Josef Stern erhielt Hedwig-Burgheim-Medaille

Gießen (tle). Hervorragende Verdienste um Verständigung und Verständnis zwischen den Menschen sind die Voraussetzung für eine Ehrung mit der Hedwig-Burgheim-Medaille - die höchste Auszeichnung, die die Stadt Gießen einmal im Jahr vergibt. Mit dem früheren Gießener Josef "Jossi" Stern aus der israelischen Stadt Haifa haben Jury und Magistrat einen Preisträger gefunden, der diese Voraussetzungen mehr als erfüllt.

Gießen (tle). Hervorragende Verdienste um Verständigung und Verständnis zwischen den Menschen sind die Voraussetzung für eine Ehrung mit der Hedwig-Burgheim-Medaille - die höchste Auszeichnung, die die Stadt Gießen einmal im Jahr vergibt. Mit dem früheren Gießener Josef "Jossi" Stern aus der israelischen Stadt Haifa haben Jury und Magistrat einen Preisträger gefunden, der diese Voraussetzungen mehr als erfüllt. Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann verlieh ihm am Dienstag im Rahmen der 13. Begegnungswoche der ehemaligen Gießener jüdischen Bürgerinnen und Bürger die Medaille und betonte: "Josef Stern ist der Motor der Verbindung zwischen Gießen und seiner neuen Heimat. Bei ihm laufen Kontakte und Beziehungen zwischen weit zerstreuten Menschen zusammen und er bringt Menschen immer wieder an einen Tisch."

Haumann warnte aber auch vor einer "historischen Umbruchphase, in der wir leben. Denn noch wird die Erinnerung durch Zeitzeugen wachgehalten, die uns bei der nicht immer einfachen und schmerzvollen Erinnerung an die Vergangenheit helfen." Es komme daher auf den einzelnen Menschen an, die damalige Zeit wachzuhalten und nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen. Dafür stehe auch der diesjährige Preisträger.

1921 in Gießen geboren und aufgewachsen, war Josef Stern als deutscher Jude im Alter von 15 Jahren gezwungen, seine Heimat zu verlassen und vor der nationalsozialistischen Verfolgung zu fliehen. Seine Flucht führte ihn nach Palästina, doch schon bald schloss er sich als Freiwilliger der Jüdischen Brigade der Britischen Armee an und diente als Funker auf Schlachtfeldern in Italien, Belgien, Holland und Frankreich. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zog er nach Haifa und wurde schließlich Leiter der dortigen Universitätsbibliothek.

Die Hedwig Burgheim-Medaille wurde ihm in Anerkennung seines steten Bemühens um Versöhnung und Verständigung zwischen Israel und Deutschland verliehen.

Seit den 60erJahren bemühte sich Stern, noch lebende Mitglieder der weltweit verstreuten jüdischen Gemeinde aus Gießen aufzuspüren und das Gedenken an die Ermordeten wider das Vergessen und Verdrängen wachzuhalten.

In Israel gründete der 87-Jährige daher den "Verein ehemaliger Gießener und Umgebung", den er bis heute leitet. Der Verein entwickelte sich zu einer zentralen Schnittstelle zwischen den entwurzelten jüdischen Gießenern in der ganzen Welt und ihrer alten Heimat.

Sein Laudator und Freund Prof. Eckhard von Nordheim nannte ihn daher einen "großen Brückenbauer zwischen vielen Menschen aus Deutschland und Israel, die in der Familie Stern stets freundliche Gastgeber erlebten, die bestehende Kontakte stärkten und neue Kontakte vermittelten." Auch erinnerte Nordheim daran, dass sich die Juden in Deutschland als "normale", eben jüdische Deutsche verstanden hätten und voll integriert waren. Das zeigten schon die jüdischen Teilnehmer des Ersten Weltkrieges, die bereit waren, für ihre Heimat in den Krieg zu ziehen. "Erst Hitler hat ihnen klargemacht, dass sie eben keine "normalen" Deutschen sind, noch nicht einmal normale Menschen, sondern Volksschädlinge, die es auszurotten galt", so von Nordheim. Manchen wie "Jossy" Stern gelang die Flucht, manchen wie Hedwig Burgheim, der Namensgeberin der Medaille, gelang sie nicht.

Auf besondere Weise verbindet neben der gemeinsamen Herkunft und der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ein Band die Namenspatronin der Medaille und den diesjährigen Preisträger. Die jüdische Pädagogin Hedwig Burgheim war bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten Leiterin des Gießener Fröbel-Seminars zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen und Josef Stern eines ihrer Krippenkinder. "Tante Hedwig saß jeden Morgen am Klavier, wir Kinder zogen tanzend durch die Wohnung, während sie uns zulächelte und dabei immer dieselbe Melodie spielte", erinnerte sich Stern. Erst nach Jahrzehnten der Suche gelang es ihm, mit Hilfe der ehemaligen Gießener Musikpädagogin und NS-Widerständlerin Gisela Ludwig die Melodie seiner Kindheit wiederzufinden. Und so erklang im Netanya-Saal des Alten Schlosses auf Initiative des Preisträgers zur Ehrung seiner ermordeten Erzieherin der "Finnische Reitermarsch", gemütlich und sanft gespielt, ganz so wie "Tante Hedwig" das Stück stets angestimmt hatte.

Sichtlich ergriffen dankte Stern Anwesenden, Stadt und Preisjury und beendete seine Dankesrede mit "Schalom" - dem jüdischen Friedensgruß.

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