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Jeder dritte Flüchtling psychisch erkrankt

Gießen (srs). Wer mit Flüchtlingen ins Gespräch kommt, stellt ihnen bisweilen auch Fragen nach ihrer Lebensgeschichte, nach Erlebnissen in ihrer Heimat und auf der Flucht. Zurückhaltung und Sensibilität sind hierbei allerdings geboten, wie ein Vortrag des Direktors der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Uniklinikums deutlich machte.

Jeder dritte Flüchtling, so Prof. Johannes Kruse, leide unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder einer anderen psychischen Erkrankung. "Sie fühlen sich hilflos, leben in Angstzuständen". Oftmals seien sie noch nicht in der Lage, Verfolgung und Folter in ihrer Heimat sowie dramatische Ereignisse der Flucht zu verarbeiten. Selbst bei einer Therapie sei eine Auseinandersetzung von Flüchtlingen mit ihren Traumata "erst dann ratsam, wenn sie stabilisiert sind."

Asylsuchende müssten sich in vielen Fällen "nicht nur mit einem einzigen Trauma" auseinandersetzen, betonte Kruse bei seinem Vortrag im Biomedizinischen Forschungszentrum Seltersberg. "Sie sind entwurzelt. Ihr Land ist zerfallen – und das, woran sie geglaubt haben." 36 Prozent der Flüchtlinge weltweit hätten Foltererfahrungen. "Auch die Flucht selbst kann ein Trauma nach sich ziehen. Dann ist hier der Aufenthaltsstatus unsicher, sie verstehen die Sprache zuerst nicht, und sie fühlen sich wieder ausgeliefert und hilflos.

" Bei Flüchtlingen diagnostiziere man häufig eine komplexe PTBS. Der fortdauernde Stress führe dazu, "dass irgendwann der Kern der Persönlichkeit beschädigt ist." Die psychische Erkrankung könne zudem körperliche Folgen nach sich ziehen. Kruse hat im Besonderen Bürgerkriegsflüchtlinge aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens untersucht. In einer Studie mit bosnischen Flüchtlingen stellte er fest, dass sich deren Blutzuckerspiegel und Herzfrequenz erhöhten, wenn sie auf Kriegserlebnisse zu sprechen kamen.

Ein großer Teil, 44 Prozent, überwinde Traumata "unter guten Bedingungen selbst und spontan". Milde Formen der PTBS könne man etwa mit pädagogischen Methoden leicht behandeln. In schweren Fällen einer komplexen PTBS allerdings könne nur eine traumaspezifische Psychotherapie helfen. Diese sehe zunächst eine Stabilisierung des Patienten vor, um sich erst dann den Traumata zuzuwenden. Ziel seit letztendlich, dass der Flüchtling Verfolgung im Heimatland und dramatische Erlebnisse auf der Flucht als Ereignisse der Vergangenheit speichere und seine Energie auf Gegenwart und Zukunft richte.

Für die Patienten gehe es darum, traumatische Bilder abzuschließen wie in einen Tresor.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie sei allerdings, auch Flüchtlingen mit unsicherem Aufenthaltsstatus einen sicheren Raum zu bieten – zum Beispiel durch feste Bezugspersonen und eine angemessene Unterkunft. Wichtig seien darüber hinaus transparente und verständliche Abläufe des Asylverfahrens und "menschliche Zuwendung. Ehrenamtliche Helfer schaffen eine entscheidende Atmosphäre", betonte Kruse. Weiter sei Flüchtlingen eine Anerkennung als Opfer von hoher Bedeutung. Problematisch werde es, wenn traumatisierte Flüchtlinge im Asylverfahren die Verfolgung in ihrem Heimatland glaubhaft schildern müssten. "Erwartet wird dann eine schlüssige, konsistente Berichterstattung." Traumatische Erlebnisse würden aber in der Regel nicht im autobiografischen narrativen Gedächtnis gespeichert. Zudem seien Flüchtlinge oftmals von Scham und Angst erfüllt, die Situation der Anhörung erinnere sie darüber hinaus an Verhöre durch staatliche Stellen in ihrer Heimat.

Hilfreich wären geschulte Therapeuten und Übersetzer sowie Sprach- und Integrationsmittler. Strukturen müssten dafür aber erst noch geschaffen werden. Kruse wandte sich auch gegen pauschale Diskussionen über Flüchtlinge. "Nach den Ereignissen der Silvesternacht in Köln waren Flüchtlinge allgemein Täter. An anderer Stelle werden sie dann wieder als Opfer idealisiert. Wir müssen aus diesem Dialog herauskommen und jeden Flüchtling als Menschen, als Individuum wahrnehmen."

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