Schule in der Pandemie - auch für Eltern häufig mit neuen Erfahrungen verbunden. FOTO: SCHEPP
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Schule in der Pandemie - auch für Eltern häufig mit neuen Erfahrungen verbunden. FOTO: SCHEPP

Mit Kahoot-Jingle zur Klassenfahrt

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Das Coronavirus katapultiert uns zwangsläufig ins digitale Zeitalter. Denn Abstand halten lautet das Gebot. Und so müssen nicht nur Unterrichtsstunden und Redaktionsmeetings in den virtuellen Raum verlegt werden, sondern auch Schul-Elternabende. Das hat jedoch seine Tücken, wenn gestandene, aber bedingt virtuell erfahrene Best Ager online über die für Oktober nächsten Jahres anstehende Klassenfahrt entscheiden oder gar geheim online über Modalitäten abstimmen müssen.

Und so sitzen mein Mann und ich voller Spannung pünktlich zur angegebenen Zeit im Wohnzimmer vor dem Smartphone, das mit der Zoom-App das virtuelle Spektakel möglich macht. Den Laptop für den per E-Mail vorab angekündigten Aufruf einer zur Abstimmung geeigneten Homepage, der spielebasierten Lernplattform Kahoot, haben wir vorsorglich gleich daneben aufgebaut. Und für den Fall des technischen Blackouts sitzt Sohnemann im Hintergrund, um gegebenenfalls auszuhelfen. Er ist offenbar nicht der einzige Schüler, der an diesem Abend als Notfall-Backup bereitsteht.

Und dann geht es los. Immer mehr Väter und Mütter werden im winzigen Zoom-Sichtfenster auf dem Smartphone erkennbar - zumindest annähernd, denn der kaum briefmarkengroße Ausschnitt macht eine genaue Gesichtserkennung quasi unmöglich. Und zu sehen ist immer nur derjenige, der gerade spricht. Zudem hatten beim letzten "echten" Oberstufen-Elternabend alle Mund-Nase-Maske getragen. Von den meisten kennen wir also ohnehin nur die obere Gesichtshälfte.

Der Lehrer hat sich für seine Zoom-Moderation im Hintergrund ein Bild der von der Sonne beleuchteten Schule eingespielt. "Ich sehe, in Gießen scheint die Sonne. Bei uns ist es draußen schon dunkel", scherzt ein Vater unter allgemeinem Gelächter.

Dann geht es auch schon zügig in die Tagesordnung. Seitenweise blendet der Lehrer Homepage-Ansichten der geplanten Unterbringung ein. Die Eltern entziffern Tagespläne der vorgesehenen Aktivitäten, erkennen den zu zahlenden Preis und können Fragen zum Kleingedruckten stellen oder Vorschläge zum Ablauf der Fahrt an den Gardasee machen.

So weit so gut. Doch dann kommt Neuland für alle Beteiligten: die geheime Abstimmung. Denn geheim soll sie laut Vorschrift der Schule sein, ein simples Handheben als Zeichen der Zustimmung genügt nicht.

Der Lehrer hat vorsorglich den Link zur entsprechenden Homepage an die 15 Eltern gemailt, die diese auf Zuruf auch anwählen. Nervtötende Spielhallenmusik erklingt, während sich alle mit einem möglichst simplen "Nickname" anonymisiert registrieren. Und plötzlich werden auf dem Bildschirm Buchstaben erkennbar, hinter denen sich die jeweiligen Eltern verbergen. "Mein Passwort ist bereits vorhanden", schildert eine Mutter, warum das bei ihr nicht funktioniert. Kein Wunder, denn die Quote von "xxx" in mehreren Variationen ist doch sehr hoch. Und "Holger" und "Susi" legen offenbar keinen allzu großen Wert auf Anonymisierung. "Kann man nicht die Musik ausschalten", klagt ein vom Jingle genervter Vater. Und dann ist auch schon die Zeit abgelaufen, in der die Abstimmung hätte vollzogen werden können. Auch das Zoom-Meeting muss erneut gestartet werden, dort wird man generell nach einer gewissen Zeit rausgeworfen.

Beim erneuten Einwahlversuch fehlt eine Mutter auf der Liste. Scheinbar ist ihre Internetverbindung ausgestiegen. Doch eine andere weiß Rat und ruft sie kurzerhand an. "Ich bin für Ja", hört man deutlich über die Lautsprecher und die geheime Abstimmung ist damit gar nicht mehr so geheim. Alle sind dafür, dass der Lehrer die Fahrt wie besprochen für den Herbst im nächsten Jahr kalkulieren kann.

"Und was ist, wenn der Reiseveranstalter zwischenzeitlich wegen der Corona-Pandemie pleitegeht?", fragt ein Vater - auch das verspricht der Lehrer mit der Versicherung abzuklären und beendet dann den virtuellen Elternabend. Schule in Zeiten von Corona findet eben unter ganz besonderen Rahmenbedingungen statt - für Schüler, Lehrer und für Eltern. (gl)

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