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Darwin Walter beim Gespräch in Pits Pinte.

Wahl am 26. September

Bundestagswahl-Kandidat Darwin Walter (Die PARTEI): Jetzt aber mal im Ernst

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Darwin Walter will für die PARTEI in den Bundestag. Wer die Kandidatur des Wahl-Gießeners als Witz abtut, schätzt ihn falsch ein. Denn der 27 Jahre alte Jurastudent, der laut seinen Wahlplakaten mehr Darwinismus wagen will, hat ernste Anliegen.

Gießen – Die Politikerposen hat Darwin Walter schon ziemlich gut drauf. Auf seinem Wahlplakat gestikuliert er professionell. Es ist die typische Argumentierhaltung. Dazu ein vertrauensseliger Blick, der sagt: Mit mir zu diskutieren, lohnt sich. Und natürlich habe ich am Ende recht. Auf seinem Anzug hat er sich neben einem Mandatsträgerabzeichen der PARTEI das Symbol der Religionsparodie Pastafarianismus angeheftet: das Fliegende Spaghettimonster. Walter will »Kanzler*in aus Gießen, für Gießen, mit Gießen, über, unter, höher, schneller und weiter« werden. Wer glaubt, dass dem 27 Jahre alten Jurastudenten außer dem Spruch »Mehr Darwinismus wagen« nichts mehr einfällt, liegt daneben.

Walter kommt aus Seligenstadt bei Offenbach. CDU und FDP sind hier die stärksten Parteien; in der 20 000-Einwohner-Stadt stellen die Liberalen sogar den Bürgermeister. Es sind keine Parteien, in denen sich der schon in jungen Jahren politisch interessierte Walter engagieren wollte. Mit 18 Jahren trat er deshalb der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative bei: kurz PARTEI.

Bundestagswahl 2021 in Gießen: Darwin Walter will für die PARTEI nach Berlin

Walter ging nach dem Abitur zur Bundeswehr. Aber da er sich als »Vorzimmerdame des Chefs« langweilte, verkürzte er seine Dienstzeit auf sieben Monate. Weil er sich gerne unterhalte und um des Diskutieren willen diskutiere, habe er sich zwischen einem Studium der Philosophie und der Rechtswissenschaften entscheiden müssen. »Aber der junge Darwin wollte Geld verdienen«, sagt er. So landete Walter schließlich in Gießen, wo er kurz vor dem Abschluss seines Jurastudiums steht.

Gießen habe ihn als Dorfkind anfangs überfordert, erzählt Walter. Schnell habe er sich aber eingelebt. »Ich fühle mich wohl, man hat hier alles, was man braucht«: Mit viel Glück günstigen Wohnraum, viele Freizeitmöglichkeiten, eine attraktive Umgebung. »So schnell will ich hier nicht wieder weg.« Genauso, wie er in seiner alten Heimat bei der Feuerwehr und im Sportverein aktiv war, hat sich der 27-Jährige auch in Gießen eingerichtet: Er spielt Handball, pfeift Handballspiele in der dritten Liga und hat das Gießener Quidditch-Team ins Leben gerufen. »Und nun friste ich außerdem noch das Leben eines Kommunalpolitikers«, sagt er.

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Walter sitzt als Nachrücker als einer von zwei PARTEI-Mitgliedern im Stadtparlament in Gießen. Dort hat er erlebt, dass einige Kommunalpolitiker die Neuen mit den schicken grauen Sakkos skeptisch sehen. »Dir hilft kaum jemand, weil dich kaum jemand mag«, sagt Walter. Der Grund: Es sei nun mal für viele unangenehm, wenn man ihnen und ihren Ritualen auf den Zahn fühle. Sätze wie »Das ist so üblich« oder »Das haben wir immer so gemacht« sind Walter ein Graus. »Wir agieren nicht im System, sondern hinterfragen dieses«, sagt er. »Wir würden niemals für etwas stimmen, von dem wir nicht überzeugt sind.« Als Beispiel nennt er in diesem Zusammenhang die Koalitionsgespräche mit den Grünen. Die seien gescheitert, »weil uns das freie Mandat wichtig ist und nicht der Fraktionszwang«.

Bundestagswahl in Gießen 2021: „Wer sonst, wenn nicht ein Wahl-Gießener?“

Ebenfalls gesprochen haben er und seine Parteikollegin Andrea Junge mit der Linken sowie mit Volt - und dem Volt-Stadtverordneten Frank Schuchardt »aus der Position der Stärke, weil wir eine Person mehr sind«. Hervor hebt er den guten Kontakt zur Fraktion Gigg/Volt, die den beiden PARTEI-Mitgliedern Fragen zum parlamentarischen Ablauf beantworten.

Hinzukommt nun die Kandidatur für den Bundestag. In einer Kampfabstimmung hatte sich Walter gegen einen Parteikollegen aus dem Vogelsberg durchgesetzt. »Wer soll sonst gegen Helge Braun antreten, wenn nicht ein Wahl-Gießener?«, fragt Walter. Der CDUler sei keine Alternative mehr nach dem Desaster um die zurückgelassenen Ortskräfte in Afghanistan. Walter gibt sich siegessicher - trotz der durchaus illustren Konkurrenz: 100 Prozent plus X ist sein Ziel. Für den Christdemokraten Braun sei dann Schluss in Berlin. »Der kann den Schlüssel vom Kanzleramt gleich bei mir einwerfen.«

Weil Walter mitten in seinen Abschlussprüfungen steckt, setzt er nicht auf einen zeitintensiven Haustürwahlkampf - maximal sei »Klingelstreichwahlkampf« möglich. Den Fokus legt die PARTEI auf die Podiumsdiskussionen und soziale Medien, sagt er: Facebook und Twitter zum Beispiel. »Für TikTok sind wir zu alt.« Und der Tinderwahlkampf habe sich auch als sinnlos erwiesen. In der Dating-App wollten die Nutzerinnen und Nutzer nicht wirklich über Politik reden.

Bundestagswahl in Gießen: Darwin Walter (Die PARTEI) will Erstwähler überzeugen

Weil wenig Zeit für Wahlkampf bleibe, müsse jedes Thema sitzen, betont Walter. Zum Beispiel »dieser scheiß Klimawandel, dem müssen wir uns kompromisslos entgegenstellen«. Zwar werde das Thema vor allem mit den Grünen verknüpft. Aber die böten lediglich »Klimaschutz für Reiche«. Walter will sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine absolute Vermögensobergrenze von 10 Millionen Euro einsetzen. »Alles was darüber liegt, muss mit 99 Prozent versteuert werden.« Außerdem werde er sich gegen die Gentrifizierung stemmen - auch wenn Investoren im Immobiliensektor natürlich ihr Geld verdienen sollen, »aber verträglich für alle«. Beim Thema Radverkehr will Walter die Niederlande als Vorbild nehmen. »Dort werden Straßen von außen nach innen geplant.« An erster Stelle stünden die Bedarfe von Fußgängern und Radfahrern - und nicht die von Autos. In Deutschland sei dies anders.

Eines ist Walter besonders wichtig: Erstwähler davon zu überzeugen, wählen zu gehen. Wenn sie dies nicht täten, profitierten davon Rechtspopulisten und -extremisten. »Von ihnen geht die größte Gefahr aus«, sagt Walter. »Da müssen wir dagegenhalten.« (Kays Al-Khanak)

Redaktioneller Hinweis: Dieser Text erschien erstmals am 30.08.2021.

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