Jüdisches Leben auch außerhalb der Großstadt

Gießen (lo). Als "mutige Entscheidung" und "für Stadt und Land von großer Bedeutung hat" Hessens Innenminister Volker Bouffier gestern die Wiedergründung der Jüdischen Gemeinde in Gießen vor 30 Jahren gewürdigt.

Gießen (lo). Als "mutige Entscheidung" und "für Stadt und Land von großer Bedeutung hat" Hessens Innenminister Volker Bouffier gestern die Wiedergründung der Jüdischen Gemeinde in Gießen vor 30 Jahren gewürdigt. Der Minister dankte während einer Feierstunde im jüdischen Gemeindezentrum vor allem denjenigen Juden, die trotz des Verlustes ihrer Angehörigen im Holocaust "wieder Vertrauen in dieses Land investiert haben". Die Gemeinde gedachte am Sonntag neben ihrer Gründung vor drei Jahrzehnten auch ihres verstorbenen Mitgründers und ersten Vorsitzenden Prof. Jakob Altaras, der am 12. Oktober dieses Jahres 90 Jahre alt geworden wäre.

"Ohne Jakob Altaras gäbe es die Gemeinde wahrscheinlich überhaupt nicht", sagte Bouffier, der in diesem Zusammenhang auch die "vielen Hürden" erwähnte, die vor dem Bau des Gemeindezentrums und der Synagoge im Burggrabenviertel 1995 überwunden werden mussten. Eine Synagoge, die bewusst kein Neubau, sondern ein im Kreis Marburg-Biedenkopf abgebautes und in Gießen wieder zusammengesetztes einstiges dörfliches Gotteshaus sein sollte - ein Plan der Architektin Dr. Thea Altaras. Dies sei ein Zeichen gewesen, "dass jüdisches Leben nicht nur in den Großstädten stattfinden soll", betonte der Innenminister am Sonntag.

Für Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann spiegeln sich die christlich-jüdischen Beziehungen in Gießen auch in der "engen und guten Freundschaft zwischen den Verantwortlichen im Magistrat und der Jüdischen Gemeinde". Dies sei nicht selbstverständlich, sagte der OB und verwies darauf, dass in diesen persönlichen Treffen "viel für die Zukunft gestaltet" worden sei. Dieter Steil von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gedachte der "vielen gemeinsamen Schritte", die die Gesellschaft mit Jakob Altaras und der Jüdischen Gemeinde gegangen ist. Steil erinnerte auch an die Zusammenarbeit mit den Muslimen in Gießen und warb für ein "aufgeschlossenes Miteinander", ohne aber ein "offenes Wort über die Unterschiede" zu vermeiden. Der Evangelische Dekan Frank-Tilo Becher beschrieb in seinem Grußwort "die Freude, dass jüdisches Leben in unserer Gemeinde Platz genommen hat."

Mikhail Litvak, seit März dieses Jahres Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Gießen, hatte zu Beginn der Feierstunde von den Anfängen der Gemeinde vor 30 Jahre erzählt: Mit nur 60 Mitgliedern begann das jüdische Gemeindeleben nach Krieg und Holocaust, der über 500 Mitglieder der ehemals blühenden Gemeinde das Leben und die übrigen die Heimat gekostet habe: "1942 lebte in Gießen kein Jude mehr." Eine wichtige Persönlichkeit bei der Wiedergründung war der Radiologe Jakob Altaras.

Heute habe die Gemeinde in Gießen wieder über 400 Mitglieder, sagte Litvak. "Ein überwiegender Anteil sind die Zuwanderer aus den GUS-Staaten." An die vergangenen 30 Jahre erinnerte der Vorsitzende als Zeit der "dynamischen Entwicklung, des Kampfes, der Rückschläge und der Freude". In diesen Jahren habe die Jüdische Gemeinde "ihren Stellenwert in der Gießener Gesellschaft bekommen."

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