtungen kommen hauptsächlich auf uns zu, wenn es um finanzielle Unterstützung geht, da der Weiße Ring ein Opferhilfeverein ist, der bundesweit tätig ist und über finanzielle Mittel verfügt. Möglich machen dies Spender, Mitglieder, Nachlässe und Zuweisungen von Geldbußen.

Können Sie beschreiben, wie Sie in so einer Situation bei Angehörigen von Opfern vorgehen?

In einem ersten Telefonat verabreden wir uns zu einem persönlichen Gespräch. In der Regel findet das bei den Angehörigen zu Hause statt. Sie sollen in ihrer gewohnten Umgebung ihren Emotionen freien Lauf lassen können. Wir nehmen uns so viel Zeit wie nötig, trösten und sprechen über unsere Hilfsmöglichkeiten.

Wie sieht es in den Betroffenen während einer Ermittlung aus?

Das ist auch unterschiedlich. Da gibt es Angehörige, die sich sehr zurückziehen, kaum darüber sprechen wollen. Andere müssen aktiv sein. Sie verarbeiten oft, indem sie sehr genau die Ermittlungen verfolgen, sogar eine Art Tagebuch führen. Unter Umständen auch, um Missstände aufzuzeigen. So wurde auf die Initiative eines Angehörigen vor vielen Jahren das Opferentschädigungsgesetz dahingehend erweitert, dass auch Angehörige von Getöteten dort berücksichtigt werden. Denn sie können durch die Überbringung der Todesnachricht einen Schock erleiden und somit Ansprüche geltend machen.

Wie sieht es kurz vorm Prozessbeginn aus?

Je näher der Prozessbeginn kommt, desto aufgeregter werden Angehörige verständlicherweise. Einigen hilft es, jeden Verhandlungstag anwesend zu sein, um den Prozess genau zu verfolgen und dem Täter in die Augen sehen zu können. Andere scheuen die Konfrontation mit dem Täter. Das ist oft eine Achterbahn der Gefühle. Generell sind alle Angehörigen sehr erleichtert, wenn der Prozess vorbei ist.

In einem Prozess geht es hauptsächlich um den Angeklagten. Was macht das mit Angehörigen vor Gericht?

Das hängt davon ab, wie sensibel die Beteiligten einer Verhandlung mit den Angehörigen umgehen. Hier ist Feingefühl der Richter, Staatsanwälte und Verteidiger, aber auch der Presse gefragt. Angehörige verstehen oft die Fragenstellungen im Moment des Prozesstages nicht, sodass wir bei einer Begleitung erklären können, warum und weshalb jetzt diese Fragen gestellt wurden oder warum so gehandelt werden musste.

Wie wirkt sich der gewaltsame Tod eines Familienmitglieds auf den Alltag der Angehörigen aus?

Traumatisierend. Für die Angehörigen bleibt die Zeit stehen. Alles dreht sich um die Tat.

Viele Tötungsdelikte ereignen sich im direkten Umfeld; wie existieren Familien weiter, wenn Täter und Opfer aus einer Familie stammen?

Das kann zu einer harten Bewährungsprobe führen. Das hängt auch von dem Verwandtschaftsverhältnis ab und dem Grund, warum die Straftat begangen wurde. Einige wenden sich ab, ziehen auch weg aus ihrem Umfeld. Andere schweißt es sogar mehr zusammen. Ich habe einmal ein älteres Ehepaar betreut, deren Tochter in deren Wohnung vom Ex-Freund umgebracht wurde; die Mutter wurde schwer verletzt. Das Ehepaar ist in dieser Wohnung geblieben, da sie sich dort ihrer Tochter nahe fühlten.

Welche Fälle sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Da denke ich an erster Stelle an den Mord an einem kleinen Schulkind. Der Täter war ein Nachbar, der sich bei der Vernichtung von Beweismitteln schwer verletzte. Dieser Fall ging wochenlang durch die Presse. Ich war erst kurze Zeit Außenstellenleiterin des Weißen Rings und denke auch noch heute immer wieder an die Familie. Dann eine junge Frau, die lange von ihrem Ex-Freund gestalkt und dann in der Wohnung der Eltern getötet wurde. Auch die Mutter wurde schwer verletzt. Sie lebten in der Tatwohnung weiter. Bis zu ihrem Tod haben mir die Eltern der Getöteten regelmäßig Karten geschrieben oder angerufen. Oder die Begleitung zweier junger Männer, deren Mutter vom Lebensgefährten umgebracht wurde. Der Täter hatte sich mit ihr in der Wetterau in einem Haus verschanzt und eine selbst gebaute Bombe dabei. Als das SEK in den Morgenstunden das Haus stürmte, stellte sich heraus, dass die Frau schon seit Stunden tot war. Der Prozessverlauf war sehr skurril, da der Täter aussagen wollte, dem Gericht immer wieder neue Versionen vorbrachte und die Anwälte eine Flut von Beweisanträgen vorbrachten, von denen der Laie merkte, dass sie keine Aussicht auf Erfolg hatten.

Wie gehen Sie vom Weißen Ring mit der emotionalen Belastung um?

Tötungsdelikte sind immer sehr emotional. Das lässt auch die Mitarbeiter des Weißen Rings nicht unberührt. Wir sprechen in unseren Sitzungen darüber, könnten uns aber auch externe Hilfe holen, wenn es nötig wäre.

Woran merken Sie, dass Ihre Arbeit funktioniert?

An der Dankbarkeit derer, denen wir in einer schwierigen Phase ihres Lebens helfen konnten. Und auch daran, dass die Zusammenarbeit im Netzwerk in Gießen gut funktioniert.

Über den Weißen Ring

Der Weiße Ring ist eine Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität und deren Familien; der Verein ist in mehreren Ländern aktiv. Auch in Gießen gibt es eine Außenstelle.

Neben Vorträgen bei Seniorengruppen, Frauenhilfe, VdK, Landfrauen und Bildungszentren informierte der Weiße Ring Gießen 2019 an verschiedenen Info-Ständen über seine Arbeit.

Insgesamt 118 Personen aus Stadt und Landkreis Gießen wendeten sich an die Außenstelle. Annähernd die Hälfte von ihnen erhielt finanzielle Unterstützungen. 41 Betroffene bekamen zudem einen Rechtsberatungsscheck für eine Erstberatung bei einem Anwalt. Möglich ist diese Unterstützung durch Spenden, Mitgliedsbeiträge, Nachlässe und Zuwendungen der Gerichte.

Sexueller Missbrauch, Körperverletzungen und häusliche Gewalt stellten 2019 den größten Anteil an Delikten. Aber auch Betroffene von Betrugsfällen wendeten sich an den Weißen Ring in Gießen. Trotz intensiver Warnungen fallen immer wieder Menschen auf Betrug am Telefon oder auf Love-Scamming herein, da die Täter äußerst geschickt vorgehen.

Die Außenstelle Gießen sucht dringend Mitarbeiter. Kontakt unter Telefon 06 41/55 92 990 oder per Mail (biks58@aol.com).

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