Auch wenn dieser Dompfaff nur ausgestopft ist: Die Verbindung mit der Natur kann das Gefühl der Entfremdung und Krisen vermeiden: Diese Erfahrung will Jörg Schmidt mit seiner Waldakademie weitergeben. 
+
Auch wenn dieser Dompfaff nur ausgestopft ist: Die Verbindung mit der Natur kann das Gefühl der Entfremdung und Krisen vermeiden: Diese Erfahrung will Jörg Schmidt mit seiner Waldakademie weitergeben. 

Mensch, Gießen

Jörg Schmidt: Der Wald als Sehnsuchtsort

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
    schließen

Er hat Piranhas geangelt, Krisen überstanden, war als Manager auf der Erfolgsspur. Jetzt aber hat Jörg Schmidt seiner Berufung in der Waldakademie Hessen gefunden.

Dieser Mann ist im Anzug um die Welt gejettet, hat millionenschwere Verträge verhandelt, mit zwei Handys jongliert? Nachdenklich erzählt Jörg Schmidt aus seinem Leben. Das lange Haar des 51-Jährigen ist am Hinterkopf zusammengebunden, sein Rangerhemd sieht nach Anpacken aus. Etwa 15 Jahre liegt der Wendepunkt zurück, der aus dem Manager den Wildnisexperten machte, der er heute ist - und der er irgendwie immer war. Dazwischen liegen viele Umwege.

Geboren in Gießen und als Einzelkind in Wißmar aufgewachsen, empfindet Jörg ein nahes Tälchen von klein auf als »Sehnsuchts- und Zufluchtsort«. Mit einer Kindergartenfreundin züchtet er Brennesseln, baut Inseln, pflanzt Bäumchen - »denn jeder Baum zählt« - und eignet sich jede Menge Naturwissen an. Und er spricht heimlich mit Molchen, Bäumen und Blaumeisen. Warum fühlt er sich dort so wohl? »Weil in der Natur keiner blöde Fragen stellt«, sagt der 51-Jährige. »Ich konnte einfach ich sein.« Im Kindergarten eckt der fantasievolle Junge an. »Wir mussten zum Beispiel Sterne ausschneiden. Wenn die nicht genauso aussahen, wie die Erzieherin das wollte, waren sie ›falsch‹.«

Den Wald hegen, Bäume und Tiere pflegen, »Förster werden«, das ist sein Traum. Den begräbt er jäh ernüchtert, als die Eltern sagen, ein Studium komme nicht in Frage. Dann braucht er auch kein Abitur, meint er und schließt nach dem Realschulabschluss an der Herderschule eine Ausbildung als Chemie-Facharbeiter bei Hoechst in Frankfurt ab. Während des Zivildienstes in einer Lebenshilfe-Kita in Gießen holt er parallel in der Abendschule sein Abitur nach.

Es folgt eine kurvenreiche berufliche Laufbahn. »Ich habe alle zwei, drei Jahre etwas Neues ausprobiert. Alles hat funktioniert. Aber ich konnte mir nie vorstellen, dass ich das bis 65 mache.« Er renoviert Fachwerkhäuser, schreibt und fotografiert für das Magazin »Frizz« und arbeitet als Mediaberater. Was ihm fehlt, ist »Erfüllung«.

Wartet die in Mittel- oder Südamerika? Bei mehrmonatigen Reisen erlebt er den Kontinent als »bunt, lebendig und vor allem grün«. Spanisch lernt er vor Ort und wandert Ende der 1990er-Jahre aus. In Kolumbien eröffnet er eine Handelsagentur für deutsche Zahnmedizinprodukte. »Letztlich fehlte mir damals das kaufmännische Wissen und das Durchsetzungsvermögen«, meint der 51-Jährige; hinzu kommen Währungkrisen in der Region.

Schmidt gibt die Agentur auf und steckt sein restliches Geld in eine zweijährige Reise. Mit einem 52er Chevy Bel Air fährt er durch die Anden, gelangt am Amazonas auch mal mit Boot oder Esel in abgelegene Gegenden. Mehrmals lebt er wochenlang bei indigenen Völkern, verständigt sich mit Händen und Füßen. Er angelt Piranhas oder hilft bei der mühevollen Ernte wilder Bananen. Und erlebt mitunter mehr Abenteuer, als ihm lieb ist. Etwa wenn er einer paramilitärischen Gruppe über den Weg läuft. »Ich habe mehrmals in den Lauf von Waffen geblickt.« Lebensgefährliche Situationen muss er auch während einer Entführung und beim Kentern eines Boots verkraften.

Gesundheitlich angeschlagen kehrt Schmidt im Jahr 2000 nach Gießen zurück und fängt »wieder bei null an«. Er arbeitet beim ZDF, lernt seine Frau kennen und wird Vater.

Mit dem Gedanken, die Familie ernähren zu wollen, absolviert er eine zweite Ausbildung und stürzt sich in eine »Business-Karriere«. Er hat Erfolg als Manager und studiert »nebenbei« Wirtschaft an der THM. »Das war sehr spannend. Aber nach sechs Jahren ging es nicht mehr. Mein System hat sich dagegen gewehrt, nur noch in Monitore reinzu- gucken und das Gefühl zu haben, wichtig zu sein.«

Auf den Zusammenbruch und die Diagnose Burnout folgt das »Erweckungserlebnis« in der Rehaklinik im Schwarzwald. Schmidt merkt, wie gut ihm das Draußensein tut, verbringt viele Nächte im Wald. »Die Natur war mir immer wichtig, aber ich habe sie vernachlässigt - und damit auch meine Bedürfnisse.«

Er beschließt: Seine berufliche Zukunft liegt im Grünen. Er macht unterschiedliche Praktika, Weiterbildungen in Wald- und Erlebnispädagogik sowie Traumatherapie. Ein passender Arbeitsplatz ist schwer zu finden. Also gründet er 2014 die Waldakademie Hessen mit Sitz in Wieseck, die er seitdem leitet. Die Idee: Eine Mitmach-Umweltschutzorganisation in Form einer gemeinnützigen GmbH, getragen von einem Netzwerk aus Aktiven.

Zusammen mit rund 20 vielfältig qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf Honorarbasis bietet Schmidt Umweltbildung, Persönlichkeitsentwicklung und Spaß in der Natur für Kinder und Erwachsene an, die in Teams auf Bäume klettern, Holztiere bauen oder Nahrung im Wald suchen. »Wir haben vergessen, dass wir alle fühlende Naturwesen sind.« Dies zu erleben, könne für das ganze Leben prägend sein; ebenso die Erfahrung, »dass jeder mehr Dinge kann, als man sich vorstellen kann«.

Schmidt selbst lernt seine Heimat neu kennen. »Ich muss nicht 7000 Kilometer fliegen, um meine Sehnsucht nach Natur zu stillen oder Abenteuer zu erleben.« Er ist glücklich mit seinem »Lebenswerk«, entwickelt im Team Kurse für berufliche Gruppen, Studierende, Familien, Demente oder psychisch Kranke.

Hauptstandbein ist jedoch die Arbeit mit Schulen und Kindertagesstätten. Deshalb wird die Coronakrise ab Frühjahr 2020 für die Waldakademie zur »Katastrophe«, zumal kein Schutzschirm passt. Schließlich laufen die Kosten für Personal, Buchhaltung oder Mieten weiter. Noch nicht bekannt genug sind die Angebote für Erwachsene, etwa Teambuilding im Wald, »Sommercamps vor der Haustür« als Urlaubsalternative oder das Persönlichkeitstraining »Possibility Management«, das Schmidt bei einem Workshop Anfang September erstmals nach Gießen bringen will; der Erlös wird gespendet, zu 50 Prozent an die Waldakademie. Ebenfalls unter Corona leiden die 140 Obstbäumchen - gekauft für Pflanzaktionen mit Kindern oder irgendwo »gerettet« -, die derzeit in Containern in seinem Hof stehen.

»Jeder Baum zählt« - Interessenten für einzelne Pflanzaktionen sind willkommen. Vor allem sucht die Akademie jetzt Grundstücke, um eigene Streuobstwiesen anzulegen. Auch Spenden und Schenkungen sind willkommen, um mehr Bäume zu pflanzen und einen Begegnungsraum für Menschen und Natur zu schaffen. Schmidt ist dankbar für jegliche Unterstützung und offen für Kooperationen oder andere Möglichkeiten, seine Fähigkeiten einzubringen. Seine Waldakademie ist akut in ihrer Existenz bedroht.

Dabei hat er noch so viele Ideen für die Zukunft. Zum Beispiel eine waldnahe Modellfarm, wo Kursteilnehmer »essbare Landschaften gestalten«. Außerdem: »Alle Bundesländer haben ein Waldmuseum - außer das waldreichste, nämlich Hessen.« Entstehen könnte ein »Welt-Wald-Kunstforum« vielleicht am Dünsberg oder Schiffenberg.

Seine Überzeugung: Solche Orte sind gesund für alle. Manche Krise könnte man verhindern, indem »man rechtzeitig in den Wald geht. Man nimmt Verbindung mit der Natur auf - und mit sich selbst.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare