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Wie entsteht ein Fotobuch? Was spiegelt sich im Gesicht der jungen Turnerin? Wie protestieren japanische Jugendliche gegen Konventionen? Das Künstlerduo Katja Stuke und Oliver Sieber bringt solche Fragen in seiner Ausstellung in der Kunsthalle zusammen.

Japanische Punks in der Kunsthalle

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Viel zu entdecken gibt es derzeit in der Kunsthalle. Dort zeigen Katja Stuke und Oliver Sieber ihre Foto- und Videoarbeiten. Zahllose Porträts geben nicht nur Einblicke in die japanische Subkultur, sondern auch in die Komplexität des Mediums Fotografie an sich.

Schon beim Betreten der Kunsthalle stürzt eine Flut von Bildern auf die Besucher ein. Ein Video zeigt in Endlosschleife Impressionen von Straßen in Japan. Direkt gegenüber vom Eingang spielt "Mash-Up" gefundenes Bildmaterial wie Mangas, Arbeiten japanischer Fotokünstler oder Stills aus japanischen Kinofilmen in atemberaubendem Tempo ab. Man hört Stimmen, sieht einen Stapel von Fotobüchern auf einem Podest liegen und der Blick wird vom übergroßen Gesicht einer asiatischen Turnerin, festgehalten im Moment höchster Konzentration, in Bann gezogen. An anderer Stelle sieht man die Aufnahme einer jungen, weinenden Japanerin mit geschorenen Haaren. Darüber das Video einer Europäerin, die dieses Weinen nachahmt. Die Japanerin aus "Cry Minami" ist eine Popsängerin, die bei einer Affäre mit einem Kollegen erwischt worden ist und daraufhin im Fernsehen öffentlich Buße tut. Die Frau darüber ist eine Schauspielerin, die eben dieses öffentliche Weinen mithilfe einer Zwiebel imitiert und hinterfragt .

Es ist nicht das einzelne Bild, sondern die Fülle des Materials, die die Besucher beim Gang durch die Ausstellung von Katja Stuke und Oliver Sieber wahrnehmen sollten. "Sequence as a dialogue" heißt die Schau in Anspielung auf die kreative Zusammenarbeit der Künstler und reflektiert zugleich die Bandbreite fotografischer Bildformen und Präsentationsweisen. Immer wieder geht es den Künstlern darum, Bilder durch das Editieren oder die Gegenüberstellung in einem neuen Zusammenhang zu zeigen. Japan ist nach Aussage des Künstlerpaars dabei nur die "Matrix", auf der allgemeingültige Themen wie Freiheit, Stigmatisierung, gesellschaftliche Veränderungen und gesellschaftlicher Protest Ausdruck finden.

Der "fotografische Blick" von Stuke und Sieber und der Umstand, dass sie die "Komplexität der Fotografie zeigen", habe sie bewogen, die beiden Künstler aus Düsseldorf in die Kunsthalle einzuladen, berichtet Kuratorin Dr. Nadia Ismail und schwärmt: "Sie denken Fotografie so komplex, wie ich es selten erlebt habe."

In Japan sind Fotobücher wichtiger Bestandteil der fotografischen Kultur und Stuke/Sieber, die auch unter dem Künstlernamen "Böhm/Kobayashi" bekannt sind, haben dieses Medium für sich erobert. Ihre umfangreichen Künstlerpublikationen sind als Installation in der Ausstellung zu sehen, im Eingangsbereich kann man zudem in einigen ihrer Zines blättern. Die Arbeit "A future book" - eine Zusammenstellung von Fotos - demonstriert den Entwicklungsprozess eines solchen Fotobuchs. Verschiedene Kombinationsmöglichkeiten werden vorgeführt und der Prozess des Auswählens und Editierens sichtbar gemacht.

Gesichter abseits des Mainstreams

2005 haben die Künstler im Rahmen eines Stipendiums erstmals in Japan gearbeitet und dabei nicht nur bei ihren "Meditation Walks" Stadtviertel und ihre unsichtbaren sozialen Grenzen abgelichtet, sondern vor allem auch - in Fortsetzung früherer Arbeiten wie "SkinsModsTeds" - Punks, Skins oder Rockabillies bei Konzerten fotografiert. Zahllose Porträts von Vertretern der Subkultur - nicht nur aus Japan - sind in der Ausstellung im Block gehängt und zeigen, dass Mode, Style und Musik auch über Grenzen hinweg Menschen verbinden. Alle Porträtierten sind Teil des globalen "Imaginary Club", einer fiktiven Gemeinschaft aus der Underground-Subkultur in Europa, Japan und den USA. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima haben Stuke und Sieber verstärkt politische Aktivisten in Japan in den Blick genommen, die sich gegen medienwirksame Großprojekte, Rassismus, Homophobie und für die Rechte diskriminierter Gruppen einsetzen. Auch sie zeigt die Ausstellung. Eine Serie von Landschaftsaufnahmen präsentiert zudem einen für die Surfwettbewerbe zur Olympiade 2020 in Tokio vorgesehenen Strandabschnitt - nur knapp 300 Kilometer entfernt von Fukushima.

Die Ausstellung ist bis 18. August zu sehen. Geöffnet ist die Kunsthalle dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr (außer Fronleichnam).

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