Seit Sonntag auch im Stadtbild sichtbar: Der Kommunalwahlkampf hat begonnen.	FOTO: MÖ
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Seit Sonntag auch im Stadtbild sichtbar: Der Kommunalwahlkampf hat begonnen. FOTO: MÖ

374 Kandidaten für 59 Plätze

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Es soll keiner behaupten, dass Kommunalpolitik im mäßig entschädigten Ehrenamt nicht interessant ist: 374 Kandidaten und damit fast 40 mehr als 2016 bewerben sich bei der Wahl am 14. März um die 59 Sitze im Gießener Stadtparlament. Die Zusammensetzung der Bevölkerung wird der Stimmzettel nur bedingt spiegeln. Frauen und Migranten sind unterrepräsentiert.

Möller ist ein schöner deutscher Nachname, der ganz oben auf der Bewerberliste der CDU für die Kommunalwahl am 14. März steht. Weiter unten, zwischen den Roths, Oswalds oder Beckers, stehen auch Namen wie Görgülü-Ülger, Vural, Tecleab oder El-Jana. »Unsere Liste ist bunt«, sagt Parteichef und Spitzenkandidat Klaus Peter Möller nicht ohne Stolz über das Personalangebot der Union.

Was für die CDU gilt, gilt insgesamt: Das Bewerberfeld ist im Vergleich zu früheren Wahlen zwar weiblicher, jünger und auch bunter, aber die demografische Realität der Universitätsstadt Gießen bilden die 374 Männer und Frauen, die sich um die 59 Sitze im Stadtparlament bewerben, nur bedingt ab. Die GAZ hat die vor gut einer Woche zugelassenen zehn Wahlvorschläge unter verschiedenen Aspekten ausgewertet.

Frauenanteil

Von den 374 Kandidaten sind nur 129 weiblich, was gut einem Drittel entspricht. In der Gießener Gesamtbevölkerung (rund 89 000 Einwohner) stellen die Frauen mit 51 Prozent dagegen knapp die Mehrheit. Diesem Verhältnis kommen die SPD mit 32 Männern und 30 Frauen, die Grünen mit 31 Männern und 28 Frauen sowie die Liste Gießen gemeinsam gestalten (14 Männer, 13 Frauen) am nähesten. Bei der CDU sind 20 von 62 Kandidaten weiblich, bei der AfD sechs von 22, bei der Linken zehn von 26, bei der FDP nur acht von 53, bei den Freien Wählern acht von 31, bei Die Partei auch nur zwei von 20 und bei Volt vier von zwölf.

Etwas besser sieht es beim Blick an die Spitze der Wahlvorschläge aus. Immerhin vier (SPD, Grüne, AfD, Die Partei) von zehn Listen werden von Frauen angeführt.

Junge und Alte

Gießen gilt als jüngste Stadt in Hessen. Das spiegelt das Bewerberfeld durchaus. Immerhin fast 140 der 374 Kandidaten sind 1980 oder später geboren. Absolut die meisten Jungen finden sich bei den Grünen mit 29 von 59 Kandidaten und der FDP mit 26 von 54. Verhältnismäßig am jüngsten sind die Liste Volt (neun von zwölf), Die Partei (15 von 20) und die Gießener Linke (16 von 26). Bei der SPD zählen 18 von 62 und bei der CDU 17 von 62 zu den Jüngeren. Fast 60 Kandidaten gaben an, im Moment zu studieren. Um zu gewährleisten, dass junge Kandidaten, die häufig weniger bekannt sind als die Älteren, auch tatsächlich einen Sitz im Stadtparlament ergattern, wurden etliche Junge auf vorderen Plätzen aufgestellt. Die Erfahrung vorheriger Kommunalwahlen hat nämlich gezeigt, dass ältere Bewerber aufgrund ihrer größeren Bekanntheit Plätze nach vorne gutmachen und Junge etwas an Boden verlieren.

84 von 374 Kandidaten sind 1955 oder früher geboren. Die meisten »Alten« mit 22 finden sich bei der SPD, gefolgt von der CDU mit 15. Das hängt auch damit zusammen, dass bei CDU und SPD im Hinterfeld der Liste verdiente Kommunalpolitiker auf sogenannten »Ehrenplätzen« stehen und den Altersschnitt anheben.

Jüngster Kandidat ist der 2002 geborene Schüler Stergios Svolos von den Grünen, der älteste der 1934 geborene Dr. Siemer Oppermann (SPD).

Migranten

Legt man beim Studium der Wahlvorschläge die allgemeine Definition von Migrationshintergrund zugrunde und schaut auf Namen und Geburtsorte, kommt man auf knapp 40 Bewerber. Das entspricht einem Anteil von gerade einmal gut zehn Prozent. Allein der Ausländeranteil in Gießen beträgt rund 18 Prozent. Hinzu kommen noch die vielen Deutschen mit Migrationshintergrund, zusammen dürften sie ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung stellen. An diese Quote reicht allenfalls die Liste Volt mit vier von zwölf Bewerbern heran. Absolut zählte die Redaktion bei der CDU mit acht und der SPD mit sieben die höchste Zahl an Bewerbern mit Migrationshintergrund, gefolgt von Grünen mit sechs sowie der FDP mit fünf. Bei den Freien Wählern hat kein einziger Kandidat einen Migrationshintergrund, bei der AfD sind es zwei von 22. Einziger Spitzenkandidat mit ausländischen Wurzeln ist Ali Al-Dailami von der Gießener Linken.

Berufe

Unter den Berufsbezeichnungen gibt es die meisten Nennungen bei den Ärzten/Medizinern mit 16, gefolgt von den Rechtsanwälten und Juristen mit 14 und den Lehrern mit zwölf. Polizist gaben fünf Kandidaten als Beruf an. Die meisten Nennungen indes sind unspezifisch (Kaufmann, Geschäftsführer, Angestellter oder Projektleiter). Ein einziger Kandidat gab an, arbeitslos zu sein. Bei einer Arbeitslosigkeit von rund neun Prozent in Gießen spiegelt sich auch hier die Realität in den Wahlvorschlägen eher nicht.

Ortsbeiräte

Für die fünf Ortsbeiräte, die über jeweils neun Sitze verfügen, kandidieren 152 Bewerber, mit 36 die meisten in Allendorf, die wenigsten mit 25 in Kleinlinden. Das Geschlechterverhältnis stellt sich ähnlich dar wie bei den Wahlvorschlägen fürs Stadtparlament. Mit 50 Kandidatinnen stellen die Frauen etwa ein Drittel. Kandidaten aufgestellt für die Stadtteilvertretungen haben sieben Parteien und Wählergruppen. Insgesamt sind es 24 Listen, davon werden fünf von Frauen angeführt.

Ausländerbeirat

Um die Wahlbeteiligung zu erhöhen, findet die Wahl des Ausländerbeirats erstmals mit der Kommunalwahl statt. Um die 31 Sitze bewerben sich 61 Kandidaten, davon 23 Frauen. Mit Gießen International und der Liste für Vielfalt und Teilhabe gibt es zwei Wahlvorschläge, zuletzt waren es vier.

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