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Intensiv auf Station

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Von: Manfred Merz

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Genesungswünsche gibt es am Schluss. Zum Auftakt tobt das Festival TanzArt ostwest durch die alte Orthopädie. In den leeren OP-Sälen wird von individueller Sehnsucht erzählt. Ein Stockwerk darunter, im Schlaflabor, erwacht Gruppendynamik zum Leben.

So etwas hat die Patientenschleuse, der Zugang von der schmutzigen Außenwelt zum klinisch reinen Operationssaal, noch nicht gesehen. Tänzerin Magdalena Stoyanova kauert auf dem Transporttisch, windet sich, taucht ab und wieder auf. Danach sind nur noch ihre Beine zu sehen in dem knappen Bildausschnitt, den die Schleuse gewährt, der Rest des durchtrainierten Frauenkörpers bleibt hinter der Edelstahlwand verborgen. Die Füße tanzen nun für den Betrachter allein auf dem Tresen. Stoyanova liebt noch immer die klassische Bewegung, den Ausdruck, die Akkuratesse. Das verrät ihre Fersenarbeit, das sagen ihre Zehen bei jedem Schritt.

Dann wird es frostig, es schneit Serviettenschnipsel auf die braun gebrannten Füße. Plötzlich hagelt es Steine. Dazu rumort der Sound von Olafur Arnalds’ »Arbakkinn« durch den Flur. Winterkalte isländische Textfetzen treffen auf Elektropianogemurmel und Streichergewimmer. Dieser surreale Effekt gemahnt das Individuum zu Einkehr und Stille. Im Operationssaal danach wird alles noch schlimmer. Dort sind sie intensiv auf Station.

Das TanzArt-ostwest-Festival lud am Samstag zum Auftakt in ungewöhnliche Gefilde: Durch fünf leere OP-Säle der alten Orthopädie des Uni-Klinikums und durchs Schlaflabor tobte ungeahntes Leben. Auf zwei Stockwerken lieferte Choreograf Marcos Marco Einsichten und Aussichten für das menschliche Dasein.

Im Schlaflabor hat Gruppenzwang Konjunktur. Die Ärzte werden per Megafon ausgerufen. Sie erscheinen nach und nach in ihren weißen Kitteln (Kostüme: Teresa Rinn). Tänzerin Caitlin-Rae Crook entsteigt verschlafen einem Spind. Wie es sich für die Zunft der Mediziner gehört, sind sich nicht alle grün. Viel Papierkram wartet. In der Gruppe wird im Flur gestritten und in Formation geschritten, ehe im leer geräumten Schlaflabor Marco in seiner zweiten TanzArt-Auftakt-Inszenierung nach 2014 zeigen kann, dass alles im Leben mindestens zwei Seiten hat. Der Spanier setzt auf traumwandlerische Ensembleszenen, aus denen immer wieder einer ausschert, ehe die Ärzte am Ende zu Patienten mit Genesungswünschen mutieren. Zum Abschluss werden dem Publikum rote Rosen überreicht.

Im OP-Trakt, ein Stockwerk darüber, ist das Individuum am Ruder. Auffallend: Ausschließlich Frauen gelingt der Sprung von der uniformen Masse in die Einzelklasse. Tänzerin Agnieszka Jachym (Foto) wäre gern Ärztin. Doch im gekachelten OP-Saal hängt an einem Gummiband nur ein einziger weißer Kittel. Dieses Statussymbol der Macht wird auch von Stoyanova begehrt. Der Kampf beginnt. Im folgenden Bild versucht Stoyanova mithilfe von Diagnosegeräten, die Konkurrentin zu unterdrücken. Auf High Heels nicht nur im übertragenen Sinn stehen die Damen ebenfalls. Im ansonsten leeren Raum verbergen sich in einem Glasschrank mit der neuen Aufschrift »Alte Inlays« jede Menge Frauenschuhe.

Danach wird nebenan Tänzerin Lara Kleinrensink operiert, oder besser: Sie verarztet sich selbst an schwarzen Gummibändern als tanzendes Menetekel. Zuvor haben sich Stoyanova und Kleinrensink im Waschraum an quietschenden Seifenspendern in monotonen Bewegungen die Hände imaginär desinfiziert. So viel Zeit muss sein.

Marcos Marco unterlegt viele seiner Einzelbilder mit spärlicher Musik. Sphärische Klänge, unter anderem von William Basinski und Donald Byrd, haben es ihm angetan. So erfährt die Arbeit mit den Tänzern, zu denen sich auch einige Damen vom Agora Coaching Project aus Italien gesellen, etwas Flirrendes, dem Firmament Zugewandtes. Als ginge die Expedition hinter dem Horizont, dort, wo die Ungewissheit wartet, noch weiter für den Menschen und seine Wünsche. Und seinen Wahn. (Foto: Wegst)

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