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Allein im Speisesaal: Jugendherbergsleiter Marcus Winter würde lieber heute als morgen öffnen. Aber daraus wird nichts. FOTO: SCHEPP

Wegen Corona

Jugendherberge in Gießen droht das Aus

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Die Jugendherbergen sind seit Wochen geschlossen. Doch während andere Häuser auf eine "behutsame" Öffnung hoffen, sieht es für Gießens Herberge düster aus.

Zweimal in der Woche dreht Marcus Winter für ein paar Minuten alle Wasserhähne auf, damit sich in den Leitungen keine Keime bilden. Sonst ist nicht viel zu tun in der Jugendherberge auf der Hardt. "Es ist bedrückend", sagt der Leiter und zeigt auf den leeren Speisesaal. "Normalerweise wäre hier zur Mittagszeit jeder Platz besetzt". Seit Wochen ist die Jugendherberge coronabedingt geschlossen, und seit Wochen folgt eine Absage nach der anderen: Schulklassen können nicht kommen, Ferienfreizeiten fallen aus, die Stammgäste der "Golden Oldies" bleiben zu Hause. Bis in den Herbst hinein gab es Buchungen. "Das fällt alles flach, es ist ein Jammer", sagt Winter.

Die Jugendherberge unterhalb des evangelischen Krankenhauses liegt idyllisch, das alte Fachwerkgebäude hat seinen ganz eigenen Charme, aber dennoch ist es ein Sorgenkind des Landesverbands. "Sie ist zu klein", sagt Knut Stolle, der Marketingleiter des Hessischen Landesverbands des Deutschen Jugendherbergswerks. Um wirtschaftlich betrieben werden zu können, brauche man etwa 160 Plätze, Gießen hat aber nur 85 Betten. Deshalb denke man schon länger über einen anderen Standort in Gießen nach, der mehr Potenzial biete. Das ist aber derzeit ebenso hinfällig wie geplante Sanierungen.

Um etwas mehr Platz zu schaffen, erläutert Winter, habe man das ehemalige Haus der Herbergeeltern umbauen wollen. Dies sei auch als Ersatz für einen Seminarraum und zwei Doppelzimmer gedacht gewesen, die man nach einem Wasserschaden nicht mehr nutzen könne. Da der Schaden damals nur notdürftig behoben worden sei, habe Schimmelbefall dem Anbau den Rest gegeben.

Selbst wenn es in den kommenden Wochen zu einer "behutsamen Öffnung" anderer Jugendherbergen komme, sei Gießen voraussichtlich nicht dabei. Eine Reduzierung der Belegung auf 50 Prozent könne man finanziell kaum stemmen, außerdem könne man voraussichtlich die erforderlichen Hygienestandards nicht erfüllen, fürchtet Winter. Es gebe Gemeinschaftsbäder, auf elf Gäste käme eine Dusche. Das sei immer ein Problem, doch nun werde es der Einrichtung zu Verhängnis. Auch eine "Einbahnregelung" mit getrennten Ein- und Ausgängen sei in dem alten Haus schwierig zu realisieren. "Das geht mir nahe. Ich bin mit Leib und Seele Herbergsvater", sagt Winter.

Den Landesverband trifft die Krise mitten in einer "Modernisierungsoffensive", in Marburg z.B. sollte gerade ein neues Haus errichtet werden. Daraus wird nun erst mal nichts. Der Verband rechnet in diesem Jahr mit etwa neun Millionen Euro Einnahme-Einbußen. Da er als gemeinnütziger Verband keine Rücklagen bilden dürfe, stehe ihm das Wasser bis zum Hals, klagt Stolle. Bei der Suche nach Rettungsprogrammen hätten sich Land und Bund bisher gegenseitig die Zuständigkeit zugeschoben. Am Donnerstag kam ein erstes Signal der Landesregierung: Die 32 Jugendherbergen in Hessen werden mit einer Million Euro unterstützt. Ob auch Gießen von dieser Finanzspritze profitieren wird, ist aufgrund der schwierigen Rahmenbedingungen fraglich. Winter und seine beiden Kollegen sind seit Wochen in Kurzarbeit, die vier Aushilfskräfte gehen komplett leer aus.

Eigentümerin des Hauses ist die Stadt, sie stellt das Anwesen mietfrei zur Verfügung. Sie hat die Einrichtung in den vergangenen Jahren immer wieder unterstützt, für den Betrieb ist sie jedoch nicht zuständig. Zur Landesgartenschau hatte die Stadt für eine Neugestaltung der Außenanlagen gesorgt. Terrasse, Feuerstelle, Fußballfeld, Parkplätze, all das war eine große Bereicherung, bestätigt Winter.

Er würde lieber heute als morgen wieder öffnen, aber realistisch ist das nicht, räumt er ein. Vorerst muss er sich damit begnügen, die Stammkunden auf dem Laufenden zu halten - und alle drei Tage die Wasserhähne aufzudrehen.

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