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Schwimmmeisterin Sabine Kaiser hat im Freibad an der Ringallee alles im Blick.

Mensch, Gießen

Kaisers Reich am Beckenrand

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Diese Frau ist für das Wasser gemacht. Schwimmmeisterin Sabine Kaiser ist seit 25 Jahren ein Gesicht der Gießener Hallen- und Freibäder. An der Ringallee hat sie alles im Griff. Ein Porträt.

Diese Frau macht kein großes Aufheben um ihre Person. Sie antwortet auf Fragen schnörkellos, macht kein Drama auch um Dramatisches. Vielleicht muss man so sein, wenn man in der Sommersaison über 100 000 Menschen auf 50 000 Quadratmeter, Technik und Mitarbeiter bei Laune halten und bei Temperaturen bis zu 40 Grad kühlen Kopf bewahren muss. Sabine Kaiser ist Schwimmmeisterin und Leiterin des Stadtwerke-Freibads an der Ringallee. Und bei all ihren verschiedenen Arbeiten, die sie dort verrichtet, steht eine Sache bei der 42 Jahre alten Frau ganz weit oben: "Priorität hat, dass keinem Badegast etwas passiert."

Von der Auszubildenden zur Führungskraft - der berufliche Werdegang von Kaiser beeindruckt. 1994 begann sie ihre Ausbildung bei den Stadtwerken, drei Jahre später beendete sie diese und machte 2002 ihren Meister. Seit 2015 leitet sie das Freibad an der Ringallee. Ihr Weg ins Wasser begann aber bereits in jungen Jahren. Auch wenn die in Grünberg aufgewachsene Kaiser mit einem Schmunzeln erzählt, dass sie erst mit zehn Jahren Schwimmen gelernt hat. Aber Volleyball und Basketball habe sie nur halbherzig gespielt. "Ich wollte immer nur ins Hallenbad oder ins Freibad", sagt sie, "und habe meine Mutter solange genervt, bis sie mir das erlaubt hat."

Früh engagierte sich Kaiser in der Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), passte an Seen auf, dass niemand ertrinkt. Dass sie diese Tätigkeit zum Beruf machen will, sei ihr früh klar gewesen. Vielleicht war auch ihre sechs Jahre ältere Schwester ein heimliches Vorbild; sie arbeitet ebenfalls als Schwimmmeisterin. Ihre Eltern hätten dementprechend entspannt auf ihren Berufswunsch reagiert. "Mach, was du willst", hätten sie ihr gesagt, "aber mach es zuende."

Die Stille unter Wasser

Warum Wasser? Warum Schwimmen? Kaiser kann ihre Leidenschaft zuerst schwer in Worte fassen. Sie ist nicht der Typ, Dinge zu überhöhen. Sie überlegt lange. Dann sagt sie: "Man hat den Kopf unter Wasser, man hört kaum noch etwas. Was zu viel im Kopf ist, spielt nach fünf Bahnen keine Rolle mehr." Das einzige, was sie umgibt: "Eine wunderbare Stille." Sie lacht, als sie noch hinzufügt: Und mittlerweile ist es auch gut für die Gelenke."

An ihrem Job reizt sie vor allem der Umgang mit Menschen. "Eingesperrt im Büro sitzen", sagt sie, "das kann ich nicht." Zwar erwarte sie jeden Tag das gleiche Schwimmbad, "aber jeden Tag andere Gäste". Vom Namen her kennt sie die wenigsten, aber Gesichter kann sie sehr gut zuordnen, erzählt sie und schmunzelt. Dass sie mittlerweile Führungskraft ist und Verantwortung für 13 Mitarbeiter trägt, sieht sie als Herausforderung. "Aber genauso herausfordernd ist es, Veranstaltungen im Freibad so zu organisieren, dass sie gelingen." Die Chance, sich immer wieder beweisen zu können - das reizt sie. Aber auch die Chance, Dinge besser zu machen. "Generell scheue ich mich nicht, nachzufragen."

Schlechtes Wetter könne sie nicht ausstehen, sagt sie. Wenn der Starkregen zum Beispiel Schlamm ins Babybecken spült. Als sie dorthin zeigt, fällt ihr Blick auf drei Jungs. Sie steht auf, sagt nebenbei "Die haben eine Kamera dabei" und eilt zu den Jugendlichen hin. Fotografieren ist im Freibad nicht erlaubt. Man hört eine kurze, freundliche, aber unmissverständliche Ansage von Kaiser. Und schon lassen die Jungs ihr Smartphone verschwinden. "Es gibt immer etwas zu tun", sagt sie, als sie wieder auf der Bank sitzt. "Bei schlechtem Wetter mit dem Hochdruckreiniger die Fliesen säubern, kleinere und größere Reparaturen machen."

Bienenstich und Herzversagen

Dann die großen und kleinen Wehwehchen: vom Bienenstich (nicht der Kuchen!) bis zu Aufschürfungen und Badeunfällen. Von tödlichen Unfällen, erzählt sie, sei sie bisher verschont geblieben. Nur einmal habe während ihrer Schicht ein Mann einen Badeunfall gehabt. Erst auf Nachfragen sagt sie kurz und knapp, dass er ein Herzkreislaufversagen erlitten habe. "Er schwimmt heute nicht mehr, aber dafür bringt er seine Frau immer ins Freibad." Für sie ist das Retten selbstverständlich wie beim Autofahren das Schalten. "Ein Automatismus", sagt sie. Deswegen behält sie auch im Urlaub am Pool den Überblick. "Man lebt den Beruf eben", sagt Kaiser und zuckt mit den Schultern. "Mich stört das aber nicht. Es ist wie bei einem Koch, der Essen geht und merkt, dass bei seiner Bestellung Salz fehlt."

Kaiser braucht keine Beweihräucherung für eine Arbeit, die für sie Erfüllung genug ist. Ihr reicht es schon, wenn die Badegäste respektvoll untereinander, mit ihr und den anderen Mitarbeitern umgehen. Natürlich freue sie sich, wenn sie von Badegästen zum Ende der Saison ein kleines Törtchen mit den Worten "Danke für diesen Sommer" geschenkt bekommt, sagt sie. Und auch den Zusammenhalt unter den Mitarbeitern des Bäderbetriebs findet sie positiv. Kaiser selbst, sagt ihr Chef Uwe Volbrecht in ihrer Abwesenheit, sei eine "unglaublich wertvolle Mitarbeiterin". "Sie übernimmt Verantwortung und trifft Entscheidungen, was nicht immer angenehm ist", sagt der Leiter der SWG-Bäderbetriebe. Mit ihrer Intuition liege sie oft richtig.

Und wie sieht ihr Leben außerhalb der Gießener Bäder aus? "Salsa, Discofox tanzen, ins Fitnessstudio gehen", sagt sie. "Und zu Hause wartet auf mich mein Whirlpool." War ja klar, dass sich Kaiser auch in ihrer Freizeit im Wasser am wohlsten fühlt.

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