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Jan Breithaupt hat die ganze Welt gesehen. Eine schwere Erkrankung zwang ihn zur Rückkehr nach Gießen.

Mensch, Gießen

Jan Breithaupt hat als Entwicklungshelfer viel erlebt

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Jan Breithaupt hat die ganze Welt gesehen. Dass der Entwicklungshelfer und UN-Mitarbeiter vor zehn Jahren nach Gießen zurückkehrte, lag an einem schweren Schicksalsschlag.

Auf der Treppe des Einfamilienhauses am Alten Friedhof steht ein hölzerner Schriftzug. »Carpe diem.« Nicht unbedingt ein origineller Sinnspruch, man findet solche Accessoires in jedem gut sortierten Baumarkt. Für Jan Breithaupt ist die lateinische Weisheit aber mehr als ein Deko-Artikel. »Für mich ist das Leben das größte Geschenk. Ich liebe das Leben, jeder Tag zählt«, sagt der 55-Jährige. Eine nachvollziehbare Aussage, wenn man bedenkt, dass Breithaupt dem Tod nicht nur einmal von der Schippe gesprungen ist.

Der Gießener, der als Entwicklungshelfer im Dienste der UN die ganze Welt bereist hat, wäre beinahe in den indischen Bergen bei einem Busunglück gestorben. Mit Malaria musste er sich nicht nur einmal herumschlagen, und selbst eine Leukämieerkrankung hat er überlebt, auch wenn der Blutkrebs nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist. Trotzdem, und das ist vielleicht die größte Leistung, strahlt Breithaupt Dankbarkeit und Lebensfreude aus.

Breithaupt ist in Gießen geboren und in Kleinlinden groß geworden. »Ich hatte eine schöne Kindheit«, sagt er und erzählt, mit zwei jüngeren Schwestern, Mutter und Vater, die als Arzt und Krankengymnastin ihr Geld verdienten, und Freunden aufgewachsen zu sein, denen er noch heute teils sehr nahe stehe. Einige der Freunde dürften sich jedoch gewundert haben, wie sich ihr Kumpel entwickeln sollte.

»Ich war in der Grundschulzeit ein sehr schüchterner Junge, der alles für sich behalten hat. Ich konnte nie so richtig aus mir heraus und habe in der Entwicklung ein bisschen hinterhergehinkt«, sagt Breithaupt. Erst auf der Liebigschule sei er deutlich selbstsicherer geworden und habe auch abseits der Schule mehr gewagt. Zum Beispiel bei Fahrradtouren, die ihn sogar bis nach Dänemark führten. Direkt nach dem Abitur wollte er zudem mit seinem besten Freund in einer Ente die Sahara durchqueren. »Wir kamen aber nicht sehr weit«, sagt Breithaupt lachend. »Der Motor hat den Sand nicht vertragen.« Die Reise durch Nordafrika ist so etwas wie die Initialzündung für ein Leben voller Reiselust und Abenteuer. Auch in beruflicher Hinsicht.

»Eigentlich wollte ich etwas mit Kunst studieren, zum Beispiel Grafikdesign.« Doch dann habe eine Reisegruppe aus Ghana Kleinlinden besucht, wo sich Breithaupt in der Jugendarbeit der Kirchengemeinde engagierte. »Ich habe der Delegation dann vieles in Gießen gezeigt. Das war sehr nachhaltig. Ich habe mich mit den Menschen wunderbar verstanden.« Und sie sich offenbar auch mit ihm. Denn am Ende fragte der ghanaische Reiseleiter Breithaupt, ob er nicht Lust habe, für ein Praktikum nach Ghana zu kommen. Der Gießener musste nicht lange überlegen. »Das war einer dieser Momente im Leben, die alles verändern.«

Breithaupt arbeitete in Ghana auf einer landwirtschaftlichen Station. Statt den geplanten zwei Monaten blieb er fast ein halbes Jahr. Nach seiner Rückkehr stand für den jungen Mann fest: Reisen sollte sein Leben bestimmen. Aber nicht nur aus touristischen Zwecken. »Ich wollte auch etwas verändern. Also habe ich Agrarwissenschaften mit dem Schwerpunkt tropischer Landwirtschaft studiert.«

Das Studium in Gießen war Ausgangspunkt etlicher Auslandseinsätze. In Indien beispielsweise setzte er sich für den Erosionsschutz ein. »Ich habe dort unendlich viele schöne Dinge erlebt«, sagt Breithaupt und schwärmt etwa vom Sonnenuntergang über dem Taj Mahal oder der Zeit, in der er auf einem Hausboot lebte. »Ich hatte in Indien aber auch nicht so schöne Erlebnisse.« Der Gießener denkt dabei an eine lange Fahrt in die Kaschmirberge. Der Bus sei voll besetzt gewesen, weshalb er in der letzten Reihe auf einem Holzhocker Platz genommen habe. »Da ich der einzige Weiße war, wollte der Busfahrer aber, dass ich mich in die erste Reihe setze«, erinnert sich Breithaupt. Er habe sich aber partout geweigert, den Menschen ihren Sitzplatz wegzunehmen, obwohl sie das aus Gastfreundschaft sogar anboten. Einige Stunden später, auf einer kurvigen Straße in den Bergen, wurde Breithaupt plötzlich durch den ganzen Bus geschleudert. Der Busfahrer hatte einen Baum gerammt. Die Fahrgäste in der ersten Reihe waren tot.

Carpe diem - nutze den Tag. Ein Lebensmotto, dass durch dieses Ereignis an Bedeutung gewinnt. Es sind aber auch viele positive Erlebnisse, die Breithaupt den Wert des Lebens haben schätzen lassen.

Alle Länder aufzuzählen, in denen der Gießener gearbeitet hat, würden den Rahmen sprengen. Zu einer der wichtigsten Stationen gehört sicherlich Indonesien, wo er seine Diplomarbeit über Reiskrankeiten geschrieben hat. Privat prägte ihn wohl die Zeit auf Papua-Neuguinea am meisten. »Dort habe ich meine spätere Ehefrau kennengelernt. Auch mein erster Sohn ist auf Papua-Neuguinea geboren«, sagt Breithaupt. Die Familie begleitete ihn auch nach Ostafrika, wo er für die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen an einem Frühwarnsystem für Heuschreckenplagen arbeitete. Nach einer Zwischenstation in Rom, wo Breithaupts zweiter Sohn das Licht der Welt erblickte, kehrte die Familie nach Äthiopien zurück. »Eine tolle Zeit«, betont der 55-Jährige. »Uns ging es gut, wir hatten tolle Freunde, das Leben war schön.« Bis Breithaupt eines Tages über Unwohlsein klagte.

»Ich kam gerade von einem Projekt aus Uganda zurück, als ich merkte, dass etwas nicht stimmt.« Mal wieder Malaria, dachte er sich. Doch das war es nicht. Sondern Leukämie.

Das war vor gut zehn Jahren. Breithaupt kehrte nach Deutschland zurück und kaufte in Gießen ein Haus. »Der Notar musste für die Unterschrift zu mir ins Krankenhaus kommen«, erzählt Breithaupt und betont, das Haus in erster Linie für seine Familie gekauft zu haben. »Ich wollte ihnen etwas hinterlassen. Meine Überlebenschancen standen bei fünf Prozent.«

Ein Jahr lang musste Breithaupt in der Klinik bleiben, die Chemotherapie verlangte ihm alles ab. Doch er überstand die Zeit. Einige chronische Beschwerden sind jedoch geblieben. Die Lunge zum Beispiel ist lädiert, außerdem musste Breithaupt etliche Augen-OPs über sich ergehen lassen. »Ich kann aber immer noch nur schemenhaft sehen«, sagt er - und lächelt dabei.

»Ich denke, das macht mich aus: Ich schätze das Leben von Grund auf und möchte es in vollen Zügen genießen«, sagt er. »Ich konnte nur überleben, weil ich die Krankheit angenommen habe und weiterhin positiv gedacht habe.«

Während Breithaupt erzählt, ruht seine Hand auf einem Buch. »Das gibts doch nicht« lautet der Titel des Werks. »Das habe ich nach meiner Leukämie-Erkrankung geschrieben. Es war eine Art Lebensretter für mich«, sagt er und erzählt, sich schon während der Chemo Notizen über die vielen unglaublichen Geschichten gemacht zu haben, die er in Indonesien, Madagaskar, Russland, Tansania und vielen anderen Länder der Welt erlebt hat. Einige der Länder will Breithaupt nach der Pandemie erneut besuchen.

Nach seinem krankheitsbedingten Vorruhestand hat er damit angefangen, als Reiseleiter zu arbeiten. Gut möglich also, dass demnächst eine dritte Auflage mit neuen Abenteuern erscheint. Natürlich in seinem Selbstverlag. Er trägt den Namen: Carpe diem.

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