Wohnungsmarkt

Kampf um Wohnungen in Gießen nimmt zu

  • schließen

"Ich kaufe Ihnen das Flussstraßenviertel ab." Warum die Wohnbau solchen Angeboten widersteht und wieso Kreisbürger dort kaum Chancen haben, erläutert der Geschäftsführer der städtischen Gesellschaft.

Wie sieht der Wohnungsmarkt in Gießen derzeit aus?

Der Druck aus der Rhein-Main-Region nehme zu, sagte Wohnbau-Geschäftsführer Thies im Sozialausschuss. Spürbar sind auch die Trends zum Innenstadt-Wohnen im Alter und zur Geldanlage in "Betongold". Die Wohnbau müsse vor allem diejenigen Bevölkerungsgruppen versorgen, die im "scharfen Konkurrenzkampf" das Nachsehen haben.

Welche Rolle spielen Flüchtlinge bei dieser Entwicklung?

Die Zuwanderung verstärkt laut Thies die Dynamik – allerdings nicht in dem Ausmaß, wie es Kritiker darstellten. Viele Flüchtlinge versuchten aus Landkreisgemeinden nach Gießen zurückzukehren, weil dort nur "Notunterkünfte" geschaffen worden seien.

Es gibt doch kaum noch echte Sozialwohnungen, oder?

Tatsächlich befinden sich von den 7100 Wohnbau-Wohnungen nur noch 1800 formal in einer "Sozialbindung". Doch über 95 Prozent werden nach ähnlichen Kriterien vergeben, so Thies. Ausnahmen seien einige besonders aufwendig sanierte Gebäude, etwa das Dach-Café. Die Durchschnittsmiete liege bei 5,40 Euro pro Quadratmeter.

Wer bekommt schnell eine Wohnbau-Wohnung – und wer gar nicht?

Derzeit sind 1200 Haushalte als Nachfrager registriert. Bei der Wohnbau werden jedoch höchstens 500 Wohnungen im Jahr frei, viele davon wegen anstehender Modernisierung. Thies: "Wir schärfen derzeit die Spielregeln für die Vergabe nach." Berücksichtigt werde vor allem der Bedarf. In aller Regel unversorgt blieben Menschen, die aus Umlandgemeinden zuziehen wollen. Die Gesellschaft lebe schließlich vom Geld der Gießener Steuerzahler. Die Gemeinden müssten mehr Sozialwohnungen bauen. Möglicherweise sei ein "Versorgungsverbund" sinnvoll.

Die Stadtregierung plant 400 neue Sozialwohnungen. Wer darf da einziehen?

Thies wünscht sich einen "Wohnberechtigungsschein 2", damit auch Bürger mit Einkommen aus dem unteren Mittel eine Chance haben. Die Landesregierung sehe diese Möglichkeit derzeit nur für Südhessen vor.

Viele Häuser sind marode. Wie will die Wohnbau sie renovieren, ohne Arme aus ihren Vierteln zu vertreiben?

Dies ist für Thies die zentrale Herausforderung. Dabei helfe die neue "soziale Miete". Im Quartier verwurzelte Mieter mit wenig Geld zahlten auch nach Renovierung höchstens 6,50 Euro. Erhöhungen seien unvermeidlich. So verlangten Banken bei der Kreditvergabe Ertragssteigerungen. Der Landesrechnungshof mahnt, die Wohnbau könne mehr Miete einnehmen. Alternativen gäbe es. "Reihenweise Investoren" hätten gern das innenstadtnahe Flussstraßenviertel gekauft und dort teure Wohnungen errichtet. Die Wohnbau hätte von dem Geld für die 1000 Bewohner weiter draußen bauen können, doch auch dort wäre deutlich mehr Miete fällig. Von solchen Angeboten dürfe man sich nicht "verführen lassen", meint Thies.

Wieso geht die Wohnbau bei energetischen Sanierungen häufig über die Vorgaben hinaus?

Dank Kooperation mit Stadtwerken und dem Einwerben von Fördermitteln – "da sind wir Hessenmeister" – hielten sich die Baukosten oft im Rahmen, so Thies. Die Mieter sparten Heizkosten. Das erkenne inzwischen auch das Jobcenter an.

Stehen die Stadtverordneten hinter der Wohnbau-Strategie?

Im Sozialausschuss erntete Thies jedenfalls breite Zustimmung: Gießen könne stolz sein auf den großen Wohnungsversorger mit klarer sozialer Linie, wie es ihn anderswo kaum noch gebe. Michael Janitzki (Linke) beklagt zu hohe Mietsteigerungen. Thies mahnt, die Kommunalpolitik müsse dieses Top-Thema dauerhaft im Blick behalten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare