Iris Damm liebt ihren Job - und wünscht sich eine vielfältige Gesellschaft mit mehr Mut zu Perspektivwechseln. FOTO: SCHEPP
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Iris Damm liebt ihren Job - und wünscht sich eine vielfältige Gesellschaft mit mehr Mut zu Perspektivwechseln. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Iris Damm: "Karstadtianerin" mit Weitblick

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Eigentlich wollte sie nie Verkäuferin werden. Doch im Laufe der Zeit ist Betriebsratsvorsitzende Iris Damm zu einer leidenschaftlichen "Karstadtianerin" in Gießen geworden.

Fototermin im strömenden Regen. Kurz unterstellen und warten, bis es aufhört? "Ach, das geht schon, ich bin ja nicht aus Zucker", sagt Iris Damm. Stimmt. Stattdessen ist sie eine resolute Frau mit Bodenhaftung, die zupacken kann und den Mund aufmacht, wenn etwas schief läuft. Das war wohl auch der Grund, warum ihre Kollegen sie 2018 zur Betriebsratsvorsitzenden von Karstadt Gießen wählten. "Eigentlich bin ich keine, die in der ersten Reihe steht und kämpft", sagt sie. Aber wenn es nötig ist, dann macht sie es eben.

Diesem "eigentlich" begegnet man öfter in ihrem Leben: Die Pläne waren "eigentlich" anders, aber die Kursänderung entpuppt sich dann doch meist als gelungen. Das begann gleich nach der Schule. Im Anschluss an das Abitur wollte Iris Damm "eigentlich" Grafikdesign studieren, aber sie bekam keinen Studienplatz, sondern landete auf der Warteliste. Um die Zeit zu überbrücken, begann sie mit einem Aushilfsjob bei Karstadt, ihre Mutter war Verkäuferin dort. Der Job machte ihr Spaß, und die Eltern hätten es gerne gesehen, wenn das Kind "etwas Vernünftiges" lernt. Also machte sie eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel. Alles lief bestens, so dass die junge Iris eine Karriere in dem Warenhauskonzern anpeilte. "Heirat und Familie waren damals keine Optionen für mich - eigentlich", sagt sie und lacht. Das änderte sich erst, als sie Matthias kennen lernte, den Mann, mit dem sie heute noch zusammen ist. Doch zunächst folgten berufliche Stationen der Weiterbildung in einer großen und einer kleinen Karstadt-Filiale in Essen. "Das war eine schöne Zeit, in der ich viel gelernt habe", erinnert sich die Reiskirchenerin. Auch die spätere Etappe in Offenbach gefiel ihr gut. Das Ziel, selbst Abteilungsleiterin zu werden, rückte in greifbare Nähe. Doch sie sah, dass die Frauen in den Führungsetagen meist Singles waren und keine Familie hatten. Ein hoher Preis, den sie nicht zahlen wollte. 1994 heiratete sie ihren Matthias, 1995 wurde Sohn Christoph geboren, 1997 folgte Erik.

Als der Nachwuchs ins Kita-Alter kam, wollte sie unbedingt, dass die Söhne in einer integrativen Einrichtung betreut werden. "Mir war es ganz wichtig, dass die beiden einen selbstverständlichen Umgang mit Menschen bekommen, die anders sind als sie", beschreibt sie ihre Motivation, sie gemeinsam mit behinderten Kindern spielen und lernen zu lassen. Toleranz und Empathie sind Werte, auf die Iris Damm immer wieder zurück kommt. "Hätte unsere Gesellschaft mehr von beidem, wäre viel gewonnen", sagt sie.

Den Besuch ihrer Söhne in der Reiskirchener Lebenshilfe-Kita bezeichnet sie als großes Glück. Aber auch sie sollte ein Glücksfall für die Lebenshilfe werden. Iris Damm engagierte sich zunächst im Kita-Elternbeirat, später auch in weiteren Gremien. Sie trat für die Interessen der Kinder ein und wurde zu einer mutigen Verfechterin der Idee der Inklusion. Diese couragierte Tatkraft fiel auch dem damaligen Lebenshilfe-Geschäftsführer Magnus Schneider auf. Er fragte sie, ob sie Interesse habe, im Vorstand mitzuarbeiten. Iris Damm sagte zu und sitzt bis heute im Aufsichtsrat der Lebenshilfe.

Sie ist stolz darauf, was die Kreisvereinigung im Laufe der Jahre geschaffen hat. "Hier wird von ganz vielen Menschen großartige Arbeit geleistet", sagt sie. Gleichzeitig weiß sie aber auch, dass das große Ziel, nämlich die Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft, noch lange nicht erreicht ist. "Man braucht einen sehr langen Atem".

Die Begegnungen mit Menschen der Lebenshilfe sind für die 51-Jährige ein Kontrastprogramm zum Kosmos des Warenhauses. "In meinem Job geht es immer um Umsätze und Zahlen, das liegt in der Natur der Sache", sagt sie. Auch die Lebenshilfe müsse wirtschaftlich arbeiten, aber dennoch stünden hier die Menschen und ihr Wohlergehen im Mittelpunkt. Iris Damm vollzieht durch die Einblicke in die Lebenshilfe häufig Perspektivwechsel: Sie sieht die Welt zum Beispiel mit den Augen derer, die mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen leben. "Wir alle sollten uns viel öfter in andere Menschen hinein versetzen, das würde das Verständnis füreinander fördern".

Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie hat täglich mit den unterschiedlichsten Kunden zu tun. Neben den netten, freundlichen und höflichen Käufern gibt es auch immer wieder die schlecht Gelaunten, die zur Herausforderung werden. "Meist hilft in solchen Situationen Humor, aber immer klappt das nicht" sagt Iris Damm In der aktuellen Phase, in der die Existenz des Hauses auf der Kippe steht, kommen immer wieder besorgte Stammkunden und sprechen den Mitarbeitern Mut zu. Dieser Zuspruch tut gut.

Die derzeitige Situation ist für die Mitarbeiter des Kaufhauses extrem belastend. Sie wissen nicht, was die Zukunft bringen wird, sie wissen nicht, welche Häuser schließen müssen und welche bestehen bleiben. "Karstadt Gießen war immer umsatzstark, das lässt uns hoffen". Bis Ende des Monats wird die Zitterpartie anhalten, dann soll die Entscheidung fallen. Iris Damm ist seit Anfang des Jahres Abteilungsleiterin - sie bekleidet also jetzt nach vielen Jahren jenen Job, den sie als junge Frau schon einmal im Blick hatte. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist noch nicht überall Realität, das hat sie selbst erfahren. Auch das war ein Grund für ihr Engagement in der Gewerkschaft. Ungleiche Aufstiegschancen und ungerechte Löhne sollte man nicht einfach so hinnehmen, findet die ehemalige Betriebsratsvorsitzende. In der Dauerkrise des Einzelhandels hat sie immer wieder aufs Neue erlebt, dass Einsparungen auf dem Rücken der Beschäftigen ausgetragen wurden.

Bei aller Frustration ist Iris Damm aber eine loyale Mitarbeiterin und "Karstadtianerin" durch und durch. Dass sich viele Mitarbeiter so mit dem Gießener Haus identifizieren, sei auch Geschäftsführer Lothar Schmidt zu verdanken, sagt sie. Er bringe den Mitarbeitern Wertschätzung entgegen und packe selbst mit an, wo Not am Mann oder an der Frau sei. "Er ist ein Vorbild für mich".

Wie kommt man zur Ruhe angesichts eines stressigen Jobs, Sorgen um die eigene Zukunft und die der Mitarbeiter? Sie muss nicht lange überlegen. "Mein Mann ist der ruhende Pol in meinem Leben. Ohne ihn hätte ich das alles niemals geschafft". Er halte ihr den Rücken frei, er berate und unterstütze sie. Das gebe ihr ein Gefühl der Sicherheit.

In den nächsten Wochen werden Iris Damm und ihre Kollegen wie immer für die Kunden da sein. "Wir bleiben optimistisch", sagt sie. Doch das bange Warten ist zermürbend - auch wenn man nicht aus Zucker ist.

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