Tatort to go

Das kann die neue Tatort-Kamera der Polizei Mittelhessen

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Eine neue Kamera soll den Gießener Polizisten die Verbrecherjagd erleichtern. In Mittelhessen war sie bisher 13 mal im Einsatz. Auch bei einer Messerstecherei in Gießen.

Am Hinterkopf hat sich eine kleine Blutlache gebildet. Kein Wunder, das Messer steckt dem Opfer noch immer tief im Hals. Behutsam zieht die Mitarbeiterin der Spurensicherung die Klinge heraus. Das Beweisstück wandert in den Plastikbeutel. "Bitte die Klinge noch einmal reinstecken", ruft plötzlich einer der Fotografen. Die kriminaltechnische Angestellte erfüllt den Wunsch gerne – schließlich handelt es sich bei der Leiche um eine Puppe. Die Polizei hat den Tatort inszeniert, damit die Presse die neueste Errungenschaft im Kampf gegen das Verbrechens im Einsatz sehen kann.

Kosten von 10000 Euro

Im Sommer dieses Jahres hat die Polizeidirektion Mittelhessen 10 000 Euro für eine hochauflösende Kamera ausgegeben. "Mit Hilfe dieser Kamera können wir Szenarien immer wieder durchspielen. Das ist an einigen Tatorten sehr wichtig, um auf Abläufe zu stoßen, die nicht plausibel oder gleich offensichtlich sind", sagte Polizeipräsident Bernd Paul. Wie die Kamera im Detail funktioniert, erklärte im Anschluss Kriminaloberkommissar Joachim Kuczera.

Demnach thront auf dem dreibeinigen Stativ ein Panoramaroboter, der in nur 4,5 Minuten 406 Einzelbilder aus verschiedenen Positionen aufnimmt. Dafür fährt die Kamera auf und ab und hin und her, wodurch am Ende ein Panorama entsteht, das einen Aufnahmebereich von 360 Grad (horizontal) und 180 Grad (vertikal) abbildet. Anschließend können die Ermittler die Aufnahmen am Computerbildschirm inspizieren. Dank der Auflösung von 512 Megapixel sind auch Details gestochen scharf zu sehen. Zum Beweis zoomt Kuczera auf den an der Wand hängenden Kalender. Kein Eintrag für die Tatnacht. Wäre auch zu einfach gewesen.

Virtuelle Tatortbegehung

"Die Kamera ist ein wunderbares Gerät und eine große Hilfe für uns. Vor allem, weil sie so einfach zu bedienen ist", sagt Kuczera. Die Spurensicherungsbeamten bräuchten keine fotografischen Vorkenntnisse, zum Beispiel über Belichtungszeit oder Brennweite. Denn bei jeder der 58 eingenommenen Positionen schießt die Kamera sieben Fotos in unterschiedlichen Einstellungen und gleicht auf diesem Wege zum Beispiel unvorteilhafte Lichtverhältnisse aus. Außerdem sei die Kamera mit 3,3 Kilogram sehr leicht und transportabel, betont Kuczera. In den vergangenen Wochen sei sie daher schon 13 mal im Einsatz gewesen, darunter auch bei einer Messerstecherei an einer Gießener Gartenhütte.

Panorama aus 406 Einzelbildern

Vor der Anschaffung haben die Spurensicherer Tatorte stets mit Fotoapparat und Camcorder dokumentiert. Die Auswertung war jedoch sehr aufwendig, schließlich mussten etliche Fotos einzeln gesichtet werden. "Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in denen wir Grundrisse nachgezeichnet haben und die Fotos auslegen mussten", erzählt Polizeipräsident Paul. Die neue 360-Grad-Kamera hat in seinen Augen aber noch einen weiteren Vorteil: Durch die vollumfängliche Abbildung des Tatorts ließen sich Zusammenhänge besser erkennen. Auch hinzugezogene Kollegen, die bei der Begehung des Tatorts nicht dabei gewesen sind, könnten sich dank der Kamera ein realistisches Bild machen – und so dem Täter vielleicht schneller auf die Schliche kommen.

Im Fall der ermordeten Gummipuppe scheint der Fall übrigens klar zu sein: Das Besteckmesser spricht für einen Täter aus dem Kantinen-Milieu.

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