Der Prozess am Landgericht Gießen läuft noch bis Anfang Juli. FOTO: KHN
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Der Prozess am Landgericht Gießen läuft noch bis Anfang Juli. FOTO: KHN

Missbrauchs-Prozess

Intimbilder auf Smartphone im Gießener Landgericht

  • Harold Sekatsch
    vonHarold Sekatsch
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Am dritten Verhandlungstag in einem Missbrauchsprozess vor dem Landgericht Gießen standen die Aussagen der 20 Jahre alten Nebenklägerin im Mittelpunkt.

Gießen(se). "Ich bin doch nicht pädophil!" Mit dieser Aussage tritt ein Gießener Vorwürfen entgegen, eine seiner beiden Töchter zwischen 2005 und 2013 missbraucht zu haben. Am dritten Verhandlungstag vor der Zweiten Großen Strafkammer am Landgericht Gießen standen die Aussagen der 20 Jahre alten Nebenklägerin, ihrer Schwester und ihrer Mutter im Mittelpunkt.

Die junge Nebenklägerin war nun schon das dritte Mal im Zeugenstand. Grund: Sie leidet an einer Entwicklungsstörung und kann deswegen nur etwa eine Stunde befragt werden. Sie schilderte erneut, wie sie von ihrem Vater sexuell missbraucht worden sei; 103 Taten werden dem 49-Jährigen laut Anklageschrift vorgeworfen. Dies bestreitet der Angeklagte allerdings.

Die Tochter schilderte ihr ambivalentes Verhältnis zu ihrem Vater. Einerseits gab es dieses gemeinsame Interesse an Kraftfahrzeugen, Motoren und allem, was damit zusammenhängt. Hier konnte der gelernte Kfz-Mechaniker seiner Tochter viel beibringen, und sie entwickelte dafür dieselbe Begeisterung wie er.

Außerdem habe sie gern mit ihrem Vater gekuschelt. "Ich habe nur Körperkontakt zu den Leuten, denen ich vertrauen kann", sagte die junge Frau in dem von Richter Jost Holtzmann geleiteten Prozess. Jedoch habe ihr Vater dieses Bedürfnis nach Nähe ausgenutzt. Das sei auch mit Schmerzen verbunden gewesen. "Es hat ziemlich doll wehgetan", erinnert sich die Nebenklägerin. Später habe sie sich dann ihrer Mutter offenbart, wollte aber nicht, dass ihre Zwillingsschwester Details des Missbrauchs erfährt. "Sie soll nicht damit belastet werden", habe sie sich gewünscht.

Dieses Ziel hat die junge Frau nicht erreicht, wie sich im Verlauf der Verhandlung zeigen sollte. So trat die Zwillingsschwester anschließend in den Zeugenstand. Sie machte ihre Aussage mit einer für eine 20-Jährige erstaunlichen Klarheit, brach aber auch in Tränen aus und musste immer wieder kurze Pausen einlegen. Auch den Angeklagten nahm das von dieser Tochter Geschilderte sichtlich mit.

So übernachteten die beiden Mädchen nach der Trennung ihrer Eltern an einem sogenannten Papa-Wochenende in seinem Einzimmerappartement auf einer breiten Liege, wobei die Zeugin außen lag und ihre Schwester in der Mitte. Diese habe ihr zuvor mitgeteilt, dass sie sie am Fuß ziehen werde, wenn etwas Besonderes in der Nacht vorfallen sollte. "Ich habe laute Geräusche gehört", berichtete die Zeugin, dann habe die Schwester ihr am Fuß gezogen. "Mir ist bewusst geworden, dass etwas los ist." Aber: "Ich wusste nicht, was er tut." Auffällig sei auch gewesen, berichtete die junge Frau, dass sie allein duschen sollte, ihre Schwester aber nicht. Auch sie betonte, "bei mir sind Sachen passiert". Später ergänzte sie noch: "Ich habe sehr früh angefangen, mich zu distanzieren."

Ein weiteres Thema in der Verhandlung waren die auf dem Smartphone des Angeklagten gefundenen Intimbilder von seinen Töchtern. "Wie kommen die Bilder auf Ihr Handy?", fragte der Richter den Angeklagten. "Ich wollte damit die Nacktheit dokumentieren", antwortete dieser, ergänzte dann: "Ich meine, ich hätte die Bilder gelöscht." Nach Aussage des Angeklagten habe sich die als Nebenklägerin auftretende Tochter häufig ohne Kleidung in der Wohnung aufgehalten. Das habe sogar ihre Schwester moniert: "Wenn das jemand sieht, kriegt der Papa Ärger", soll nach Aussage des 49-Jährigen die Zwillingsschwester betont haben.

Zum Abschluss des dritten Verhandlungstages sagte die frühere Ehefrau des Angeklagten und Mutter der Nebenklägerin aus. Sie berichtete über die Entwicklungsverzögerung bei ihrer einen Tochter und von deren Angst, schwanger geworden zu sein. "Ich glaube, sie wollte nicht ihrem Vater etwas anhängen", antwortete die Mutter auf die Frage, warum das Mädchen lange Zeit geschwiegen habe. So soll das Mädchen der Mutter auch gesagt haben: "Ich hatte Angst, dass etwas Schlimmeres passiert."

Der Prozess wird fortgesetzt.

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