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Kai Klose (r.), hessischer Minister für Soziales und Gesundheit, zeigt sich beim Rundgang mit Yasar Bilgin (l.), dem Vorsitzenden der türkisch-deutschen Gesundheitsstiftung, beeindruckt von der Arbeit des multikulturellen Mediziner-Teams.

Interkulturelles Ärzteteam begehrt

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Gießen (kw). "Ich habe das Gefühl, mein Blut ist eingefroren" oder "meine Mutter weint" - eine Umschreibung für "mir geht es schlecht": Solche Schilderungen hören Mediziner oft ratlos. "Migranten beschreiben ihren Körper bildhaft", weiß Dr. Yasar Bilgin, Vorsitzender der türkisch-deutschen Gesundheitsstiftung. Ob sie die deutsche Sprache beherrschen oder nicht: Viele Kranke zögen es vor, ihre Leiden mit Experten zu besprechen, die ihren Kulturkreis kennen. Entsprechend wachse der Zulauf der Patienten in der Interkulturellen Ambulanz am Universitätsklinikum in Gießen.

Die Anschubfinanzierung des Landes dafür ist nach vier Jahren ausgelaufen. Ob dauerhafte Zuschüsse fließen könnten, war nun Thema beim Besuch von Hessens Sozial- und Gesundheitsminister Kai Klose. Wie groß der Wunsch danach ist, konnte der Grünen-Politiker schon an der Zahl und am Kaliber seiner Gesprächspartner erkennen. Prof. Joybrato Mukherjee, Präsident der Justus-Liebig-Universität, war ebenso gekommen wie zwei Vertreter der Geschäftsführung des Uniklinikums Gießen und Marburg, nämlich Prof. Werner Seeger und Dr. Sylvia Heines. Der Ethikbeauftragte des Klinikums, Matthias Brumhard, hob die bundesweite Einmaligkeit und den Vorbildcharakter der Einrichtung ebenso hervor wie Prof. Joachim-Felix Leonhard, der frühere Präsident der Von Behring-Röntgen-Stiftung.

Seit seiner Gründung im Jahr 2015 habe die Ambulanz 4000 Patienten untersucht und zur Behandlung weitergeleitet - mit steigender Tendenz, sagt Bilgin: Allein in diesem Jahr waren es bereits 1200 aus ganz Hessen und darüber hinaus "Der Bedarf ist riesig", denn es fehle an niedergelassenen Fachärzten mit Migrationshintergrund. Das fünfköpfige multikulturelle Ärztetermin lege besonderen Wert auf Einfühlung. Die dadurch erleichterte Anamnese "spart viel Zeit und Geld", so Bilgin. Zudem könne ein gelingender Zugang zum Gesundheitssystem "viel zur Integration beitragen".

Seeger ergänzt, die Einrichtung sei nicht nur bedeutsam als ambulante Anlaufstelle, sondern auch hilfreich für die Arbeit auf den Stationen. Die Fachleute unterstützten das Personal dort bei Sprach- und Kulturproblemen "auch nachts und am Wochenende", etwa in emotional schwierigen Situationen in der Kinderklinik. Diese gebe es im Krankenhaus "tagtäglich", betonte Heines.

Viel freiwilliges Engagement ermögliche, dass der Betrieb derzeit auch ohne Landesmittel weiterlaufe, erläuterte Seeger. Die türkisch-deutsche Gesundheitsstiftung stellt das Personal, das UKGM die Räume. Allein im Jahr 2016 steuerte das Land über sein Integrationsförderprogramm WIR 120 000 Euro bei.

Ein Modellprojekt wird als "Meilenstein" gefördert, bewährt sich - doch die dauerhafte Finanzierung ist schwer durchzusetzen: "Immer wieder stehen wir an diesem Punkt", gestand Klose. Auch als Minister sei er gebunden an Förderrichtlinien und Haushaltsrecht. Er sagte "jede Unterstützung" zu bei Verhandlungen mit Krankenkassen über eine Aufnahme der Ambulanz in die Regelversorgung. Parallel soll geprüft werden, ob man mit Augenmerk auf die Klientel aus der HEAE noch einmal eine Projektförderung beantragen kann. Ein Mitarbeiter des Ministeriums erklärte allerdings, diese Idee sei bereits "durchgeprüft" und verworfen worden.

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