Rassismus

"Das ›Ja, aber...‹ ist das große Problem"

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Anne Chebu stellt ihr Buch "Anleitung zum Schwarzsein" vor. Zuvor spricht sie über Rassismus und erklärt, dass der in Deutschland nicht vom Himmel gefallen ist.

Sie wird auf Englisch angesprochen. Manchmal greifen ihr fremde Menschen in die Haare. Und beinahe täglich wird sie gefragt, wo sie ursprünglich herkommt. Wenn ihre Antwort dann wahrheitsgemäß Franken lautet, kommt oft ein "Ja, aber..." Das kann TV-Moderatorin und Autorin Anne Chebu nicht mehr hören. "Es gibt Menschen, die bei Rassismus darauf beharren, eigentlich recht zu haben. Das ist das größte Problem", sagt die 29-Jährige im Interview. Am Mittwoch stellt die Nürnbergerin ihr Buch "Anleitung zum Schwarz sein" um 18.30 Uhr im Hermann-Levi-Saal des Rathauses vor.

Wo fängt für Sie Rassismus an?

Anne Chebu: In der Theorie, wenn man sagt, es gibt einen Unterschied, weil du Schwarz bist. Zu sagen, dass alle Schwarzen gut singen können, ist auch Rassismus. Für mich fängt er da an, wo ich merke, mein Gegenüber will nicht dazulernen. Wenn ich ihn darauf aufmerksam mache, dass er einen rassistischen Begriff verwendet hat, erwarte ich, dass er sagt, oh, tut mir leid, kommt nicht wieder vor. Aber wenn man stattdessen mit einem "Ja, aber" reagiert und diskutieren will, dass ich überempfindlich sei... Da ist die Schmerzgrenze erreicht.

Wie gehen Sie mit dem "Ja, aber" um?

Chebu: Ganz unterschiedlich, je nach Person und Stimmungslage. Inzwischen versuche ich oft, solchen Gesprächen aus dem Weg zu gehen. Wenn Menschen darauf beharren, recht zu haben, bewegt man nicht viel. Bei mir hat jeder Mensch aber ein bis zwei Chancen.

Sie haben gesagt, dass Ihnen Überempfindlichkeit vorgeworfen wird. Wer darf diese Wertung überhaupt vornehmen?

Chebu: Die Menschen, die von Diskriminierungen betroffen sind. Nicht nur Schwarze, auch Frauen, Menschen mit Behinderung. Es ist schwer, sich von jemandem, der nicht in denselben Schuhen läuft, sagen zu lassen, was diskriminierend ist und was nicht. Die Betroffenen unterscheiden genau zwischen Rassismus und Antipathie. Man muss ja nicht alle Schwarzen mögen, klar gibt es auch unsympathische Schwarze. Aber die Hautfarbe darf nicht der Grund sein, warum man eine Wohnung nicht bekommt.

Was raten Sie Menschen, die unter Rassismus leiden?

Chebu: Mein Buch heißt zwar "Anleitung zum Schwarzsein", aber es gibt nicht die allgemeingültige Anleitung. Es ist ein Arbeitsbuch, aus dem sich jeder seine persönliche Anleitung zusammenschustern kann. Ich bin der Meinung, man soll Rassismus nicht runterschlucken, sondern etwas dazu sagen. Es gibt natürlich Unterschiede, ob es die Lehrerin ist, Mitschüler, der Chef, Arbeitskollegen, Kunden oder Familienmitglieder. Man sollte sich genau überlegen, was im schlimmsten Fall passieren kann. Ein Allheilmittel ist sicher, sich mit Menschen besprechen, die ähnliche Erfahrungen machen.

Spüren Sie, dass sich das gesellschaftliche Klima in Deutschland verändert hat?

Chebu: Schwer zu sagen. Deutschland ist so groß. Ich weiß noch, als die ersten Geflüchteten in Zügen sichtbar waren, habe ich mich gefreut, dass es plötzlich viele Menschen mit meiner Hautfarbe gab. Plötzlich war Vielfalt sichtbar. Dann habe ich gesehen, dass Unterkünfte brennen und Menschen gegen Flüchtlinge demonstrieren. Das bedrückt mich. Aber es ist kein Phänomen, das von heute auf morgen aufgetaucht ist. Menschen mit Migrationsvordergrund haben diese Seite Deutschlands schon gekannt, bevor Medien sie entdeckt haben. Diese Demonstranten sind nicht vom Himmel gefallen. Die waren immer da.

An wen richtet sich Ihre Veranstaltung am Mittwoch in Gießen?

Chebu: Sie ist offen für alle. Mein Buch richtet sich an afro-deutsche Jugendliche, es wird aber nicht nur von Schwarzen gelesen. Die größte Leserschaft sind weiße Menschen, die Bezug zu Schwarzen haben. Aber ich habe auch von Menschen mit italienischen und asiatischen Wurzeln gehört, die sich im Buch wiederfinden. Ich beziehe die Geschichte ein. Zum Beispiel: Wer waren die ersten Schwarzen, die vor 400 Jahre nach Deutschland gekommen sind?

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