Jörg Abel ist leidenschaftlicher Musiker. Auch im Ruhestand wird es in seinem Haus nicht leise werden. FOTO: SCHEPP
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Jörg Abel ist leidenschaftlicher Musiker. Auch im Ruhestand wird es in seinem Haus nicht leise werden. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Jörg Abel: Ein Leben für die Musik in Gießen

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Jörg Abel hat fast sein ganzes Leben an der Gießener Liebigschule verbracht. Erst als Schüler, dann als Musik-Lehrer. Jetzt ist der 65-Jährige in den Ruhestand gegangen.

Jörg Abel muss schmunzelnd. Natürlich kennt er den Spitznamen, den ihm seine Schüler einst verpasst haben. "Er ist witzig, aber nicht unpassend." Der Musiklehrer kann über "Mozartkugel" lachen, weil sie nicht nur an den berühmten Dirigenten erinnert und gleichzeitig den nicht ganz flachen Bauch von Abel auf die Schippe nimmt, sondern auch, weil der Spitzname liebevoll verwendet wird. Denn in all den Jahren als Lehrer der Liebigschule hat Abel nicht nur musikalische Maßstäbe gesetzt, sondern seinen Schülern auch viele unvergessliche Erinnerungen beschert. Jetzt ist er in den Ruhestand gegangen.

Abel ist in Buseck aufgewachsen. Sein Vater war Ingenieur, die Mutter Hausfrau. Obwohl die Eltern mit Musik nichts am Hut hatten, haben sie die musikalische Entwicklung des Sohnes nachhaltig geprägt. "Meine Mutter wollte als Kind unbedingt Klavier spielen. In den Kriegszeiten ging das aber nicht", sagt Abel. Sie kompensierte das, indem sie den Jungen zum Klavierunterricht schickte. Die Oma steuerte das passende Instrument bei. "Das hat meine Musikalisierung stark geprägt."

Schon in der Jugend habe er gewusst, später sein Geld mit der Musik verdienen zu wollen. Vor allem die Zeit an der Liebigschule war dafür verantwortlich. Genauer gesagt: Dieter Niedecken. Der damalige Musiklehrer, der auch das Orchester und den Chor aufgebaut hatte, förderte den Schüler Abel. "Er hat mir viele Möglichkeiten gegeben, mich zu entwickeln. Er hat zum Beispiel dafür gesorgt, dass ich als Abiturient ein Klavierkonzert in der Kongresshalle aufführen dürfte, das ich selber komponiert hatte." Niedecken hat also maßgeblichen Anteil daran, dass Abel seine Leidenschaft zum Beruf machte. Und dem einstigen Musiklehrer ist auch zu verdanken, dass Abel später die Kinder und Jugendlichen an der Liebigschule unterrichten sollte.

Nach seinem Abitur begann Abel ein Studium an der Musikhochschule in Frankfurt. Eine spannende und prägende Zeit, wie der 65-Jährige betont. "Ich habe neben Schulmusik auch Orchesterleitung studiert und einige Jahre später auch promoviert." Um für seine Dissertation über die Entstehung der symphonischen Musik in Russland zu recherchieren, reiste Abel mehrfach nach Sankt Petersburg und Moskau. "Ich bin in den Bibliotheken auch auf Stücke gestoßen, die völlig unbekannt waren."

Als sich dann sein Referendariat in Marburg dem Ende zuneigte, sorgte Niedecken dafür, dass Abel an seiner einstigen Schule eine Festanstellung erhielt. Das war 1984. Somit hat er bis zu seinem Ruhestand in diesem Sommer 36 Jahre lang Kindern und Jugendlichen die Welt der Musik nähergebracht - und das auf vielfältige Weise.

Mit Orchester begeistert

Zusammen mit dem Orchester, das Abel als Leiter viele Jahre betreute, sorgte er bei den Zuhörern für Begeisterung. In Gießen zum Beispiel bei den traditionellen Weihnachtskonzerten oder den Auftritten im Stadttheater. Genauso wie das Orchester hat sich auch der Chor einen exzellenten Ruf erarbeitet. Nicht wenige Eltern schicken ihre Kinder genau aus diesem Grund an die Liebigschule.

Abel und seine Schüler überzeugten aber nicht nur in Gießen mit ihren Fähigkeiten. "Ich war sowohl mit dem Orchester als auch mit dem Chor häufig im Ausland unterwegs", sagt Abel und zählt als Beispiele Spanien, England, Frankreich und Italien auf. Selbst nach Russland und Amerika reiste er mit seinen Schülern.

Abel selbst hat neben seiner pianistischen Tätigkeit an der Liebigschule auch selbst im Orchester mitgewirkt. "Ich habe dort Erfahrungen gesammelt, und zwar mit der Geige, der Bratsche und dem Waldhorn. In der Abschlussklasse nahm ich zudem an der ersten Konzerttournee des Orchesters nach Spanien teil."

Neben den großen Projekten gab es auch viele kleinere musikalische Angebote, die Abel ins Leben rief. In Spielkreisen und AGs konnten angehende Streicher, Bläser und Gitarrenspieler sich ausprobieren. Gleichzeitig war für Abel Musikunterricht immer mehr als Spielen und Singen.

"Ich war ein Lehrer vom alten Schlag. Ich habe sehr großen Wert auf Musiklehre und Musikgeschichte gelegt. Ich war nie so erpicht, den Unterricht nur dadurch zu definieren, dass die Schüler auf Instrumenten herumklopfen. Ich bedauere, dass Elementar- und Harmonielehre heute in den Hintergrund gerückt ist."

Man könnte meinen, für einen solchen Experten wäre die Arbeit mit Laien mitunter ermüdend. Doch diese These widerspricht Abel vehement. "Es war nie frustrierend. Man muss sich auf die Möglichkeiten der Kinder einlassen und darf von einem Schülerorchester nicht erwarten, dass es spielt wie Profis." Wobei sie das mitunter taten. Nicht wenige seiner Schüler verdienen heute mit dem Musizieren ihren Lebensunterhalt.

Seit diesem Sommer gehört die Zeit als Musiklehrer der Vergangenheit an. Abel ist im Ruhestand. Er blickt mit gemischten Gefühlen auf den neuen Lebensabschnitt. Natürlich vermisse er die tägliche Arbeit mit den Schülern. Auf der anderen Seite sei er aber auch erleichtert. Das hat zwei Gründe, wie er sagt. Und beide haben mit Corona zu tun.

"Ich bin froh, dass ich mir diese ganzen technischen Anforderungen nicht mehr aneignen muss, die man braucht, um die aktuelle Situation zu meistern", sagt Abel mit Blick auf den Distanzunterricht.

Doch das ist es nicht allein. Abel gehört mit 65 Jahren nicht nur zur Risikogruppe, er ist auch gesundheitlich angeschlagen. "Ich habe vor sieben Jahren eine neue Herzklappe bekommen und hatte vor drei Jahren zwei Schlaganfälle." Kein Wunder, dass Abel nicht sonderlich scharf darauf ist, während einer globalen Pandemie einen Klassenraum mit vielen Schülern zu teilen.

Ruhestand bedeutet aber nicht, dass im Hause Abel Ruhe einkehrt. "Ich höre viel Musik. Aber anders. Wenn man so viele musikhistorische und hörpsychologische Erfahrungen hat, kann man Musik gar nicht unvoreingenommen hören", sagt Abel. "Ich mag keine Musik, bei der man abschaltet. Das ist mir zu flach."

Trotzdem kann er seichtere Musik nicht völlig aus seinem Leben verbannen. Abel und seine Ehefrau Heike, die sich durch den Kirchenchor kennengelernt haben, sind nicht nur stolze Eltern von vier Kindern, sie haben auch vier Enkelkinder.

Gut möglich also, dass Abel auf seinem Klavier häufiger Kinderlieder zum Besten geben muss. Wer weiß: Vielleicht entpuppt sich einer der Enkel ja als echtes Wunderkind am Klavier. Der "Mozartkugel" würde es gefallen.

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