Überwältigend: Yannick Bernsdorff (l.) überzeugt die Jury um Regisseur Jens D. Ravari (3.v. l.) und Produktionsleiter Kurosch Abbasi (2. v. r.) binnen kürzester Zeit.
+
Überwältigend: Yannick Bernsdorff (l.) überzeugt die Jury um Regisseur Jens D. Ravari (3.v. l.) und Produktionsleiter Kurosch Abbasi (2. v. r.) binnen kürzester Zeit.

Judas überzeugt auch mit Schnupfen

  • vonChristian Schneebeck
    schließen

Mehr als 30 Bewerber durchlaufen in der kommunalen Musikschule das Casting für "Jesus Christ Superstar". Premiere feiert das semi-professionell besetzte Musical im April nächsten Jahres in der Marburger Waggonhalle.

Unterwegs hat niemand etwas mitbekommen. Aber gleich hören sechs Jurymitglieder ganz genau hin. Annika Küss sitzt im Warteraum und ist nervös. Die Psychologiestudentin singt hobbymäßig in mehreren Gruppen und Bands, sie leitet Kinderchöre, hat auch schon Soloerfahrung. Bei einem Casting war sie noch nie. "Ich kann meine Chancen null abschätzen", sagt die 23-Jährige, die sich für die Rolle der Maria in "Jesus Christ Superstar" bewirbt. An diesem Samstag ist sie aus Bad Vilbel in die Gießener Musikschule gereist, wo ein Team um Regisseur Jens D. Ravari nach Darstellern für die semi-professionelle Non-Profit-Produktion sucht. Wer die Jury überzeugt, steht von April 2020 an in der Marburger Waggonhalle auf der Bühne. Küss ist gut vorbereitet, sie hat sich im Auto ungestört eingesungen. 30 Minuten vor dem großen Moment steigt allerdings spürbar die Anspannung.

Neun Rollen zu vergeben

Diesmal seien "die stimmlichen Voraussetzungen sehr, sehr hoch", erklärt Produktionsleiter Kurosch Abbasi in einer Pause. Neun Rollen sind zu vergeben, mehr als 30 Talente aus nah und fern werfen ihren Hut in den Ring. Neben Sangeskraft brauchten sie diese gewisse Präsenz, betont Abbasi. Schaffe man es außerdem, "mit dem ersten Eindruck zu überwältigen", stehe einem Engagement eigentlich nichts mehr im Wege. Was "überwältigen" heißt, zeigt beispielhaft Yannick Bernsdorff. Leicht verschnupft, mit dickem Schal um den Hals stellt er sich vor. Los geht’s - und wie: Der Heilerziehungspfleger legt als Judas einen fulminanten Auftritt hin.

"Mega geil!", würde Dieter Bohlen jetzt vermutlich jubeln. "Gut, das reicht", sagt Ravari. Denn wer, wenn nicht Bernsdorff, sollte hier bitte schön ernsthaft weiterkommen. Derart überwältigt, drängt sich eine Frage auf: Das kann doch kein Zufall sein? Nein, nein, antwortet Bernsdorff. Seit 2006 singt er semi-professionell in Musicals, dreimal gehörte er bisher zu einem Waggonhalle-Ensemble. Aktuell steht er bei "Fast Normal" in Marburg auf der Bühne. Direkt nach dem Casting wartet die nächste Show.

Selbst Darsteller, die bereits in seinen Stücken spielen oder gespielt haben, müssten für eine neue Produktion stets erneut in den Auswahlprozess, erzählt Abbasi. Neben Bernsdorff stattet deshalb auch Jonas Blahowetz der Musikschule mal wieder einen Besuch ab. Er zählt ebenfalls zur Besetzung von "Fast Normal". Obwohl recht castingerfahren, ist er "absolut nervös". Zum Glück, meint der 22-Jährige. "Das erhöht meine Aufmerksamkeit."

Proben ab November in Gießen

Als Blahowetz vor der Jury den Annas gibt, wirkt das für den Laien überzeugend. Scheinbar mühelos wechselt er plötzlich die Tonlage - und wird zum Jesus. Er öffnet das lange Haar, seine Stimme klingt nun viel bedächtiger, um die Gemütslage des Verratenen so authentisch wie möglich zu spiegeln. Am Ende nützt es alles wenig. Die Experten winken ab. Zu sanft, zu jung, falsche Stimme: Blahowetz ist nicht der richtige Jesus. Für andere Rollen bleibt er aber vorerst in der Auswahl.

So versucht ein Bewerber nach dem anderen sein Glück. Auf das erste folgt später ein zweites Casting. Dort testet die Jury das Zusammenwirken der Schauspieler. Wer überwältigt, überzeugt und zu guter Letzt zum Ensemble passt, darf die verdienten Glückwünsche entgegennehmen. Die Proben für "Jesus Christ Superstar" beginnen im November. Premiere feiert das Musical in der Waggonhalle am 2. April 2020.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare