Protest in der Aula der Universität.
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Protest in der Aula der Universität. 

Polizei greift ein

Julia Klöckner in Gießen: Polizei muss eingegreifen - "Ich finde es zynisch, dass..."

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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600 Zuhörer bei Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter, 800 bei Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner: Mit der Ein- bindung von Politikern in die Vorlesungsreihe des Präsidenten hat die Justus- Liebig-Universität einen Volltreffer gelandet. Beim Auftritt der CDU-Ministerin wird deutlich: Das große Interesse ist auch der Polarisierung geschuldet.

Gießen - Die Reste von "Sabine" fegen am frühen Montagabend durch Gießen. Am Morgen hat CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ihren Rücktritt angekündigt, in der Aula der Universität warten zwischen 700 und 800 Zuhörer auf Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Mit dem Dienstwagen ist die CDU-Politikerin aus dem Auge des politischen Orkans nach Gießen gekommen, weil der meteorologische ihren Flug verweht hat. "Es ist stürmisch allerorten, auch in der CDU", begrüßt Unipräsident Joybrato Mukherjee den Gast aus Berlin in einer der "führenden Agraruniversitäten Deutschlands" und bedankt sich für Klöckners Kommen, "ausgerechnet an diesem Tag".

Ein Tag, an dem ihre Parteivorsitzende vor den Fliehkräften in der CDU selbst geflohen ist. Es sind auch deshalb politisch so stürmische Zeiten, weil die Polarisierung so stark geworden ist. Wer wüsste das besser als Klöckner. Früher habe man von der Arbeit des Bundeslandwirtschaftsministers einmal im Jahr bei der "Grünen Woche" Notiz genommen, heute stehe das Ressort im Zentrum einer großen gesellschaftlichen Debatte um Klimaschutz, die Ernährung und die Zukunft der Landwirtschaft, erklärt die Ministerin nicht ohne Stolz.

Für das riesige Interesse zahlt Klöckner einen Preis. Die Bauern der Bewegung "Land schafft Verbindung", die nach ihrer Traktor-Demo in die Uniaula geströmt sind, sehen in der CDU-Landwirtschaftsministerin das kleinere Übel, das die schlimmsten Ökoauflagen der SPD-Umweltministerin und der EU-Bürokraten verhindert. Zuletzt hatte Klöckner einen Kompromiss ausgehandelt, der Ausnahmen vom Verbot der Herbstdüngung vorsieht. Eine Sprecherin der Bauern bedankt sich bei Klöckner für "die Arbeit der letzten zwei Jahre". Dagegen sehen Tier- und Umweltschützer in ihr eine Verteidigerin der "konventionellen Agrarwirtschaft".

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner bei ihrem Auftritt an der JLU. FOTO: SCHEPP

Nach einer Viertelstunde - Klöckner spricht gerade über die Herausforderungen der Welternährung, den Hunger in der Welt und die Nöte der Kleinbauern in Afrika - prallen die Lager aufeinander. Im Saal und auf der Empore verteilt sitzende Aktivisten der Bewegung "Animal Rebellion" springen auf, hängen Transparente mit Aufschriften wie "Tierindustrie ist Klimakiller" über die Balustrade, protestieren und singen lautstark gegen Klöckner an. Ein erregter Landwirt schreit die Protestler an: "Helft ihr mir, meinen Hof zu bewirtschaften?" So geht das einige Minuten hin und her, ehe die Polizei eingreift und die Protestler sanft aus der Aula befördert. "Ich finde es zynisch, dass Sie in dem Moment, in dem ich über Hungernde rede, die Veranstaltung stören", ruft ihnen Klöckner unter dem Beifall der Bauern und des "neutralen" Publikums hinterher.

Den Protest greift sie auf. Es gebe in ihrem Zuständigkeitsbereich "ganz viele Zielkonflikte". Die Landwirtschaft sieht sie "global gesehen" nicht am Limit, beantwortet Klöckner die Fragestellung der Vorlesungsreihe. Manchmal hört sich das bei ihr ganz einfach an: "Die konventionelle Landwirtschaft muss ressourcenschonender, die ökologische ertragreicher werden."

So kommt sie endlich beim eigentlichen Thema ihrer Vorlesung an, der Digitalisierung der Landwirtschaft. Denn die bietet nach Überzeugung der Ministerin die Möglichkeit, mit Düngemitteln und Schädlingsbekämpfung weiterzumachen, aber nicht als Flächenbombardement, sondern "pipettengenau". Mit Pflanzenschutzdrohnen, Satelliten, und Saatrobotern sollen die Erträge gesteigert und die Umwelt geschont werden. "Precision Farming" lautet das Zauberwort. Klöckner beschreibt Ställe ohne den Unruhestifter Mensch, redet über "Bewegungsprofile von Tieren, die dem Tierwohl dienen". Das sei die Zukunft der Landwirtschaft, von der weite Teile der Bevölkerung eine romantische Vorstellung hätten. "Bullerbü wird aber nicht funktionieren", sagt Klöckner.

Die Debatte mit dem Publikum holt sie in die Realität der aktuellen Konflikte zurück. "Precision Farming" sei gut und schön, aber wenn der politische Rahmen nicht stimme, nutzten auch Drohnen nichts, meint ein Junglandwirt. Ein Milchbauer aus dem Vogelsberg verwickelt die Ministerin in ein Fachgespräch über einen Artikel der Gemeinsamen Marktordnung der EU, ehe eine Tierärztin aus Südhessen die Ministerin wegen des "Kastenstands" bei der Schweinehaltung kritisiert.

Klöckner reicht diese Kritik an die anonyme Masse der Verbraucher weiter: "Aus städtischer Sicht fühlt man sich immer gut, aber gekauft wird dann Billigfleisch. Für die Erzeuger muss sich mehr Tierschutz aber rechnen."

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