Junge Menschen mit Borderline-Störung haben einen Anspruch auf Hilfe. Der Weg dorthin führt über das Jugendamt.
+
Junge Menschen mit Borderline-Störung haben einen Anspruch auf Hilfe. Der Weg dorthin führt über das Jugendamt.

Jugendamt

Jugendamt Gießen: Deutliche Kritik - Mutter schildert erschütternde Geschichte

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
    schließen

»Es ist ein Skandal, und wir sind kein Einzelfall.« Kritik am Jugendamt der Stadt Gießen gibt es seit Jahren. Nun berichtet die Mutter eines psychisch kranken Mädchens im Detail, wie die Behörde ihre Familie alleingelassen hat. Die Stadt räumt Probleme ein und setzt auf neue Führungskräfte.

Gießen - Seit Monaten spitzen sich die Krisen der Vierzehnjährigen zu. Das intelligente Mädchen gerät bei nichtigen Anlässen außer sich, verletzt sich selbst. Nach mehreren Aufenthalten in Kliniken steht fest, dass sie an einer ernsten psychischen Störung leidet. Sie selbst, ihre alleinerziehende Mutter und der zwei Jahre jüngere Bruder sind sich einig: Sie brauchen professionelle Unterstützung. Die Mutter beantragt am 29. Januar 2018 Hilfe zur Erziehung beim Jugendamt der Stadt Gießen. Die Antwort empfindet sie als Schlag ins Gesicht. Ähnlich wird es weitergehen:: Immer wieder fühlt sich die Gießenerin abgewiesen, »im Regen stehengelassen«, stigmatisiert.

Aus guten Gründen habe die Behörde bei Fachleuten einen schlechten Ruf, sagt die 58-Jährige im Gespräch mit der GAZ. »Es ist ein Skandal. Und wir sind kein Einzelfall. Unsere Erfahrungen sind nicht individuellem Pech geschuldet, sie sind symptomatisch.« Sie wisse von etlichen ähnlichen Fällen.

Belegt durch Dokumente, erzählt die Mutter der Gießener Allgemeinen Zeitung ihre Geschichte. Mit Rücksicht auf den Sohn will die GAZ-Leserin ihren Namen nicht öffentlich nennen. Ihre Tochter soll in diesem Text Charlotte heißen.

Jugendamt Gießen: »Passt nicht ins Schema«

»Immerhin: Das war das einzige Mal, dass das Jugendamt prompt reagiert hat«, kommentiert die promovierte Historikerin sarkastisch die Antwort auf ihren Antrag. Mit dem Datum 9. Februar 2018 bietet die Behörde keinerlei Hilfe an, auf die Charlotte gesetzlichen Anspruch hat. Vielmehr betont eine Mitarbeiterin des Jugendamts, dass die Familie den im Antrag erwähnten Besuch einer speziellen Schule selbst bezahlen müsste. »Ein Antrag zum jetzigen Zeitpunkt kann keinen Erfolg haben«, liest die fassungslose Mutter. »Wenn wir in den nächsten 4 Wochen nichts von Ihnen hören, gehen wir davon aus, dass Sie Ihren o.g. Antrag nicht weiter verfolgen.« Wolle die Familie ihn aufrechterhalten, so müsse sie bis 16. März vierzehn aufgelistete Unterlagen vorlegen, darunter Gutachten und Berichte von Ärzten, Schulen, Sonderpädagogen, Schulamt.

Dabei hat die Familie einen Leidensweg hinter sich, der ihre Kräfte längst überfordert. Schon in der Kita und Grundschule fiel Charlotte als »ein bisschen eigen« auf. Im Gymnasium wurden die Schwierigkeiten massiv. Nach einem Orts- und Schulwechsel blühte das Mädchen kurzfristig auf. Nach etlichen dramatischen Vorfällen erhält sie 2017 die Diagnose: Störung des Sozialverhaltens, emotionale Instabilität mit Borderline-Symptomatik. Verschärfend kommt eine Posttraumatische Belastungsstörung hinzu nach einem sexuellen Übergriff durch einen Mitschüler.

Wie genau sieht eine »Krise« aus? Bei dieser Frage kommen der sonst sachlichen Mutter die Tränen. »Wenn Sie sehen, wie Ihr Kind sich selbst verstümmelt«, sagt sie leise, »die Narben...« Sie fängt sich, erklärt: Borderline, das ist eine »gefühlsmäßige Achterbahnfahrt«. Mal ist die Tochter »überschäumend gut drauf, dann reicht ein scheeler Blick, und ihre Systeme schalten auf Alarm. Sie steht neben sich, kann sich nicht steuern.«

Eine bürgerliche Familie, in der die Gefährdung des Kindeswohls nicht von den Eltern ausgeht: Das »passt nicht ins Schema«. Diesen Eindruck gewinnt die Gießenerin beim Besuch der »Fallmanagerin« bei sich zu Hause im April und dann beim ersten Gespräch im Amt am 31. Juli 2018 - jeweils nachdem beide Eltern mehrfach »flehentlich« um Hilfe gebeten haben. Die wenigen Gespräche verlaufen kühl und ohne Ergebnis, dazwischen immer wieder: Keine Antwort, niemand erreichbar. Aber kein anderer Weg führt zur Erziehungshilfe. »Man kommt nicht am Jugendamt vorbei. Das macht verzweifelt und hilflos.«

Charlotte landet mehrmals in Kliniken, passt nirgends ins Konzept, wird der Mutter »vor die Tür gesetzt«, es folgt die nächste Krise. »Ich konnte nicht mehr«, sagt die Freiberuflerin. Im September 2018 kündigt sie in einem Brief an die Abteilungsleiterin und die Oberbürgermeisterin rechtliche Schritte an. Später sieht sie in einer Aktennotiz: Tags darauf telefonieren Mitarbeiterinnen des Amts mögliche Einrichtungen durch. Und diesmal erhält die Familie eine Antwort: Seit vier Wochen sei ein Hilfeplanverfahren eingeleitet. Das erste Hilfeplangespräch wird erst fünf Monate später stattfinden.

Jugendamt Gießen: „Wissen nicht, was Charlotte erspart geblieben wäre, wenn sie frühzeitig Hilfe bekommen hätte“

Es dauert bis November 2018, dann zieht Charlotte mit Hilfe des Jugendamts in eine Wohngruppe in Nordhessen. Der Ansatz dort erweist sich als nicht geeignet für ihr Störungsbild. Ende Februar 2019 wird sie nach Hause geschickt. Das Jugendamt schreibt, die Maßnahme sei beendet. Von weiterer Hilfe ist keine Rede.

Als »segensreicher Glücksfall« erweist sich, dass die 15-Jährige den nächsten Zusammenbruch während eines Besuchs bei ihrem Vater in Düsseldorf erleidet. Das dortige Jugendamt wird aktiv - und kümmert sich bis heute um Charlotte und ihre Eltern, obwohl die formale Zuständigkeit ungeklärt ist. »Ich bin in Tränen ausgebrochen vor Dankbarkeit«, erinnert sich die Gießenerin an das erste Gespräch. Vor allem eine Mitarbeiterin suche verantwortungsvoll und engagiert Wege für Charlotte. Offenbar stehe ihre Behörde dahinter.

Mit Erfolg. Die 16-Jährige ist deutlich stabilisiert. Sie lebt im betreuten Wohnen in Nordrhein-Westfalen und strebt einen Schulabschluss an. Ihre gesundheitlichen Perspektiven sind offen. In einer Sprachnachricht an die GAZ-Reporterin nennt das Mädchen das Gebaren des Gießener Jugendamts »unglaublich. Alle Beteiligten haben darunter gelitten. Das beschäftigt mich bis heute.«

»Wir wissen nicht, was Charlotte erspart geblieben wäre, wenn sie frühzeitig Hilfe bekommen hätte«, sagt die Mutter. Sie betont: Auch im Gießener Jugendamt habe sie mit einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern etwas bessere Erfahrungen gemacht. »Das ist bestimmt kein leichter Job.« Eine derartige Unterstützung wie vom Jugendamt Düsseldorf »würde ich niemals einfordern. Aber es muss doch irgendeinen Standard geben.« Von Kliniksmitarbeitern, Juristen, Pädagogen höre sie immer wieder, dass das Jugendamt der Stadt Gießen seit Jahren »alles aussitzt«.

Jugendamt Gießen: Frühere Abteilungsleiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes versetzt

Solche Beschwerden kämen ihr »immer wieder einmal« zu Ohren, erklärt Stadträtin Gerda Weigel-Greilich als Jugenddezernentin. Eine Organisationsanalyse habe ergeben, dass »die Leitungsdichte zu hoch ist und alle Entscheidungskompetenzen auf die Abteilungsleitung konzentriert waren«, so die Grünen-Politikerin. Außerdem gebe es Verbesserungspotenzial bei der Vernetzung.

Kürzlich wurde die frühere Abteilungsleiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes versetzt. Der Posten soll nun auf zwei Personen verteilt werden. Auch die Führung des gesamten Jugendamts liegt seit anderthalb Jahren bei einer Doppelspitze. Mit der neuen Amtsleiterin für den pädagogischen Bereich sowie aufgestocktem Personal sei die Behörde »auf einem guten Weg« zur besseren Einbeziehung von Eltern und freien Trägern.

Zum ersten Jugendamt-Brief an die GAZ-Leserin sagt Weigel-Greilich: »Wenn das so zutreffen sollte, ist das natürlich nicht in Ordnung.« Beschwerdestelle seien die Amtsleitung oder sie selbst. »Ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht, wenn ich mir strittige Fälle angeschaut habe.«

»Auf einem guten Weg?« Charlottes Mutter hat ihre Zweifel. Sie habe Kontakt zu einer Familie, »die aktuell exakt das Gleiche erlebt wie wir«. Für sie steht fest: »Ich werde alles dafür tun, dass das Jugendamt Gießen nie wieder für uns zuständig wird.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare