Jähes Ende für "Wunder von Ferrara"

  • Marc Schäfer
    vonMarc Schäfer
    schließen

Zu Beginn der Pandemie berichteten Medien vom "Wunder von Ferrara". Später wurden Leichen aus Bergamo mit Lastern auf den Friedhof der Gießener Partnerstadt gefahren. Covid-19 hat auch die belebte Touristenstadt im Po-Delta aus den Angeln gehoben. Mehr als 330 Einwohner sind verstorben, Läden mussten schließen - und die Ferrarese zu allem Überfluss auch noch Kaffee aus Pappbechern trinken.

Als Jincy Zappaterra im August ihre Heimatstadt Ferrara besuchte, traute sie ihren Augen nicht. "Ich habe die Stadt noch nie so leer gesehen", sagt die junge Frau, die 2016 aus Gießens Partnerstadt in der Emilia Romagna an die Lahn gezogen ist. Die Corona-Pandemie und ihre Lockdowns hatten auch die sonst so belebte Touristenstadt aus den Angeln gehoben. Zum einen fehlten die jungen Menschen, die gewöhnlich an der "Università degli Studi di Ferrara" lernen, mit mehr als 20 000 Studierenden eine der ältesten Unis Europas. Zum anderen waren kaum Touristen vor Ort. Die "Via delle Volte", die als eine der schönsten Gassen Italiens gilt: menschenleer. Die Plätze vor dem gewaltigen Renaissance-Palast "Castello Estense", vor dem "Palazzo dei Diamanti" und der Kathedrale "San Giorgio": verwaist.

Läden überleben Krise nicht

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie waren überall in der Stadt zu spüren, die nur 20 Minuten von Bologna entfernt an einem Seitenarm des Po liegt und deren historischer Stadtkern aus dem 14. Jahrhundert Weltkulturerbe ist. Erste kleine Geschäfte der malerischen Altstadt hatten geschlossen. "Ich erinnere mich an einen alteingesessenen Spielwarenladen. Er hat den Corona-Lockdown nicht überstanden, auch ein paar der Souvernirläden haben die Schließung nicht überlebt", erzählt Zappaterra über ihren Besuch. Hotels und Gastronomie, die von Anfang an mit einer Sperrstunde belegt wurden, leiden. Dass Bars und Cafés aufgrund der Corona-Regeln ihre Getränke auch über den Sommer nur zum Mitnehmen anbieten konnten, fiel der 33-Jährigen direkt ins Auge. "Kaffee im Gehen auf der Straße aus einem Papp- oder Plastikbecher zu trinken, entspricht ja nicht gerade der italienischen Mentalität." Zappaterra schmunzelt. Das gilt auch für das Tragen der schmucklosen Masken. Doch die Italiener mussten sie den ganzen Sommer über auch in der Öffentlichkeit tragen.

Zunächst hatte es in Ferrara lange Zeit ausgesehen, als würde die Corona-Pandemie ausgerechnet die 130 000-Einwohner-Stadt verschonen. Internationale Medien berichteten Anfang März vom "Wunder von Ferrara", weil in der Stadt keine Corona-Infektionen zu verzeichnen waren. Erst am 6. März gab es den ersten Corona-Fall. Zu diesem Zeitpunkt wurden in der Emilia-Romagna um Ferrara herum schon 870 gezählt. Bis zum 19. März blieb die Infektionszahl in der Stadt unter 100. In Bergamo herrschte da schon Ausnahmezustand. Wenige Tage später brachte die italienische Armee in einem Militär-Konvoi Corona-Leichen aus der Lombardei nach Ferrara ins Krematorium. Mittlerweile haben sich auch in Gießens Partnerstadt fast 8200 Menschen mit Covid-19 infiziert, mehr als 330 Ferrarese sind an den Folgen der Infektion verstorben - und es werden immer mehr.

Ausbruch im Ospedale Sant’Anna

Italien erlebt nach einer Schonzeit im Sommer derzeit die nächste Welle. Mit 165 Neuinfektionen in 24 Stunden verzeichnete Ferrara am 20. Dezember einen Höchststand. Nie zuvor hatten sich mehr Menschen an einem Tag mit dem Virus infiziert. Auch in der Klinik "Sant’Anna" brach das Virus aus. "Die Zahlen in Ferrara sind höher als der nationale und regionale Durchschnitt. Es ist alarmierend", schrieb "La Nuova Ferrara" zuletzt. Die Einschränkungen, die die Regierung ab 21. Dezember landesweit erlassen hat, sind hart, aber vielleicht immer noch nicht hart genug, um die Infektionen wieder einzudämmen. "Mitte Dezember ist viel gelockert worden. Die Menschen haben für Weihnachten eingekauft und sind in Restaurants gegangen. Meine Eltern haben berichtet, dass sie kaum glauben können, wie voll die Straßen auf einmal wieder waren", erzählt Zappaterra. Diesem Treiben hat Ministerpräsident Giuseppe Conte nun ein Ende gesetzt und das Land vom 24. bis 27. und vom 31. Dezember bis zum 6. Januar erneut in einen harten Lockdown gesetzt. In dieser Zeit ist das Reisen verboten. In der Regel darf nicht einmal die eigene Gemeinde verlassen werden. Besuche zu Weihnachten sind nur von maximal zwei Personen erlaubt. Ein harter Schlag für die italienischen Großfamilien. Bars und Restaurants sind wieder geschlossen, bis 22 Uhr darf Essen aber immerhin noch abgeholt werden. Vor die Tür dürfen die Italiener in dieser Zeit aber nur noch alleine. Spazierengehen oder Sport treiben mit mehreren Personen ist verboten.

Für viele Italiener und auch für Zappaterras Eltern werden nun ausgerechnet an Weihnachten Erinnerungen an den ersten Lockdown wach. "Sie erzählen immer, dass die Isolation in der eigenen Wohnung das Schlimmste für sie war", berichtet Zappaterra. Auch in Ferrara wird das Fest in diesem Jahr kein Familienfest.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare