+
Kantor Christoph Körber vor seinem Arbeitsplatz, der ehrwürdigen Johanneskirche. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Kantor Christoph Körber: Musik in allen Lebenslagen

  • schließen

Christoph Körber ist schon seit 22 Jahren Kantor der Johanneskirche. Liebe auf den ersten Blick war seine Begegnung mit Gießen zwar nicht. Glücklich geworden ist er hier trotzdem.

Wir schreiben das Jahr 1998. Christoph Körber ist gerade am Gießener Bahnhof angekommen. Also schlendert er die Straße hinunter in Richtung Fußgängerzone. Was er sieht, gefällt ihm gar nicht. Wo bin ich denn hier gelandet?, geht Körber damals durch den Kopf. Als er das erste Mal seinen neuen Arbeitsplatz die Johanneskirche sieht, ist er ebenfalls nicht gerade begeistert. Dazu muss man wissen, dass das imposante Gotteshaus damals noch nicht renoviert gewesen war. Kurzum: Körber rechnete nicht damit, sonderlich lange in Gießen zu bleiben. Und heute? 22 Jahre später ist der 51-Jährige noch immer Kantor der Johanneskirche. "Und wir leben sehr gerne in Gießen", wie er betont. Schließlich habe sich das Gesicht der Stadt in den vergangenen Jahren sehr zum Positiven gewandelt.

Körber ist 1968 in Süddeutschland geboren. "Ich komme aus einem fränkischen Pfarrerhaushalt. Mit sechs Geschwistern, die Kirche mitten im Dorf, das Pfarrhaus neben dem Friedhof." Die Jugend ist also durch einen starken kirchlichen Stallgeruch geprägt. Vor allem aber einem musikalischen. Alle Kinder der Familie lernten ein Instrument, Körber war zudem Mitglied im Kirchen- und im Posaunenchor.

Natürlich lernte er schon früh das Orgelspiel, was dazu führte, dass er in der Jugend auch mal einsprang, wenn bei einer Beerdigung ein Organist ausgefallen war. "In meiner Jugend hat Musik also eine große Rolle gespielt", sagt Körber. Das setzte sich auch fort. Nach dem Abitur an einem Gymnasium mit Schwerpunkt Musik absolvierte Körber die Aufnahmeprüfung für das Kirchenmusikstudium in Trossingen im Schwarzwald. "Das war ein ganz tolles Studium, wahnsinnig vielfältig", betont Körber. Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum die Zeit sein weiteres Leben prägen sollte. "Während meines Studiums habe ich auch meine spätere Ehefrau kennengelernt." Nach einer weiteren Station in Freiburg erhielt Körber dann die Stelle als Kantor in Gießen.

Körber hat einen Lebensweg eingeschlagen, der durch seine Jugend geprägt ist. In die Fußstapfen seines Vaters wollte er jedoch nicht treten. "Pfarrer wollte ich auf keinen Fall werden. Gerade auf dem Dorf ist das ein wahnsinnig anstrengender Beruf." Körber erinnert sich daran, dass die Menschen mit ihren Sorgen Tag und Nacht angerufen haben, teilweise standen sie sogar unangekündigt in der Wohnung. "Damals war das noch intensiver. Als Pfarrer war man eine öffentliche Person. Und die Familie gehörte dazu."

Der Kirche ist Körber trotzdem treu geblieben. Und als Kantor der Johanneskirche hat der 51-Jährige ebenfalls viel zu tun. Dazu zählt nicht nur sein Einsatz an der Orgel, wenn die Gießener sonntags um 10 Uhr in die Johanneskirche strömen. Mit seinen musikalischen Gruppen gestaltet er den Gottesdienst auch mit. "Die Gruppen sind ohnehin meine Hauptarbeit", sagt der Kantor. Da wäre natürlich die Kantorei, die mit 90 Leuten aus allen Altersgruppen einen der größten Chöre der Stadt bildet. "Jeder, der mit unserem Tempo mithalten kann, darf mitsingen", sagt Körber vielsagend und fügt an, dass in der Kantorei vor allem die großen Werke der Kirchenmusik vom 17. bis zum 20. Jahrhundert im Mittelpunkt stehen. Nicht weniger anspruchsvoll geht es im Streichorchester zu, das nicht nur die Kantorei bei ihren Auftritten begleitet, sondern auch eigene Orchesterkonzerte gibt.

Eine völlig andere Herangehensweise ist bei den Kleinsten gefordert. "Ich habe 2003 damit angefangen, einen Kinder- und Jugendchor aufzubauen", sagt Körber. Mittlerweile bestehe das Projekt aus vier Gruppen mit insgesamt 90 Jungen und Mädchen im Alter von 5 bis 15 Jahren. Während er bei den anderen Chören teils kontrovers über eine Interpretation von Mendelsson und Co. diskutieren würde, sei der Kinderchor absolute Basisarbeit - alle Vögel sind schon da und Schuhe zubinden inklusive. "Diese Arbeit macht mir sehr viel Spaß. Vor allem, weil man die Kinder mit aufwachsen sieht." Gleichzeitig sei es befriedigend, die teils großen Entwicklungsschritte beobachten zu können.

Das hat Körber auch bei seinen eigenen Kindern miterlebt. Der 51-Jährige ist vierfacher Vater. "Wir haben großen Wert darauf gelegt, dass alle ein Instrument lernen. Auch gegen den ein oder anderen Widerstand", sagt er schmunzelnd. Körber betont, dass es ihm nicht darum ginge, dass der Nachwuchs mal in seine Fußstapfen treten solle. Vielmehr sehe er die Musik als eine Bereicherung fürs Leben an.

Ob die Kinder den Eltern dafür dankbar sind? "Nun ja. Es ist nicht so, dass sie es jeden Tag sagen würden", sagt Körber. "Aber wenn unsere Tochter vom Studium nach Hause kommt, setzt sie sich erst einmal ans Klavier. Und genau deswegen haben wir die Kinder auch ermuntert."

Deutlicher haben die Kinder Wünsche bei der Wohnortfrage geäußert. "Von ihnen kam das klare Signal, dass sie hier auf keinen Fall wegwollen." Daher habe sich ein Umzug nie ergeben, sagt Körber, zumal seine Ehefrau als Musiklehrerin in Wetzlar arbeitet.

Der Kantor räumt aber ein, dass er mit einem Wohnort- und somit Arbeitgeberwechsel durchaus mal geliebäugelt hatte. "Als Kirchemusiker ist es normal, nach zehn Jahren die Stelle zu wechseln. Nicht nur, um neue Erfahrungen zu machen, sondern auch, um die Leute von einem selbst zu erlösen." Körber will nicht beschönigen: Er sagt, dass er diesen Verlauf manchmal nicht als optimal empfinde.

Aber das seien nur kurze Gedankenspiele. Denn grundsätzlich sei er nicht nur mit seiner Kirche, sondern auch mit seinem Wohnort zufrieden. Mit dieser Einschätzung ist er nicht alleine, viele Zugezogene fühlen so. Es sind eben nicht die Häuser, die eine Stadt lebenswert machen, sondern die Menschen, die darin wohnen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare