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Kurvenfahren will gelernt sein. An der "Bikeschool" steht das im Lehrplan.

Schulprojekt

Jeder zweite Schüler fährt sehr unsicher Rad

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Schwimmen und Radfahren waren früher Kulturtechniken. Heute haben viele Jugendliche Radfahren verlernt. Die Liebigschule in Gießen will diesen Zustand ändern.

Mit gelber Weste und schwarzem Helm steht die 13-jährige Melissa am Rand des Parcours und wartet, bis ein Rad frei wird. Fahrrad ist sie auch schon früher gefahren, aber gut konnte sie es nicht. "So richtig sicher fühle ich mich erst jetzt", sagt sie.

Die Schülerin ist nicht die einzige, die den richtigen Gebrauch des Zweirads gerade lernt. "Schätzungsweise 50 Prozent der Mittelstufenschüler beherrschen das Fahrradfahren nicht gut genug, um im Straßenverkehr zu fahren", stellt Lehrer Thomas Linnemann fest. "Ich war schockiert, wie schlecht das Niveau vieler Jugendlicher war", erinnert er sich an die Anfänge.

Seit vielen Jahren arbeitet der Biologielehrer in Zusammenarbeit mit der Initiative Bikepool darauf hin, dass sich das Niveau verbessert. Für Linnemann und Schulleiter Dirk Hölscher geht das Projekt mit Bikepool weit über das Ziel des reinen Sportunterrichts hinaus. Von "Mobilitäts- und Alltagskompetenz", die die Jungen und Mädchen für sich gewinnen, ist beim Pressetermin mit der städtischen Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser oft die Rede.

Zweirad-Training für rund 150 Schüler

In der "Lio-Bikeschool" werden aktuell rund 150 Schüler/innen im Rahmen vom Sportunterricht und in AGs auf dem Zweirad trainiert. Unterstützt wird Bikepool (vertreten durch Tina Urnau) von der AOK (Jana Sturm) sowie dem Ehemaligen- und Förderverein der Schule (Dr. Melanie Neeb, Dietrich Wosimsky), die die Anschaffung von Rädern, Helmen, Schutzwesten und Werkzeug unterstützen. Ermöglicht wurde auch die Einrichtung eines Fahrradkellers und einer Werkstatt.

Melanie Neeb, Vorsitzende des Ehemaligenvereins, kennt die Probleme. "Ich bin früher mit den Rad zur Schule gefahren, heute werden viele Kinder mit dem Auto bis vors Schultor gefahren." Nach Beobachtung ihrer Vereinskollegin Dr. Sandra Karl hat sich die Zahl der "Eltern-Taxis" durch den Fahrradunterricht aber "deutlich" reduziert. Die Zahl der Schüler/innen, die tagtäglich mit dem Rad zur Schule kommen, schätzt Lehrer Christian Heimbach auf 150 - "wenn es nicht regnet oder kalt ist". Also etwa ein Zehntel der Schülerschaft.

Heimbach: "Umweltfreundlicher Verkehr"

Heimbach, der für die SPD im Stadtparlament sitzt und sich unter anderem um das Thema Verkehr kümmert, betont die langfristige Bedeutung des Projekts. "Wir erziehen junge Menschen zu einem nachhaltigen Verkehrsverhalten", sagt Heimbach. Wer das Radfahren als junger Mensch lerne, werde es auch im Alter als Verkehrsmittel nutzen, ist Heimbach überzeugt. Schulleiter Hölscher pflichtet bei: "Wir wollen ja alle einen umweltfreundlichen Verkehr."

An dem hat natürlich auch die Stadt ein Interesse. Schuldezernentin Eibelshäuser denkt darüber nach, die fünf Gießener Bikepool-Schulen an einen Tisch zu holen, um zu sondieren, welchen Beitrag die Stadt zur Verstetigung des Radunterrichts leisten kann.

Von heute auf morgen geht es jedenfalls nicht, weiß Linnemann. Auch nach zehn Wochen Unterricht seien viele Schüler/innen "noch nicht richtig drin". Drin, das bedeutet auch den richtigen Umgang mit dem Material. Sattel auf die richtige Höhe verstellen, dosiert bremsen, Reifen aufpumpen und so weiter.

Auch Melissa weiß jetzt, wie man schaltet, bremst und einem Hindernis ausweicht. Vom Wohnort Großen-Linden in die "Lio" zu radeln, das geht ihr dann aber doch im wahrsten Sinne des Wortes zu weit. "Und zu kalt ist es auch".

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