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André Witte-Karp. FOTO: PM

Karfreitagszeit

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Jahr um Jahr fand ich es eine besondere Herausforderung, den Karfreitag zu begehen. Mich und andere an Leid, Einsamkeit und die Zerbrechlichkeit des Lebens zu erinnern: Nicht leicht, vor allem wenn draußen die Sonne scheint und der Frühling lockt. In diesem Jahr geht es mir anders. Ich werde das Gefühl nicht los, wir leben gerade Tag um Tag im Karfreitagsmodus.

An Karfreitag stirbt Jesus am Kreuz. Für die Menschen, die auf ihn ihr Vertrauen gesetzt haben, bricht eine Welt zusammen. Mit ihm sterben Hoffnungen und Perspektiven. Zukunft: infrage gestellt. Was gerade noch galt: radikal durchkreuzt.

Viele derjenigen, die es damals miterleben mussten, haben das Weite gesucht. Selbst das ist uns heute versagt. Wir müssen uns in unsere Wohnungen und Häuser zurückziehen. Und ausgerechnet dieser körperliche Rückzug ist jetzt Ausdruck einer tiefen Solidarität. Wir tragen für die anderen Sorge, sind achtsam und bleiben zu Hause. Wir verzichten auf einen großen Teil unserer Freiheiten und auf vieles, was zu unserem Glück gehört oder schlicht unser Auskommen sichert. Das alles tun wir, damit dem Coronavirus möglichst wenige Menschen zum Opfer fallen.

Da braucht es ein Maß an Verantwortung, wie wir es bislang nicht gekannt haben. Es reicht von meinem ganz persönlichen Handeln über die schwierigen politischen Entscheidungen für unser Land bis hin zu denen, die es an anderen Orten noch schlimmer trifft als uns. Wie lange wir das aushalten müssen? Was noch auf uns zukommt? Wie die Welt danach aussehen wird? Wir wissen es nicht.

An Karfreitag ist noch nicht ausgemacht, wie es weitergeht. Im Blick auf das Elend des Kreuzes verbieten sich einfache Antworten oder schlichte Durchhalteparolen. Im Antlitz des sterbenden Jesus sehen wir all diejenigen, die sich hinter den täglich vermeldeten Todeszahlen verbergen. Und doch: Seinen Sinn bekommt Karfreitag erst von Ostern her. Dann werden wir feiern, dass alles Leben durch den Tod hindurch gehalten ist und unser Zusammenleben ganz neu zum Leuchten kommt. Wann sich das Ostergefühl einstellen wird? Wer weiß. Noch ist Karfreitagszeit und noch ist vieles zerbrechlich. Aber in der Solidarität um mich herum spüre ich die Liebe Gottes, die trägt.

Ich hoffe, dass diese Solidarität auch über Grenzen hinausreicht. Für mich ist sie in diesem Jahr das stärkste Zeichen, das auf Ostern hindeutet.

Pfarrer André Witte-Karp, Dekan des Evangelischen Dekanats Gießen

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