Kämmen und Kümmern

  • Christoph Hoffmann
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Uwe Bingel ist seit drei Jahrzehnten prägender Kopf der heimischen Friseurbranche. In seinem Salon Stadtfriseur Reinold auf dem Seltersweg kümmert er sich nicht nur um die Frisuren seiner Kunden, sondern auch um deren Seelen. Seit Corona hat sich jedoch alles verändert.

Es war die erste Märzwoche des vergangenen Jahres, als das damals noch abstrakte Virus namens Corona für Uwe Bingel ganz real wurde. »Wir waren mit Freunden zum Skifahren in Saalbach-Hinterglemm. Mein Lebensgefährte muss sich auf der Piste angesteckt haben.« Bingel sagt, dass sie die ersten Menschen im Kreis Gießen gewesen seien, die in Quarantäne mussten. Zu diesem Zeitpunkt konnte er jedoch nicht ahnen, dass die Quarantäne seine kleinste Corona-Sorge bleiben sollte. Bingel sitzt an diesem Vormittag im ersten Stock seines Salons Stadtfriseur Reinold. Für sein Betrieb war die Pandemie eine Katastrophe.

Bingel ist in Gießen geboren und in Dorf-Güll aufgewachsen - sehr zu seinem Leidwesen, wie er heute sagt. »Ich war schon immer ein Stadtmensch, ich fand es auf dem Dorf grausam.« Zum Glück waren seine Großeltern echte Schlammbeiser, und dazu noch welche mit spannenden Berufen. Während der Urgroßvater als Kutscher für die Gießener Brauerei mit den Pferden Fässer in die Kneipen brachte, standen Bingels Oma und Opa Becker selbst am Zapfhahn. »Meine Großeltern haben bis in die 70er Jahre die Marinestuben geführt. Später waren sie Betreiber der Gaststätte am Notaufnahmelager.« Bingels Affinität für die Stadt sorgte dafür, dass er viel Zeit bei seinen Großeltern verbrachte - und dabei auch Pläne für die eigene Zukunft schmiedete.

Mit 15 Jahren wechselte Bingel auf die Schule für Hauswirtschaft und Ernährungswissenschaften in Marburg. Zwei Jahre später begann er eine Lehre im Kloster Arnsburg. »Durch die Gastronomie meiner Großeltern wollte ich unbedingt Koch werden.« Doch während der Ausbildung merkte er, dass Vorstellung und Realität auseinanderklafften. »Koch ist einer der undankbarsten Berufe. Man hat kaum Freizeit, außerdem ist der Umgangston sehr rau.«

Bingel beendete die Lehre dennoch, danach begann er jedoch eine Ausbildung zum Friseur in seinem Heimatort. Im Anschluss erhielt er eine Anstellung beim »Stadtfrisör Reinold«, auch wenn er sich anfangs dagegen sträubte. »Der Laden hatte damals unter Friseuren wegen des strengen Arbeitsklimas keinen guten Ruf.« Die Wahl fiel trotzdem auf den Salon im Seltersweg. Nicht nur die hohe Anzahl an ausgezeichneten Innungsbesten überzeugte Bingel, sondern auch die vielen selbstständigen Friseure, die irgendwann einmal bei »Stadtfrisör Reinold« gearbeitet hatten. 1992 fing Bingel an, 1999 machte er seinen Meister, vier Jahre später stieg er in das Unternehmen ein und 2015 übernahm er es zusammen mit seiner Geschäftspartnerin Yasmin Demir - und ist darüber nicht immer glücklich.

»Seitdem wir den Laden übernommen haben, hat sich vieles verändert«, sagt Bingel. Die Einführung des Mindestlohns sowie zusätzliche bürokratische Hürden würden die Arbeit erschweren. Dass in Gießen an allen Ecken und Enden neue Friseursalons aus dem Boden schießen, mache die Situation nicht leichter. Vor allem sei die Suche nach geeignetem Nachwuchs eine große Herausforderung.

Friseur rangiert regelmäßig in den Top Ten der beliebtesten Berufe. Das heißt aber nicht, dass die vielen Bewerber auch geeignet wären. »Viele glauben inzwischen, es reicht aus, sich auf Instagram ein paar Videos anzuschauen«, sagt Bingel. Zudem würden sich immer mehr Menschen bewerben, die kein Deutsch sprechen. Bingel will nicht falsch verstanden werden: Die Herkunft spiele in seinem Laden keine Rolle, im Team würden Menschen aus Syrien, Russland, der Türkei und Afrika arbeiten. Für die Arbeit sei es aber unabdingbar, mit den Kunden kommunizieren zu können. Denn der Beruf des Friseurs umfasse weit mehr als waschen, schneiden und legen.

Es gibt Menschen, die wollen beim Haareschneiden in Ruhe gelassen werden. Und dann gibt es jene, für die der Besuch beim Friseur auch eine Gelegenheit ist, sich die Probleme von der Seele zu reden. »Wir sind im Grunde auch Psychologen und Eheberater«, sagt Bingel. Aber natürlich würden die Kunden auch ihre schönen Erlebnisse regelmäßig teilen. Für den Gießener ist das ein entscheidender Grund, warum er seinen Beruf so liebt.

Doch in den vergangenen Monaten sind die schönen Aspekte des Berufs in den Hintergrund geraten. Corona hat die gesamte Branche schwer getroffen, Friseure mussten lange schließen. Die finanzielle Belastung sei hoch gewesen, sagt Bingel. »Wir sind hier in einer 1A-Lage, daher bezahlen wir auch eine 1A-Miete.« Was den 51-Jährigen aber vor allem stört, ist die Undurchsichtigkeit bei den Zuständigkeiten. Der Gießener kann gar nicht mehr zählen, wie oft er mit der Kreishandwerkerschaft, dem Ordnungsamt und dem Landkreis gesprochen und dabei nicht selten unterschiedliche Antworten erhalten hat. Die fehlende Weitsichtigkeit der Behörden habe ihn zudem nicht nur einmal in Rage versetzt, sagt Bingel. Zum Beispiel, als der Landkreis an einem Freitag verkündete, Geschäfte müssten ab dem darauffolgenden Montag ihre Kunden auf Corona testen. »Ich habe mich daraufhin in mein Auto gesetzt und in Köln 400 Schnelltests gekauft. Gerade, als ich wieder zurückfahren wollte, erhielt ich die Nachricht, dass der Landkreis zurückgerudert ist.« Bingel muss bei dem Gedanken noch immer mit dem Kopf schütteln. »Da fühlt man sich als Unternehmer doch verarscht.« Immerhin: Der Kreis hat Bingel die Schnelltests abgekauft.

Momentan sind die Prognosen in Sachen Corona vielversprechend. Bingel hat daher Hoffnung auf eine baldige Rückkehr zur Normalität. So kann er jetzt schon wieder mit seinem Freundeskreis Essen gehen und für sie kochen, was noch immer eine große Leidenschaft des Gießeners ist. Auch eine Reise in die USA, das Lieblingsland von Bingel, dürfte irgendwann wieder möglich sein. Natürlich gemeinsam mit seinem Lebensgefährten, mit dem er nun schon elf Jahre zusammen ist.

Vor allem aber hat Bingel die Hoffnung, seine Arbeit bald wieder ohne Hürden ausüben zu können. »Das Schöne an unserem Beruf ist, dass sowohl wir als auch unsere Kunden jeden Tag Erfolgserlebnisse haben. Die Menschen freuen sich und verlassen den Laden mit einem Lächeln.« In den 30 Jahren, die Bingel nun schon im Seltersweg die Haare schneidet, ist zudem die Zahl der Stammkunden stark angewachsen. »Teilweise kommt schon die dritte Generation zu uns. Neulich habe ich einer Kundin die Brautfrisur gemacht, der ich schon für die Konfirmation die Haare geschnitten hatte.« Bingel hält kurz inne, dann sagt er lächelnd: »Es gibt nichts Schöneres in unserem Beruf.«

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