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Ananya Alehegene lebt seit zweieinhalb Jahren in Deutschland.

„Jeder verdient Respekt“

Sofa-Kauf wegen Hautfarbe geplatzt: Gießener macht Rassismuserfahrung

  • Burkhard Möller
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Er hat einen Beruf und die Sprache seines neuen Heimatlandes schnell gelernt. Als Altenpfleger in Ausbildung hat er in der Corona-Pandemie die Stellung gehalten. Er hat Anschluss gefunden an Menschen in Gießen und die Stadtgesellschaft. Trotzdem passiert es auch Ananya Alehegene immer wieder, dass er auf seine Hautfarbe reduziert wird. Ein Vorfall hat ihn regelrecht geschockt.

Gießen – Ananya Alehegene ist ein vielseitig interessierter und engagierter junger Mann. Er ist Mitglied einer Schauspielergruppe, er trommelt, tanzt, engagiert sich in der Kirche und der Kommunalpolitik, und bald wird er seine Ausbildung zum Altenpfleger abgeschlossen haben. Besonders wird die Aufzählung durch den Umstand, dass der 20-Jährige erst seit zweieinhalb Jahren in Deutschland lebt. Man könnte hinzufügen, dass er die Sprache seiner neuen Heimat gut spricht und schreibt, was für die Aufenthaltsdauer nicht selbstverständlich ist. »Da muss ich aber noch besser werden«, erzählt der aus Äthiopien stammende junge Mann.

Damals kam er mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester nach Deutschland und landete als sogenanner unbegleiteter minderjähriger Ausländer in einer Wohngruppe der Caritas in der Frankfurter Straße, später kam er in die Awo-Einrichtung in der Marshallstraße. »Gott hat uns gerettet«, sagt Alehegene.

In seiner Geburtsstadt Addis Abbeba studierte er Businessmanagement und geriet nach eigenen Angaben aus politischen Gründen wiederholt in Konflikt mit Polizei und Sicherheitskräften. Mehrmals sei er bei Protesten auf dem Campus verprügelt worden. »Das tut heute noch weh«, sagt Alehegene und zeigt auf seinen Rücken. Daher habe er sich nach Europa aufgemacht, zurück blieben Mutter und sein kranker Vater. Als mittlerweile Erwachsener muss er ein Asylverfahren durchlaufen, das noch nicht abgeschlossen ist. Er ist zuversichtlich, dass er bleiben kann.

Gießener arbeitet im Alloheim an der Grünberger Straße

Der 20-Jährige steht mittlerweile auf eigenen Beinen, arbeitet im zweiten Lehrjahr im Alloheim an der Grünberger Straße und wohnt in der Weststadt. Wenn er über seine neue Wahlheimat spricht, gerät er ins Schwärmen. »Aus Gießen will ich nie mehr weg«, sagt er.

Alles in Butter also? Keineswegs, denn es gibt ja einen Grund, warum er vor drei Wochen nach der ersten Sitzung des städtischen Ausländerbeirats, für den Alehegene kandidiert hatte, vor der Kongresshalle auf einen Journalisten gewartet hat. Er bittet um ein Gespräch, das zwei Tage später stattfinden wird und sich um einen Vorfall dreht, der sich an einem Samstag Anfang April ereignete und sich anhand eines Whatsapp-Chats nachvollziehen lässt.

Alehegene hatte bei Ebay gesehen, dass ein Sofa zum Verkauf angeboten wird, das prima in seine Wohnung passen würde. Er nahm Kontakt auf, alles lief glatt. Mit der Verkäuferin wurde der kommende Samstag als Abholtag und 16 Uhr als Uhrzeit vereinbart. Mit einem Kumpel lieh sich Alehegene einen Kleintransporter für 180 Euro und fuhr zur vereinbarten Zeit zu dem Haus in Wieseck. »Wir haben geklingelt, aber niemand machte auf. Wir haben gewartet und gewartet«. erzählt Alehegene. Nach knapp 40 Minuten schrieb er der Verkäuferin eine Nachricht, dass er vor der Haustür stehe und den Mietwagen um 18 Uhr zurückgeben müsse. Nichts geschah. Nach etwa einer Stunde sei die Frau mit ihrem Partner aus dem Haus gekommen und habe den beiden Männern gesagt: »Ich lasse keine Schwarzen in meine Wohnung.« Auch das Sofa werde sie ihm nicht verkaufen. Unverrichteter Dinge und schockiert seien sie weggefahren. Tags darauf schickte Alehegene der Frau noch eine Nachricht. »Ihre Reaktion auf unser Erscheinen hat uns sehr schockiert und verletzt«, schrieb er und appellierte an die Frau, sie möge doch ihre rassistische Haltung überdenken und Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe und Herkunft beurteilen. Zum Abschluss wünschte er der Wieseckerin einen »schönen und gesegneten Sonntag«.

Der 20-Jährige ist immer noch fassungslos, wenn er über den Vorfall spricht. Dass die 180 Euro futsch sind, sei sein geringstes Problem. »Was gesagt wurde, werde ich nie vergessen. Das bleibt in meinem Herzen«, sagt er, zeigt auf sich und fragt. »Warum werde ich dafür bestraft? Ich bin halt so auf die Welt gekommen.«

Liberales Grundklima gefällt an Gießen

Alehegene erzählt, was er in Äthiopien in der Schule über Deutschland gelernt hat. »Da ging es um Hitler und dass Deutschland ein rassistisches Land ist.« Es gebe Rassismus in der hiesigen Gesellschaft, aber Deutschland sei kein rassistisches Land, betont er. Dieses Urteil könne er sich erlauben, weil er hier lebe. »Man muss sich selbst ein Bild machen und fair bleiben. Das gilt auch für jeden Einzelnen. Jeder verdient Respekt«, sagt Alehegene, der an Gießen das liberale Grundklima schätzt.

Bohrt man nach, kommt freilich die eine oder andere weitere Demütigung ans Licht. Am Schwanenteich sei er mal einer Frau zu Hilfe geeilt, die eine epileptischen Anfall hatte. »Ich wollte helfen, weil ich mich damit auskenne. Als ich mich über die Frau gebeugt habe, hat mich ihr Mann weggestoßen. Er dachte, ich wollte sie beklauen. Hinterher hat er sich bei mir entschuldigt.« Manchmal werde er auch auf Englisch angesprochen. Alehegene: »Man wird nicht gefragt, man wird eingeschätzt.« Zudem hat er den Eindruck, öfter als andere Passanten von der Polizei kontrolliert zu werden. »Wenn man fragt: Warum ich jetzt?, bekommt man als Antwort: Routinekontrolle.«

Alehegene weiß, dass es Flüchtlinge gibt, die Straftaten begehen oder Frauen respektlos behandeln. Leider werde dieses Fehlverhalten von den Medien zum Schaden der Mehrheit der rechtstreuen und integrationswilligen Zuwanderer hervorgehoben, bedauert er. Dann zückt er sein Handy, um zu zeigen, wie gut er angekommen ist. Er mischt bei der Jungen Bühne mit, tanzt und trommelt, ist beim Stadtfest aufgetreten und gehört der International Church an. Auf einem Beurteilungsbogen seines Arbeitgebers hagelt es für ihn die Note »sehr gut« - für »Persönlichkeitsbild«, »Leistungsfähigkeit« und »Sozialer Kontakt«. »Ich war während der Corona-Pandemie vor einem Jahr keinen Tag krank«, fügt er hinzu - mit einer Mischung aus Stolz und Trotz.

Zum Abschluss will er von dem Journalisten noch einen Tipp haben, in welcher Partei er sich engagieren sollte. Da muss man nicht lange überlegen, um die Antwort schuldig zu bleiben. Ananya Alehegene braucht keinen Rat. Das kann er allein herausfinden.

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