1. Gießener Allgemeine
  2. Gießen

Jens Schmidt: »Ich habe die ganze Torte im Blick«

Erstellt:

Von: Marc Schäfer

Kommentare

null
© Oliver Schepp

Über frische Ideen zur Verkehrswende, aber auch über Schwimmbäder, volle Busse und hohe Strompreise spricht Stadtwerke-Vorstand Jens Schmidt im Interview.

Herr Schmidt, Sie sind 2014 vom großen RWE-Konzern zu den kleinen Stadtwerken gekommen. Warum eigentlich?

Jens Schmidt: Damals war ich 48 und habe überlegt, was ich noch so machen will. Bei RWE war ich als Geschäftsführer einer Netzgesellschaft verantwortlich für ein kleines Stückchen des sehr großen Kuchens. Ich fand es interessant, in Gießen die ganze Torte im Blick zu haben. Ich kann hier nämlich das ganze Geschäft gestalten. Welche Produkte bringen wir auf den Markt? Wie ist die Kundenansprache? Wie schicken wir Rechnungen raus? Das hat mich gereizt.

Rechnungen? Gutes Stichwort. Ihre Stromrechnungen sind für SWG-Kunden kaum zu verstehen. Geht das nicht einfacher?

Schmidt: Ich verstehe sie auch nicht (lacht). Aber es gibt gesetzliche Vorgaben, die auf Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt zurückgehen. Der hat seine Rechnungen wohl auch nicht verstanden und Vorgaben durchgesetzt. Die machen das Ganze sehr unübersichtlich, aber wir haben keine Wahl. Alles was drauf steht, muss drauf stehen. Deswegen haben wir unsere erste Seite gestaltet, auf der das Wichtigste zusammengefasst ist. Habe ich Guthaben oder muss ich nachzahlen.

Zu der SWG-Torte gehört in Gießen die enge Verbindung zur Stadt und die Aufgaben, die sich aus der Politik ergeben. Das kann Ihnen nicht uneingeschränkt gefallen.

Schmidt: Aus rein wirtschaftlicher Sicht findet auch ein Stadtwerk Schwimmbäder und ÖPNV natürlich nicht ganz so gut, weil sie renditemäßig begrenzt zukunftsfähig sind. Ich möchte aber auf keinen Fall in einer Stadt wohnen, in der es weder Bäder noch ÖPNV gibt. Man kann darüber streiten, was das kosten darf, aber dass beides grundsätzlich von einer Stadt zur Verfügung gestellt werden muss, steht für mich außer Frage.

Zuletzt wurde hessenweit darüber geklagt, dass Bademeister fehlen. Ist das für Sie auch ein Problem?

Schmidt: Wir können unseren Betrieb sicherstellen. Es gab aber Anfragen aus der Nachbarschaft, weil dort Schwimmmeister fehlten, denen wir nicht nachkommen konnten. Wir bilden selbst aus und versuchen auf diese Weise etwas gegen diese Not zu tun. Unsere Azubis finden noch vor der Prüfung einen Job, wo immer sie wollen. Die Übernahme zumindest für ein Jahr ist ihnen sicher.

In der Ausschreibung Ihrer Stelle stand damals als eine Aufgabe: »Die Energiewende vor Ort gestalten!« Wie weit sind Sie?

Schmidt: Mittendrin. Es gab damals schon das Buch »Ein Stadtwerk stemmt die Energiewende« von meinen Kollegen Herrn Funk und Frau Weller. Das habe ich übrigens für meine Bewerbung brav gelesen (lacht). Die Grundsteine wurden schon in den frühen 80ern gelegt, unter anderem mit dem Aufbau des Fernwärmenetzes. Der Weg war bereitet, wir gehen ihn nun konsequent weiter, mit der Inbetriebnahme der Trea II und der Erdgasbusse zum Beispiel. Bis 2050 komplett auf CO2 zu verzichten, ist auch für uns ein ambitioniertes Ziel. Nur 20 Prozent des gesamten Energieverbrauchs fällt auf Strom zurück, der Rest auf Wärme und Verkehr - und im Verkehr arbeiten wir mit Biomethan in den Bussen schon CO2-neutral. In der Wärme bleibt uns wegen der großen Energiemengen im Großen und Ganzen nur Gas, aber das ist auch nicht CO2 neutral, wenn es nicht aus grünem Strom gewonnen wird. Wir stellen uns aktuell zum Beispiel die Frage, ob es klug ist, das Gasnetz in Zukunft nicht zu nutzen. Wenn wir heute ein Gasrohr legen, glauben wir, dass wir es in 30 Jahren noch brauchen? Die Finanzierung ist auf 30 Jahre ausgelegt. Wenn ich also glaube, dass ich es dann nicht mehr nutze, darf ich es heute aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht verlegen. Politik gibt manchmal ferne Ziele vor, aber Investitionsentscheidungen müssen jetzt schon getroffen werden.

Auch die Verkehrswende ist ein Thema, das die Stadtwerke direkt betrifft.

Schmidt: Auch da steckt bis ins Jahr 2050 viel Spekulation drin. Fahren wir in 30 Jahren autonom? Brauchen wir dann mehr, weniger oder keinen ÖPNV mehr? Ich glaube, es wird immer jemanden geben, der Mobilität regional organisiert. Für den ÖPNV sind wir das aktuell. Ich könnte mir auch für die Zukunft vorstellen, diese Aufgabe zu übernehmen. Es wird jedoch eine ganz andere sein als jetzt. Dennoch: Auch autonom fahrende Autos müssen irgendwo zentral gewartet und getankt werden. Es wird auch weiterhin Verkehrsverbünde geben. Wir fangen gerade an, uns mit diesen Themen zu beschäftigen, denn es wird dann um andere Fähigkeiten gehen, als einen Bus fahren zu können.

Sie bieten neuerdings einen E-Smart mit Lademöglichkeit an. Wie ist dieses Projekt bisher angelaufen?

Schmidt: Die Nachfrage ist super. Leider ist die Produktion für 2019 noch nicht so flott aufgestellt. Etwa 400 Kunden haben Interesse signalisiert. Wir haben auch viel Lob von Fachleuten bekommen. Das Interessante daran ist das Gesamtkonzept. Es geht nicht nur darum, E-Mobilität zur Verfügung zu stellen. Wir bieten zudem eine Photovoltaikanlage und einen eigenen Speicher an. Wir haben auch schon die ersten Werbepartner, die das Projekt als »regionales Vorzeigeprodukt« ausgemacht haben und mitmachen wollen.

Die SWG haben 2015 die zweite öffentliche E-Ladesäule in Betrieb genommen, heute gibt es drei. Soll es in Sachen E-Mobilität in dieser Geschwindigkeit weitergehen?

Schmidt: Wir glauben nicht an das dezentrale öffentliche Laden, sondern sind überzeugt, dass man zu Hause oder an der Arbeit laden wird. Warum sollen wir also die Straßen damit zupflastern, wenn es später nicht genutzt wird? Wir unterstützen lieber dabei, Ladesäulen in Haushalte und Firmen zu bringen.

In Gießen gab es zuletzt einen Verkehrswendetag. Wie beurteilen Sie Ideen, die dort angeschnitten wurden?

Schmidt: Ich finde kontroverse Diskussionen gut. Man muss auch verrückte Ideen in die Welt setzen, um zu guten Lösungen zu kommen. Nur E-Mobilität ist nicht die Lösung. Ich bin Fahrradfahrer, habe aber auch Verständnis für unsere Busfahrer. Diese zwei Seiten kommen sich schon sehr oft ins Gehege und dazwischen fahren noch Autos. Es gibt immer zwei Seiten. Wenn ich Fahrrad fahre, bräuchte ich mehr Raum. Wenn ich im Nieselregen in meinem Auto sitze, finde ich den Fahrradfahrer nicht so praktisch, der vor mir herschleicht. Sicher ist, das Verkehrskonzept der Stadt muss dynamisch sein.

Am ÖPNV kommt immer wieder Kritik auf. Dann geht es oft um Nutzerfreundlichkeit, überfüllte Busse, die Taktung oder Anschlussverbindungen. Wie können Sie den ÖPNV verbessern?

Schmidt: Unsere Busse werden oft mit dem ÖPNV in einen Topf geworfen, aber es sind nicht immer unsere Busse, auf die die Kritik abzielt. Ich nehme sie jetzt trotzdem mal an: Wir statten unsere Busse gerade mit einem Fahrgastzählsystemen aus, alle sind GPS getrackt. Wir kennen die Benutzerzahlen jedes einzelnen Busses demnächst also sehr genau und können gut darauf reagieren. Bisher war ein Problem, dass es sich oft nur um ein Gefühl handelte. Ein Gelenkbus hat eine Kapazität von mehr als 150 Plätzen. Manche sagen, der ist bei 70 schon voll. Bei mehr als zehn Bussen jeden Tag, jede Haltestelle, Einstiege, Ausstiege - da kommt ein Haufen Daten zusammen. Wir arbeiten mit einem Partner zusammen, der das für uns visualisiert. Allein mit Excel-Dateien bekommen wir das nicht mehr hin.

Kein Interview mit dem SWG-Boss, in dem es nicht um Strompreise geht.

Schmidt: Stadtwerke stehen immer wieder in der Kritik, höhere Preise zu haben, als der billigste Anbieter bei Verivox. Wenn ich mit Freunden darüber diskutiere, sage ich immer: Falls ihr zu den billigsten wechselt, was ich ja nicht verhindern kann, ihr bleibt trotzdem meine Freunde, vergleicht nach drei Jahren den Preis und wenn der dann nicht weit weg von unserem ist, kommt zurück und bleibt bei uns. Je nach Einkaufszeitpunkt ist es leicht, einen günstigeren Preis anzubieten, gerade, wenn ich Neukunden akquiriere. Denn ich muss die Menge erst dann kaufen, wenn ich den Vertrag abgeschlossen habe. Wir haben aber viele Bestandskunden. Um Risiken für die und uns zu vermeiden, kaufen wir drei Jahre im Voraus Strom ein. Immer nach bestimmten Zeitabständen. Damit sind wir über die Jahre nie die billigsten, weil wir nie am billigsten Punkt kaufen, aber immer im Mittel. Die billigen Anbieter pokern. Falls sie einkaufen müssen, wenn der Preis höher ist, haben sie Pech und müssen vielleicht in die Insolvenz. Davon gab es in den letzten Jahren ja genug. Wenn die Konkurrenten seriös arbeiten, landen ihre Preise nach drei Jahren bei unseren Preisen. Selbst wenn sie dann immer noch ein bisschen günstiger sind, haben sie noch kein Kundenzentrum vor Ort - und von ÖPNV und Bädern will ich jetzt mal gar nicht reden. Ich kann bis zu einem gewissen Punkt verstehen, wenn Leute wechseln. Wenn die dann aber für die Schultombola nach Präsenten fragen, denk ich schon manchmal, jetzt passt etwas nicht mehr zusammen.

Wie viele Ihrer Freunde sind denn wieder zu den Stadtwerken zurückgekommen?

Schmidt: Zwei oder drei sind gewechselt, zwei sind wieder da. Die meisten trauen sich das nicht, denn sie wissen, dass es dann weniger Geschenke für deren Kinder gibt. (lacht).

Auch interessant

Kommentare