Jüdisches Leben in Gießen

Die um 1918 entstandene Luftaufnahme zeigt das Stadttheater und die gegenübergelegene Synagoge. Das Foto oben zeigt sie vor ihrer Zerstörung im November 1938.

Seit 1700 Jahren ist jüdisches Leben in Deutschland nachweisbar. Daran erinnert in diesem Jahr eine bundesweite Veranstaltungsreihe. Die Volkshochschule Gießen, als eine der wenigen in Hessen, beteiligt sich. Im Angebot ist auch eine Stadtführung mit Dagmar Klein, die zu jenen Orten in Gießens Innenstadt führt, an denen einst und heute Juden gelebt, gebetet und gearbeitet haben - und so maßgeblich die Geschichte der knapp 830 Jahre alten Stadt mitprägten.

Wenn er sich für das Festjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« etwas wünschen dürfe, so betonte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kürzlich zur Eröffnung, »dann nicht nur ein klares Bekenntnis, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland ein Teil von uns sind, ein Teil unseres gemeinsamen Wir, sondern dass wir denen entschieden entgegentreten, die das noch - oder wieder - infrage stellen«.

Wie dieses »gemeinsame Wir« in Gießen, wo einzelne Juden erstmals im 14. Jahrhundert nachgewiesen sind, gestaltet wurde - und heute noch wird -, davon erzählt ein Rundgang mit Stadtführerin Dagmar Klein, den die Volkshochschule anlässlich des Jubiläumsjahrs in ihr Programm aufgenommen hat. Sein Fokus liegt nicht auf den Gräueltaten des Holocaust, sondern auf dem Wirken der jüdischen Bevölkerung in der Stadt, ihren Protagonisten und den Orten, an denen sie Spuren hinterlassen haben - Orte, die nach der Bombardierung Gießens im Zweiten Weltkrieg, aber auch nach der Pogromnacht, fast komplett zerstört sind.

»Ich versuche zu zeigen, wo das Judentum in der Gießener Stadtgeschichte verortet ist, auch wenn vieles nur noch auf Fotos erhalten ist«, betont Klein. Sie hat auf der Basis eines Themenrundgangs von 2005 mit Peter Schlagetter den Wissensstand aktualisiert.

Eines der wenigen Gebäude, an denen jüdisches Leben noch in der Stadt erkennbar ist, ist das Gemeindezentrum im Burggrabenviertel. Dort beginnt auch dieser Stadtrundgang. Klein erzählt von den ersten Versuchen des als Vertreter der zionistischen Jugendbewegung bekanntgewordenen Joseph Brumliks (1913 bis 1969), in den Sechzigerjahren wieder eine jüdische Gemeinde in Gießen zu bilden. Und natürlich von Familie Altaras: von dem Arzt Jakob Altaras, der die 1978 gegründete Gemeinde als erster Vorsitzender führte. Und vor allem seiner Frau Thea, die sich als Architektin und Autorin um die Erforschung der »Stätten der Juden in Gießen« und der »Synagogen in Hessen« verdient gemacht hat. Und natürlich auch von Tochter Adriana, die über die Geschichte ihrer Familie Bücher wie »Titos Brille« geschrieben hat.

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Die Judenschule in der Zozelsgasse

Am 27. August 1995 wurde das Gemeindezentrum im Areal der einstigen Burganlage eröffnet und im September 1998 in »Beith Jaakov«-Synagoge umbenannt. Dass sich ganz in der Nähe, in der heute überbauten Zozelsgasse (zwischen den heutigen Wetzstein- und Dammstraßen gelegen) seit Mitte des 18. Jahrhunderts eine »Judenschule« befand, davon ist heute kaum noch etwas zu erkennen. Von den ursprünglich drei Häusern war eines ein schlichter Gemeinderaum, der für Treffen, den Unterricht der Kinder und Gottesdienste genutzt wurde. Der Kantor wohnte daneben. Dort soll es auch eine Mikwa (Ritualbad für Frauen) gegeben haben. »Das alles ist aber leider nicht erforscht«, bedauert Dagmar Klein. Und auch wer einen auffälligen Synagogenbau erwartet, der täuscht sich. »Es handelte sich einfach um Gemeinderäume und mit dem Neubau der Synagoge 1867 an der Südanlage wurde das Gebäude verkauft«, stellt Klein klar.

Das »Wallpförter Quartier« war im 18. Jahrhundert Zentrum jüdischen Lebens in der Stadt. Nördlich des Kirchenplatzes gab es nicht nur eine jüdische Bäckerei und Metzgerei, hier lebten auch die Handel treibenden Familien in der Nähe zum Markt und zur Haupthandelsstraße zwischen Frankfurt und Kassel.

Nur wenige wissen wohl, dass sich am Ende der Walltorstraße Anfang des vorigen Jahrhunderts ein israelitisches Altersheim befand. Weil viele junge Juden in die USA auswanderten, hatte dort die jüdische Gemeinde ein Haus für Alte und Arme errichtet, die die Reise nicht auf sich nehmen konnten. Überhaupt engagierten sich die Gießener Juden stark für die Gemeinschaft, gründeten Kranken- und Beerdigungsvereine, Vereine zur Förderung der israelitischen Handwerker, Literatur-, Synagogen-, Frauen- oder Gesangvereine.

Ausgerechnet das jüdische Altersheim (heute Walltorstraße 36-38) wurde später zu einem von drei Gießener Ghetto-Häuser. Von hier aus wurden jüdische Familien abgeholt, um sie zum Bahnhof und von da in die Vernichtungslager zu bringen. Dass die Stadt Gießen damals nicht nur dieses Grundstück günstig erwarb, sondern auch das heute von der Wohnbau bebaute Areal im Dreieck Nordanlage, wo einst die Synagoge der orthodoxen Juden stand, gehört zu den weiteren dunklen Kapiteln der Stadt.

Rabbiner Levi und Mäzen Heichelheim

Am nahen Lindenplatz wohnte in seinen Gießener Anfangsjahren Rabbiner Benedict Levi (1806 bis 1899), der als Kenner der jüdischen Liturgie und ehemaliger Universitätsstudent in beiden Welten zu Hause war. Er leistete nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur Assimilierung der Juden, sondern war auch der Vater von Hermann Levi, der als Musiker und Dirigent einer der bekanntesten Köpfe der Stadt ist. Benedict Levi, der zu seinem 50-jährigen Amtsjubiläum von der Stadt gebührend gewürdigt wurde und in seiner Dankesrede das »gute Einvernehmen, das in Gießen zwischen den Konfessionen herrsche«, betonte und die Stadt als »Ort der Toleranz, wo hohe Bildung und Humanität ... eine Heimstatt gefunden haben«, lobte, konnte jedoch nicht verhindern, dass sich am Ende seiner Amtszeit 1887 die von russischen Auswanderern geprägte jüdisch-orthodoxe Gemeinde abspaltete und in der heutigen Steinstraße eine eigene Synagoge errichtete.

Rabbi Levi war es auch, der sich 1880 mit Erfolg für die Umbenennung der Judengasse (nahe Mäusburg) in »Rittergasse« einsetzte. Es wäre an der Zeit, »dass aus den Mauern unserer Stadt (...) ein solches mittelalterliches, zweck- und gegenstandsloses Überbleibsel schwinde, das nur geeignet ist, in einem Teil ihrer Einwohnerschaft die unangenehmsten Empfindungen zu wecken«, hatte er gefordert.

Grammophone und Konfektionswaren

Nur noch auf Fotos oder Werbeanzeigen erhalten sind Zeugnisse jüdischen Geschäftslebens, das sich rund um den Marktplatz abspielte. Im »Spezialhaus für Damen- und Kinderkonfektion« von Ignatz Pfeffer gab es neben Maßanfertigungen auch die ersten Konfektionswaren zu kaufen. Bei David Kaminka erwarben die Gießener nicht nur Juwelen, Uhren, Gold- und Silberarbeiten, sondern auch die ersten Grammophone. Im Neuen Weg 33 gab es den »Zum Weißen Ross«-Gastwirt, Metzger und Pferdehändler Moses Kessler, dessen Schwiegersohn Walter Süskind als Retter von rund 800 jüdischen Kindern in Amsterdam bekannt wurde und nach dem im Gebiet Schlangenzahl eine Straße benannt worden ist. Auch an Commerzienrat Siegmund Heichelheim (1842 bis 1920), der als Mäzen unter anderem den Bau des Stadttheaters ermöglicht hatte, erinnert dort eine Straße.

Apropos Theater: Hier endet der Rundgang auf den Spuren jüdischen Lebens in Gießen, mit Blick auf den Standort der einstigen Synagoge, die in der Reichspogromnacht in Flammen aufging. Vorher wird noch das einstige Bankhaus Herz vorgestellt, das die Gestapo für ihre Oberhessen-Zentrale beschlagnahmte. Gießener kennen es als frühere Gaststätte »Burghof«. Auch am Stadttheater ging der Nationalsozialismus nicht spurlos vorüber. So musste die jüdische Schauspielerin Trude Hess Buhrufe aus dem Publikum hinnehmen; sie beging 1934 Selbstmord. Und im Keller wurden noch kurz vor Kriegsende die bis dahin geschützten, mit Christen verheirateten Juden zusammengepfercht, bevor sie ins Lager Theresienstadt deportiert wurden. Sie konnten gerettet werden.

Der Stadtrundgang »Jüdisches Leben im alten Gießen« mit Dagmar Klein kann für Sonntag, 25. April (15 Uhr), über die Volkshochschule gebucht werden (www.vhs-giessen.de). Kosten 8 Euro. Anmeldeschluss: 22. April. Weitere Termine vermittelt die Touristinformation.

Gießen (gl). Die Volkshochschule bietet zum Jubiläumsjahr »1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland« neben dem Stadtrundgang auch noch weitere Exkursionen an. Volkshochschulleiterin Waltraud Burger, die vor ihrer Gießener Zeit unter anderem in der NS-Gedenkstätte Trutzhain in Schwalmstadt und in der KZ-Gedenkstätte Dachau gearbeitet hat, leitet am Samstag, 12. Juni, den Besuch der »KZ-Gedenkstätte Osthofen« in einer ehemaligen Papierfabrik nahe Mainz. Dort wurden von Frühjahr 1933 bis Sommer 1934 Gegner des NS-Regimes inhaftiert - überwiegend politische Gefangene, aber auch Mitglieder der Zeugen Jehovas, Juden sowie Sinti. Eine interaktive, aber auch unter Corona-Bedingungen gut zu besichtigende Dauerausstellung erinnert an Verfolgung und Widerstand während der NS-Zeit. Anreisen werden die Teilnehmer mit der Bahn, Anmeldeschluss ist der 1. Juni.

Und eine weitere Exkursion bietet Waltraud Burger über die Volkshochschule an: Für Donnerstag, 2. September, ermöglicht sie einen Besuch der über 100 Jahre alten Westend-Synagoge in Frankfurt am Main. Bei einer Führung lernen die Teilnehmer die Geschichte des Gebäudes und die Entwicklung des jüdischen Lebens in Frankfurt kennen. Anhand von Objekten bekommen sie Einblick in Rituale und Riten des jüdischen Glaubens. Die Kurskosten (6 bis 8 Euro, je nach Teilnehmerzahl) beinhalten die Führung, für die Anreise per Bahn (etwa 15.30 Uhr ab Bahnhof Gießen) entstehen weitere anteilige Kosten.

Im September ist zudem eine Führung auf dem jüdischen Friedhof am Rodtberg mit Stadtführerin Dagmar Klein geplant. Ebenso plant die VHS für ihr noch nicht publiziertes Herbstprogramm im Oktober eine Architekturführung im runderneuerten jüdischen Museum in Frankfurt.

Infos zu den VHS-Angeboten findet man in den jeweiligen Programmheften sowie unter www.vhs-giessen.de. Anmelden kann man sich auch per Post (Volkshochschule Gießen, Fröbelstraße 65, 35394 Gießen) oder E-Mail an vhs-anmeldung @giessen.de (nur mit SEPA-Lastschriftmandat).

Gießen (gl). In der Reihe »vhs Wissen live« bietet die Volkshochschule zusätzlich zwei digitale Vorträge an. Am Dienstag, 27. April, 19.30 Uhr, wird Alexandra Föderl-Schmidt (Chefredakteurin der »Süddeutschen Zeitung«) mit SZ-Gerichtsreporterin Annette Ramelsberger über »Neonazis und Antisemitismus: Wie groß ist die Gefahr von rechts?« diskutieren. Am Mittwoch, 28. April, 19.30 Uhr ist in der gleichen Reihe Dr. Joseph Croitoru zu Gast. Der Historiker und Journalist spricht über »Anspruch auf heiligen Boden: Der israelisch-palästinensiche Konflikt um den Tempelberg« und stellt sich im Online-Chat den Fragen der Zuhörer. Im Februar ist zu dieser Thematik auch sein Buch »Al-Aqsa oder Tempelberg: Der ewige Kampf um Jerusalems heilige Stätten« erschienen. Anmelden kann man sich zu beiden Vorträgen über die entsprechenden Links auf www.vhs-wissen-live.de.

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Das israelitische Altersheim in der Walltorstraße wurde später von den Nationalsozialisten als eines von drei Ghetto-Häusern genutzt, von denen aus jüdische Familien deportiert wurden.

August 1995: Einweihung der Synagoge mit (v. l.) Bar Menachem, Landesrabbiner Henry Brandt, Oberbürgermeister Manfred Mutz und dem Vorsitzenden Jakob Altaras.

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