In einigen Gießener Stadtteilen ist die Kinderarmut weit verbreitet.
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In einigen Gießener Stadtteilen ist die Kinderarmut weit verbreitet.

Kinderarmut

Jedes vierte Kind in Gießen ist arm

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Gießen boomt - aber längst nicht überall. Jedes vierte Kind ist arm. In der Weststadt lebt fast jeder zweite Jugendliche in einem Hartz-IV-Haushalt.

Es gab Zeiten, da wies die Arbeitslosenstatistik für Gießen Werte aus, wie man sie nur aus den neuen Bundesländern oder dem Ruhrgebiet kannte. Aber das war vor den Arbeitsmarkt- und Sozialreformen, den sogenannten Hartz-Gesetzen, die unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder vor nunmehr fast 15 Jahren auf den Weg gebracht wurden. Deshalb darf man sich nicht täuschen lassen von der Tabelle zur Arbeitslosigkeit in Gießen, die das Amt für soziale Angelegenheiten im Rahmen seiner aktuellen Sozialberichterstattung soeben dem Stadtparlament vorgelegt hat. Nur noch 5,6 Prozent beträgt demnach die Erwerbslosigkeit im Stadtgebiet. Die Wahrheit über die soziale Lage in der mittelhessischen »Boomtown« steht ein paar Seiten weiter. Denn sowohl, was die Menschen betrifft, die Arbeitslosengeld II erhalten, als auch die Kinder und Jugendlichen, die in Bedarfsgemeinschaften, auch Hartz IV-Haushalte genannt, leben, sind die Zahlen erschreckend hoch.

Gießen: Über 10000 leben von Hartz IV

Langzeitarbeitslose: Von den fast 72 500 Einwohnern unter 65 Jahre beziehen gut 10 000 Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (Arbeitlosengeld II/Hartz IV). Das entspricht einer Quote von fast 14 Prozent. Fast 27 Prozent beträgt die Langzeitarbeitslosenquote in der Weststadt, fast 23 Prozent in der Nordstadt. Vergleicht man die Zahlen mit denen aus dem Sozialstrukturatlas, der vor rund zehn Jahren vorgelegt wurde, stellt man fest, dass sich bei der absoluten Zahl wenig geändert hat. Damals waren es auch schon knapp 10 000, obwohl die Einwohnerzahl mit 73 000 deutlich geringer war als 2017 (85249).

Kinder und Jugendliche: Von den knapp 12 000 Kindern und Jugendlichen lebten vor zwei Jahren über 3000 in Bedarfsgemeinschaften (26,2 Prozent). Das ist mehr als ein Viertel. Das Amt für soziale Angelegenheiten sieht darin einen »Indikator für Kinder- und Jugendarmut« in Gießen. Am höchsten ist sie mit fast 45 Prozent in der Weststadt, in der Nordstadt leben fast 40 Prozent der unter 18-Jährigen in einer Bedarfsgemeinschaft. Im Ostviertel (26,09) und in der Innenstadt (25,26) ist die Quote ebenfalls hoch. Ein Vergleich zur Situation vor zehn Jahren lässt ich nur bedingt ziehen, weil im Sozialstrukturatlas damals nur die Zahl der Kinder bis 14, die in Hartz IV-Haushalten leben, angegeben wurde. Sie lag bei knapp 2500.

Gießen: Beschäftigungsquote steigt

Andere Zahlen im Sozialbericht, der sich weitgehend auf Daten aus dem Jahr 2017 stützt, zeigen, dass es in Gießen auf dem Arbeitsmarkt aufwärts geht. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten betrug 2017 über 28 000, die Beschäftigungsquote fast 45 Prozent. Vor zehn Jahren lag sie bei weniger als 41 Prozent.

Im Vergleich zur Zeit um 2007 bis 2009, als der von der Uni-Professorin Ute Maier-Gräwe erstellte Sozialstrukturatlas für Gießen entstand, ist auch der Ausländeranteil gestiegen. Damals lag er bei 12,7 Prozent (9285 Personen), aktuell bei rund 17 Prozent. In absoluten Zahlen lebten Ende 2017 über 14 000 Nichtdeutsche in der Stadt, momentan sind es rund 15 500. In der von der Stadt vorgelegten Länderstatistik bildet sich auch die Zuwanderung durch Flüchtlinge ab. Mit 1308 Personen stellen die Syrer mittlerweile hinter den Türken (2091) die mit Abstand größte Gruppe von Nichtdeutschen.

Gießen: Arme Familien zahlen keine Kita-Gebühren

»Die Zahlen zur Kinderarmut sind leider nicht neu«, sagt die für die soziale Stadterneuerung zuständige Dezernentin Astrid Eibelshäuser. Deshalb müsse Kindern mit einem Armutsrisko weiterhin der Zugang zur frühkindlichen Erziehung und Bildung erleichtert werden. »Dass einkommensschwache Haushalte dank der Sozialstaffel keine Kita-Gebühren zahlen, gilt ja schon lange bei uns«, erklärt die SPD-Politikerin. Zudem sei die Betreuung im Rahmen des Pakts für den Nachmittag bis 16 Uhr kostenlos. Eibelshäuser: »Das gibt es nur in Gießen.« Auch sozialräumlich werde viel getan, verweist die Dezernentin auf die aktuell aufgelegten Stadterneuerungsprogramme für die nördliche Weststadt, den Eulenkopf und die Margaretenhütte. »Die Jugenddezernentin und ich haben das Thema Kinderarmut fest im Blick. Wir tun alles, was möglich ist«, betont Eibelshäuser.

An einer der Ursachen für Kinderarmut, dass nämlich so viele Familien von Sozialleistungen lebten, könne die Kommunalpolitik wenig ändern: »Ob es zum Beispiel ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt, das wird woanders entschieden.«

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