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Juwelierin vereitelt Schockanruf

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Von: Christoph Hoffmann

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Luisa Parr aus dem gleichnamigen Juweliergeschäft in der Bahnhofstraße ist für ihre Zivilcourage von der Polizei ausgezeichnet worden. © Oliver Schepp

Ohne die Mithilfe der Bürger würde die Polizei weitaus weniger Täter überführen. Die Beamten wissen das, weshalb sie jedes Jahr Menschen auszeichnen, die Zivilcourage gezeigt haben. Zwei Fälle, die bei der Feierstunde präsentiert wurden, spielten sich in Gießen ab.

Juweliergeschäfte sind Orte, in denen für ganz besondere Momente eingekauft wird. Zum Beispiel Taufen, Geburten oder Hochzeiten. Das ist auch im Juweliergeschäft Parr nicht anders, das seit vielen Jahren in der unteren Bahnhofstraße zu finden ist. Am 16. September 2022 betrat eine Frau jedoch aus einem ganz anderen Grund das Geschäft: Sie wollte große Mengen Gold kaufen, um ihre Tochter vor dem Gefängnis zu bewahren. Dachte sie zumindest.

Die Polizeidirektion Mittelhessen zeichnet jedes Jahr Menschen aus, die Zivilcourage gezeigt haben und somit Opfern geholfen und/oder der Polizei bei der Ermittlung wertvolle Hilfe geleistet haben. »Das ist für die Ermittler von großer Bedeutung«, sagte Polizeipräsident Bernd Paul während der Feierstunde am Donnerstag im Polizeipräsidium. Er sprach von einem Spagat, den die Helfer eingingen. Schließlich bestehe die Möglichkeit, sich in Gefahr zu begeben. Lautstark bemerkbar machen, Taten mit Fotos dokumentieren und die Polizei rufen, seien daher die sinnvollsten Maßnahmen.

Viele der geehrten Bürger haben mehr getan. Zum Beispiel der 23-jährige Fabian Bertsch. Er ist der junge Mann, der am 12. Juni 2022 jenen Mann gestoppt hat, der kurz zuvor in der Ludwigstraße einen Menschen totgefahren hatte. Bertsch hatte von der Fahrerflucht mitbekommen, war auf sein Motorrad gesprungen und dem Täter gefolgt. An einer Ampel stellte er den Flüchtigen und hielt ihn fest, bis die Polizei eintraf.

Auch Luisa Parr ist für ihren Einsatz ausgezeichnet worden. Die 35-jährige Juwelierin konnte verhindern, dass eine 54-jährige Gießenerin ein Vermögen verliert. »Die Dame kam in unser Geschäft und wollte Goldbarren im Wert von 100 000 Euro kaufen.« Parr kam das komisch vor. Zwar seien Goldkäufe nichts ungewöhnliches, in dieser Höhe aber sehr wohl. »Ich habe ihr gesagt, dass dies nicht so einfach sei und ich das Gold bestellen müsse.« Darauf wollte sich die Kundin aber nicht einlassen. Sie brauche das Gold sofort. »Dann hat sie gesagt, stattdessen Schmuck im Wert von 100 000 Euro kaufen zu wollen«, sagte Parr und fügte an, spätestens in diesem Moment sei ihr klar geworden, dass etwas nicht stimme. »Die Dame wirkte sehr aufgeregt. Dann habe ich gesehen, dass ihr Handy mitlief.« Zunächst habe die Kundin nur geflüstert und gesagt, sie werde abgehört. Dann habe sie die Details herausgerückt.

»Staatsanwalt« fordert Goldbarren

Die Gießenerin war Opfer eines Schockanrufs geworden. Ein Mann hatte sie angerufen, sich als Staatsanwalt ausgegeben und erzählt, die Tochter der Gießenerin habe eine schwangere Frau überfahren. Eine schluchzende Frau, die die Angerufene für ihre Tochter hielt, bestätigte die Schilderung des vermeintlichen Staatsanwalts. Die Kaution betrage 100 000 Euro und müsse in Gold übergeben werden.

Bevor Luisa Parr in den Betrieb ihres Vaters einstieg, hat sie Jura studiert. Aber auch ohne diesen Hintergrund war ihr schnell klar, dass Staatsanwälte so nicht vorgehen würden. Sie nahm daher das Telefon der Frau und fragte den Anrufer, von welcher Staatsanwaltschaft er komme. »Da hat er aufgelegt.« Parr verständigte die Polizei, wenig später eilte auch die echte Tochter in das Juweliergeschäft, der Betrug war verhindert.

»Ein wahnsinniger Einsatz von Ihnen, das war nicht selbstverständlich«, sagte Manfred Kaletsch, Leiter der Einsatzabteilung, während der Feierstunde. Schließlich hätte Parr auch das Geld einstecken und sich über ein gutes Geschäft freuen können. »Das macht man natürlich nicht«, betonte die 35-Jährige. »Ehrlichkeit unseren Kunden gegenüber ist uns sehr wichtig.« Die Täter konnten nicht ermittelt werden.

Schockanrufe werden oft vereitelt, da viele Menschen inzwischen sensibilisiert sind. Dennoch gelingt es den Tätern immer wieder, Ängste der Menschen auszunutzen. »An diesem Fall sieht man, was diese Ängste und der Druck am Telefon auswirken können«, sagte Kaletsch und hob hervor, dass das Opfer nicht etwa 90, sondern 54 Jahre alt gewesen sei.

Dank Parr hat die Gießenerin die 100 000 Euro nicht verloren. Wenn die 54-Jährige nun aus einem erfreulicheren Grund Schmuck kaufen möchte, hat sie vermutlich schon eine bevorzugte Adresse.

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