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Die Wandtafel im Hörsaal, auf der Joseph Beuys am 4. Februar 1981 mit Kreide seine »Theorie der Plastik« darlegte, wurde später zum Kunstobjekt.

Joseph Beuys im Hörsaal der JLU

  • VonDagmar Klein
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Vor 40 Jahren hatte das kunsthistorische Institut der Justus-Liebig-Universität einen prominenten Gast: Joseph Beuys. Der Ausnahmekünstler wäre in diesem Jahr 100 geworden. Ein willkommener Anlass, an die besondere Vorlesung zu erinnern.

In diesem Jahr wird der 100. Geburtstag von Joseph Beuys (1921 - 1986) gefeiert. Dass Beuys’ revolutionärer Hauch auch mal kurz über Gießen wehte, das wissen wohl die wenigsten. Der Zeichner, Bildhauer, Aktions- und Installationskünstler, Lehrer, Politiker, Aktivist hielt am 4. Februar 1981 einen Vortrag im Philosophikum der Universität, im Rahmen der kunsthistorischen Reihe »Seminar und Atelier«. Diese war von Gottfried Boehm, Bernd Growe († 1992) und Norbert Werner († 2019) ins Leben gerufen worden.

Das Besondere war, dass namhafte Künstler eingeladen wurden, die sich im Anschluss den Fragen der Studierenden stellten. Dies waren 1980: Franz-Erhard Walther, Gotthard Graubner, Karl Prantl, Gerhard Hoehme, A. R. Penck, Peter Kubelka und als letzter Joseph Beuys.

Die geplante Publikation dazu ist nie realisiert worden, es blieb beim Resümée von Bernd Growe im »JLU-Forum 3-1981«. Als ein Ergebnis des zweisemestrigen Projekts benannte er die Erkenntnis: »Die Zumutung, sich auf das ganz andere einzulassen, gehört zu den fundamentalen Herausforderungen der Kunst unserer Tage.«

Theorie der Plastik auf Tafel im Hörsaal gezeichnet

Die Studierenden bereiteten sich im Seminar vor, um sich mit den jeweiligen künstlerischen Konzepten vertraut zu machen, erinnert sich der damalige Student Gerd Steinmüller, der kürzlich als akademischer Rat am Institut für Kunstpädagogik in Pension ging. Den Auftritt von Beuys vermittelte der Kunstsammler Ludwig Rinn, der damals in Gießen Kunstgeschichte studierte.

Von Studentenseite wurde Joseph Beuys viel Skepsis entgegengebracht. Doch der berühmte und umstrittene Künstler zog viele Menschen auch von außerhalb der Universität an. Man war eh schon in den großen Hörsaal umgezogen und selbst der war proppevoll, die Interessierten saßen bis auf die Treppenzugänge, erinnert sich Susanne Ließegang, heute Kunstbeauftragte am Uniklinikum, die damals noch zu den Anfangssemestern gehörte.

An den Beuys-Vortrag selbst erinnert sich Steinmüller so: »Die anfängliche Unruhe im Hörsaal legte sich schnell. Beuys entwickelte in sehr klaren, philosophisch immer wieder hergeleiteten und untermauerten Schritten seine Theorie der Plastik, die er im Diagramm an der Tafel skizzierte. Reden und Zeichnen flossen derart ineinander, dass er das Publikum binnen kurzem in der Tasche hatte, sodass bis zum Schluss nur noch gespannte Aufmerksamkeit herrschte.« Die Veranstaltung wurde vom damaligen HiWi Günter Neumann fotografisch und akustisch dokumentiert. Er habe keine Details mitbekommen, weil er so aufs Fotografieren konzentriert war, sagt er, aber er sei »in einen Flow« geraten. »Das lag an der gesamten Situation, sie war einfach ungewöhnlich. Für mich hatte Beuys eine ungemeine Ausstrahlung. Wenn man ihn sprechen hörte, dann konnte er einen sehr fesseln. Mir ging es zumindest so. Ich habe ihn auf der documenta noch einmal in einer Gesprächsrunde erlebt. Und auch bei Interviews im Fernsehen war es ähnlich. Man musste sich allerdings wirklich auf ihn einlassen. Sonst funktionierte das nicht.«

Ließegang erlebte Beuys »als machtvolle Person, er war von sich überzeugt bis zum Rechthaberischen. Erschreckend fand ich seine Diktion, die ein überzogenes Pathos hatte, das aus einer früheren Zeit stammte. Was heute auch von anderer Seite so beschrieben wird. Es war keine gemütliche Veranstaltung, er hat seinen Vortrag bewusst auf Konfrontation hingetrieben. Und sein politischer Kunst-Ansatz kollidierte heftig mit dem wahrnehmungstheoretischen von Böhm.«

Im kleinen Kreis wurde später im Seminarraum weiterdiskutiert, bis etwa 23 Uhr, so Steinmüller. »Ich habe Beuys als eine überaus charismatische Persönlichkeit erlebt, wie man ihr im Leben vielleicht drei- oder viermal begegnet. Dass sich die Objekte aufluden, wenn er damit hantierte, konnte ich fortan gut nachvollziehen. Bei einigen, obwohl er schon lange tot ist, spüre ich diese Aufladung auch heute noch, z. B. bei dem Kasseler ›Rudel‹ (VW-Bus mit Schlitten), andere fallen dagegen wieder ins Material zurück.«

Verkaufserlös für Exkursion nach New York

Die Wandtafel im Hörsaal, auf der Beuys mit Kreide seine »Theorie der Plastik« darlegte, wurde übrigens zum Kunstobjekt. Ein Käufer wurde gefunden, mit dem Verkaufserlös konnten die Flugkosten für die geplante New-York-Exkursion des kunstgeschichtlichen Seminars beglichen werden. Dafür sind alle, die in den Genuss kamen, bis heute noch dankbar. Die aufregende Kunstszene in New York hat für viele der Beteiligten einen Motivationsschub gegeben.

Der heimische Kunstsammler Ludwig Rinn ist derzeit in Planung einer Ausstellung mit Beuys-Zeichnungen, die voraussichtlich im Herbst im Universitätsmuseum Marburg gezeigt wird.

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