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Jana Nitschke ist Geschäftsführerin des Schmuckgeschäftes Amica in der Plockstraße.

Mensch, Gießen

Jana Nitschke - Die (meist) fröhliche Freundin

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Jana Nitschke ist im Laufe der Jahre zu einem Gießener Gesicht geworden. Viele Kunden kennen die 42-Jährige aus dem Schmuckgeschäft Amica, aber auch von ihren Lieblingsplätzen in der Stadt.

Der hier müsste passen. Jana Nitschke schaut sich durch die Lupe den Ring an und sucht einen kleinen Brillanten aus. Eine Nummer größer geht auch. Die Kundin schüttelt den Kopf. Nein. Der neue Edelstein soll so dezent in ihrem Ehering sitzen wie der alte. Den hat sie verloren, der schmale Goldring hat nun ein hässliches Loch. Das soll auf keinen Fall so bleiben, und dank Amica muss es das auch nicht. Nitschke wird das Schmuckstück zur Goldschmiedin geben, dann sieht er bald aus wie neu.

30. 3. 1990 ist in den Ring eingraviert. Damals gab es bei Amica noch keine Trauringe, und Jana Nitschke hatte keine Ahnung, dass sie sich je näher mit Ringen beschäftigen würde. 1990 war sie zwölf Jahre alt und lebte in Finsterwalde. Als Kind der DDR war sie freudig zu den Pionieren gegangen, hatte die Campingurlaube in Tschechien geliebt und Ausflüge in die Niederlausitzer Heimat genossen.

Neu-Gießenerin in Frauen-WG

Doch nach dem Schulabschluss und einer Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau in einem Supermarkt wurde ihr schnell klar: Das wird nichts hier im Osten, ich bekomme hier keinen Job, der mir richtig gefällt. Sie schaute sich nach Alternativen um und landete schließlich in Gießen. Eine Freundin von ihr war nach Hessen gezogen. Jana beschloss, sich ebenfalls hier umzuschauen. Sie hatte dabei keine genauen Vorstellungen von der Stadt, und auch nicht hinsichtlich des Jobs. Sie war jung, offen für neue Menschen und offen für ein anderes Leben. »Ich bin keine strukturierte Planerin, ich lasse mich auch gerne mal treiben«, sagt sie. Die Neu-Gießenerin genoss das Leben in einer Frauen-WG, sie lernte die Region kennen und stellte fest, dass es sich hier sowohl gut feiern als auch arbeiten lässt.

In den ersten Jahren war sie bei »Le Cadeau« im Seltersweg tätig, recht schnell übernahm sie dort Verantwortung und wurde Stellvertreterin der Chefin. 2006 lernte sie Waltraud Hartmann kennen, die Inhaberin des Schmuckgeschäftes Amica. Diese hatte 1978 etwas für Gießen Neues »erfunden«: Damals gab es noch keine »Street-Art-Feste«, auf denen kreative Goldschmiede ihre hochwertigen Arbeiten verkauften; sie schloss mit ihrem Sortiment eine Lücke.

Aus Kunden wurden Freunde

Das ist im Grunde bis heute so geblieben. Amica ist für viele Gießenerinnen die Lieblingsadresse, wenn es um unkonventionellen, tragbaren Schmuck geht. Der Amica-Stil gefiel und entsprach auch Jana Nitschke, und so kam es zu einer Zusammenarbeit, die erstens schnell ausgeweitet wurde und zweitens bis heute hält.

In den Folgejahren arbeitete Nitschke in den Amica-Läden in Gießen und Marburg und wurde mit der Zeit nicht nur eine Freundin schönen Schmucks, sondern auch eine Expertin dafür. Wie sind die Materialien beschaffen, welche Steine haben welche Eigenschaft, und schließlich: Was passt zu wem? Sie hat einen Blick dafür und berät ihre Kunden mit Sachverstand, Freude und Geduld. »Sie ist immer gut gelaunt und legt sich für die Kunden unglaublich ins Zeug«, sagt Inhaberin Hartmann. Die Amica-Gründerin hat sich schon vor einiger Zeit aus dem Beratungs- und Verkaufsgeschäft weitgehend zurückgezogen - in der Gewissheit, dass Jana Nitschke, die seit einigen Jahren auch Geschäftsführerin ist, den Laden in ihrem Sinne schmeißt.

Sie hat zu vielen Kunden eine enge Bindung aufgebaut, zu manchen haben sich auch Freundschaften entwickelt. Amica - Freundin, der Name wurde zwar urspünglich von Waltraud Hartmanns Katze entliehen, aber er trifft auch die Atmosphäre des Ladens recht gut. Über Schmuck kommt man nicht nur schnell ins Fachsimpeln, sondern spricht über Gott und die Welt und spart auch persönliche Themen nicht aus.

Wenn sie nicht hinter der Ladentheke steht, ist Nitschke gerne draußen unterwegs, an der Lahn, im Park, ein besonderer Lieblingsplatz ist für sie der Gleiberg. Bis zum vergangenen Jahr war ihr Jack Russell Terrier Snoopy immer mit dabei. Die Frau mit den roten Locken und dem weiß-braunen Hund war vielen ein vertrauter Anblick. Die 42-Jährige schätzt die kurzen Wege in der Innenstadt, sie mag an Gießen das Familiäre, Übersichtliche.

Doch im Grunde ihres Herzens ist sie keine Stadtpflanze, sondern kann sich ein Leben auf dem Land sehr gut vorstellen. Ein Häuschen mit Garten, Mann und Hund, diese Idee gefällt ihr ziemlich gut. Apropos Mann. Nachdem sie lange keine feste Beziehung hatte und nie alles so richtig zusammen passte, hat sie ihren Mr. Right vor einiger Zeit gefunden. »Es hat sich gefügt, das ist ein gutes Gefühl«, sagt sie und lacht.

Ein gutes Gefühl ist es immer, vertraute Menschen in der Nähe zu haben. Ihre Mutter, ihr Bruder und ihre beste Freundin sind mittlerweile auch in Gießen heimisch geworden. Auf diese Weise hat sie ein Stück der alten Heimat in die neue integriert. »Das ist doch perfekt«, freut sie sich. Wenn sie erzählt, dann sagt sie manchmal noch »zu Hause«, wenn sie Brandenburg meint, und »wir Ossis«. Eine Abgrenzung zu ihrem Gießener Leben sieht sie darin jedoch nicht. Es sei einfach ein Gefühl der Zugehörigkeit, wie es jeder verspüre, der aus einem anderen Teil der Republik stamme und nun in Gießen lebe.

Was hilft zur Entspannung nach einem langen Tag hinter der Ladentheke? Oder im Lockdown, wenn die Umsätze fehlen?

Spontane Antwort: Yoga. Seit sie nicht mehr ins Fitnessstudio gehen kann, um an Kursen teilzunehmen, macht sie die Übungen für sich alleine oder neuerdings auch online mit und für Freundinnen. Die Bewegung tut ihr gut, die innere Einkehr und meditativen Elemente erden sie. So quirlig und temperamentvoll sie einerseits ist, so groß ist andererseits auch der Wunsch nach Stille. Mal eine Zeitlang abzutauchen, in ein Kloster zum Beispiel, das kann sie sich sehr gut vorstellen. Auch eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin findet sie reizvoll. Vielleicht ergibt sich irgendwann einmal die Gelegenheit, einen weiteren neuen Weg einzuschlagen.

Zunächst einmal muss sich zeigen, wie Amica den Lockdown übersteht - natürlich macht ihr der Stillstand Sorgen. Reparaturen und Änderungen sind zwar derzeit möglich und auch der Gutscheinverkauf läuft, aber das ist auch schon alles. Wenn sie morgens im Laden steht, kommuniziert sie schon mal mit Passanten, die sich am Schaufenster die Nase platt drücken. Ein unwirklicher und irgendwie verrückter Zustand, an den sich niemand gewöhnen kann und will.

Der kleine Brillant für den Ehering ist ausgesucht, in Kürze kann die Kundin ihn abholen. Jana Nitschke selbst trägt schon länger einen sogenannten »wilde ehe ring«, das sind individuell gefertigte Schmuckstücke, die nicht unbedingt ein Pendant brauchen. »Der passt zu mir«, sagt sie. Vielleicht wird er irgendwann einmal ergänzt, vielleicht auch nicht.

Wie war das noch? Nur nicht zu viel planen. Zum Glück hält das Leben viele Optionen bereit. Ob Häuschen im Grünen, Schmuckfachfrau, Yogalehrerin, alles zusammen oder keins von alledem. Spannend bleibt es allemal.

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