Jüdische Gemeinde Gießen feiert mit Stolz und Sorge
In einer Zeit, in der in Deutschland wieder einmal über Antisemitismus diskutiert wird, feiert die »neue« jüdische Gemeinde Gießen ihren 40. Geburtstag.
Die siebenarmigen Leuchter schimmern matt, die Thorakrone strahlt, Vorsitzender Jakob Altaras und Landesrabbiner Henry Brandt schauen ergriffen. Das am 27. August 1995 bei der Einweihung der Gießener Synagoge im Burggraben entstandene Foto gibt die Stimmung an diesem Tag, der in die Stadtgeschichte eingegangen ist, sehr gut wieder. Mit der Eröffnung der aus Wohra ins Herzen Gießens translozierten Landsynagoge kehrte jüdisches Leben symbolisch endgültig zurück. Die von 60 Personen gegründete Gießener Nachkriegsgemeinde indes bestand zu diesem Zeitpunkt bereits seit fast 20 Jahren. In diesem Frühjahr feiert sie ihren 40. Geburtstag.
Zuwanderungswelle aus dem Osten
Von Anfang dabei war der heutige Vorsitzende Dow Aviv. »Zwei Wochen nach der Gründung der Gemeinde kam ich aus Israel zum Studium nach Gießen«, erinnert sich der Zahnarzt, der die Gemeinde seit fast zehn Jahren führt. Lange Zeit stand der Gemeinde nur eine Mietwohnung in der Marburger Straße zur Verfügung, die spätestens mit den Wellen jüdischer Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion zu klein wurde. Den größten Moment ihrer Geschichte – seit der Brandschändung der beiden Synagogen im November 1938 – erlebte die Gemeinde dann im August 1995, als nach langen Diskussionen und Planungen das neue Gemeindezentrum im Burggrabenviertel eingeweiht wurde. Die Idee, die nicht mehr genutzte Fachwerksynagoge nach Gießen zu versetzen, hatte die Architektin und Ehefrau des Vorsitzenden, Thea Altaras.
Die Hälfte der Gemeinde kommt um
»Es ist eine vor der Zerstörung gerettete Synagoge. Ihr Fortbestand symbolisiert die weitere Existenz jüdischen Lebens in Deutschland. Sie stellt zugleich ein lebendiges Denkmal für das einst bedeutende Landjudentum dar«, erklärt der amtierende Vorsitzende Aviv. Er erinnert an die Anfänge jüdischen Lebens im 14. Jahrhundert. Es habe damals nur einige jüdische Familien gegeben. Die Kirche habe immer wieder vergeblich versucht, sie zu bekehren, schließlich seien die Juden der Stadt verwiesen worden. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts lebten etwa 100 Juden hier; bis etwa 1900 habe sich ihre Zahl verdreifacht. Seit 1887 habe es in Gießen dann sogar zwei jüdische Gemeinden gegeben: die liberale Israelitische Religionsgemeinde mit ihrer Synagoge in der Südanlage und die orthodoxe Israelitische Religionsgesellschaft in der Steinstraße. Im damals eigenständigen Wieseck habe es eine dritte jüdische Gemeinde gegeben. Ihre Mitglieder eingerechnet, lebten in den 1920er Jahren rund 1100 Juden in Gießen, ehe die Entrechtungs- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten viele dieser Gießener zur Emigration veranlasste, wohl über die Hälfte wurde ermordet.
40 Jahre nach der Gründung der Nachkriegsgemeinde beschreibt Dow Aviv als »zentrale Aufgabe« die Integration von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion. »Wir bieten Sprachkurse und Religionsunterricht an und helfen den Menschen, ihre jüdische Wurzeln wieder zu finden und ihren Glauben zu leben, den sie in ihrer Heimat jahrzehntelang nicht ausleben konnten«, erläutert Aviv. Gegenwärtig habe die Gemeinde etwa 370 Mitglieder, das Einzugsgebiet erstrecke sich ungefähr auf die Kreise Gießen und Lahn-Dill.
Keine gravierenden Vorfälle
Die heutige Gemeinde dürfe stolz auf das Erreichte sein. Der Blick richte sich gleichzeitig nach vorne, in die Zukunft. »Das aktuelle jüdische Leben hierzulande ist von Entwicklungen überschattet, die bei vielen Mitgliedern Sorge und Angst hervorrufen«, sagt Aviv mit Blick auf antisemitische Attacken andernorts. Gravierende Vorfälle habe es in Gießen zwar noch nicht gegeben, aber es sei schon vorgekommen, dass sich ein angereister Rabbiner auf dem Weg vom Hotel in die Synagoge »ein paar Bemerkungen anhören musste«, wie sich der Vorsitzende ausdrückt.
Die Jüdische Gemeinde Gießen werde sich weiter bemühen, mit den anderen Religionsgemeinschaften im Dialog zu bleiben. Aviv: »Ich bin davon überzeugt: Je mehr wir von einander wissen und lernen, desto toleranter freundlicher und friedvoller können wir miteinander umgehen.«
Festakt am Mittwoch
Ihr 40-jähriges Bestehen begeht die Jüdische Gemeinde Gießen am Mittwochabend mit einer Feierstunde im Hermann-Levi-Saal des Rathauses am Berliner Platz. Die Eröffnungsrede hält Vorsitzender Dow Aviv, den Festvortrag Prof. Sascha Feuchert, der die Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität leitet. Die Klezmer Tunes werden ein kleines Konzert geben, erwartet werden einige Grußworte. Beginn der Feierstunde ist um 18 Uhr.

