»Irgendwie wird man immer kalt erwischt«

Gießen (keh). Welche rechtlichen Herausforderungen ergeben sich durch Covid-19 auf der Intensivstation? Diese und weitere Fragen wurden am Mittwochabend im digitalen Gesundheitsrechtlichen Praktikerseminar der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) erörtert. Oberthema des Seminars ist »Vulnerable Gruppen in der Coronakrise«. Drei Gastdozenten stellen jeweils verschiedene Personengruppen vor und referien über diese.

Das Praktikerseminar der JLU zum Thema Gesundheitsrecht informiert über aktuelle Probleme und Fragestellungen der Rechtswissenschaft sowie der Rechtspraxis. Dabei richten sich die Vorträge nicht nur an Studenten oder Doktoranden der Fachbereiche Medizin und Rechtswissenschaft, sondern an alle Interessenten. Eine vorherige Anmeldung ist nicht nötig (siehe Zusatzkasten).

Den Anfang machte Privatdozent Dr. Marco Gruß. Der Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie in Hanau war auch einige Jahre am Uniklinikum Gießen-Marburg (UKGM) tätig. Sein Impulsreferat stand unter dem Titel »Zwischen Recht und Pragmatismus - Herausforderungen durch Covid-19 auf der Intensivstation«.

Psychische Belastung

Zu Beginn hielt der Mediziner fest, dass sich sein Praxisbericht auf das Erlebte im Klinikum Hanau beziehe, sich aber auch auf andere Intensivstationen übertragen lasse. Gerade zu Hochzeiten der Pandemie kam es dazu, dass das Personal Schlaganfälle oder Herzinfarkte besonders schweren Ausmaßes sah - weil Patienten sich aus Angst vor einer Ansteckung mit Corona nicht trauten, in ein Krankenhaus zu fahren.

Eine weitere große Herausforderung bei der Arbeit auf der Covid-Station sei das An- und Ausziehen gewesen. So ist das Anlegen und Wechseln von Schutzkleidung mit einem immensen zeitlichen Aufwand verbunden. Auch müsse man extreme Vorsicht bei der Arbeit walten lassen, dass man sich zum Beispiel nicht aus Reflex die Maske zurechtrückt. Hinterher sei man dann so vermummt, dass der Patient einen kaum erkenne - was wiederum zu psychischer Belastung führe. Gerade Patienten, die nicht im künstlichen Koma liegen und beatmet werden, litten unter der Isolation, dem Besuchsverbot und ihren Schmerzen.

Doch auch das Personal der Intensivstation leide nicht nur unter physischer, sondern auch psychischer Belastung. Gerade zu Beginn der Pandemie waren die Bilder aus Italien in jedermanns Kopf. Unsicherheit und Angst vor einer Ansteckung gingen um, auch weil es anfangs an Schutzausrüstung mangelte.

Frust bei Personal

Daraufhin fragte Bernhard Kretschmer von der Professur für Strafrecht, ob es in einer Klinik psychologische Unterstützung für das Personal von Intensivstationen gebe. Gruß antwortete, dass das in der Intensivmedizin kein Standard sei. In Hanau habe man zumindest eine Hotline eingerichtet, wie diese angenommen werde, wisse er allerdings nicht.

Zwar sei es »normal«, dass auf einer Intensivstation Patienten sterben. Jedoch könne er die Emotionalität und den Frust des Personals verstehen, wenn sie vorher vier bis sechs Wochen um deren Leben gekämpft hätten, sagt der Klinische Ethikbeauftragte des UKGM, Matthias Brumhard. Auch Gruß ergänzt, dass an Weihnachten und Neujahr gerade ältere Patienten »wie die Fliegen gestorben« wären. Das hätte bei allen Beteiligten Spuren hinterlassen.

Zum Schluss wirft der Referent die Frage auf, wie der Tod eines junges Mannes zu werten sei, der sich wahrscheinlich im Krankenhaus mit Corona infiziert hat. Prof. Reinhard Dettmeyer aus der Rechtsmedizin erklärte, dass eine Lungenentzündung zwar zunächst ein natürlicher Tod sei. Sollte jedoch festgestellt werden, dass Vorgänge oder Pflichten missachtet wurden, die zu seiner Infektion geführt haben, könnte der Fall rechtlich belangt werden.

Gruß resümiert, Lehren aus der Pandemie gezogen zu haben. Man wisse jedoch nicht, was als nächstes komme. »Irgendwie wird man immer kalt erwischt.«

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