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Zeynal Sahin unterrichtet als Fahrlehrer derzeit Schüler aus 17 unterschiedlichen Nationen ? und leistet so politisch und beruflich wichtige Integrationsarbeit.

Integration ist ihm wichtig

Gießen (jri). Zeynal Sahin (SPD) kam 1974 als Gastarbeiterkind nach Mittelhessen. Seinen ersten Schultag in Deutschland wird er nie vergessen. Als 13-jähriger Junge kam der heutige Inhaber einer Fahrschule und SPD-Stadtverordnete mit seiner Familie aus der osttürkischen Provinz Erzincan frisch nach Watzenborn-Steinberg.

"Ich habe mir Anzug, Krawatte und Hemd angezogen, so wie das die Schüler in der Türkei machen, und bin an einem warmen Augusttag zur Adolf-Reichwein-Schule gelaufen", erinnert sich Sahin. Dort erwartete ihn der erste Kulturschock: Die Schüler tobten in T-Shirts und kurzen Hosen über den Schulhof. Der zweite Schock folgte kurz darauf an der Tafel: Der Lehrer bat den neuen Schüler nach vorn und stellte ihm einige Fragen, die der junge Zeynal – damals war er das einzige ausländische Kind in der Klasse – aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse nicht richtig verstand. Die Mitschüler fingen an zu lachen. "Da bin ich erst mal weinend nach Hause gelaufen". Das war 1974.

Zeynal Sahin weiß aus Erfahrung, wie schwer Integration ist. Doch er ließ sich von Rückschlägen nicht entmutigen. Von der Haupt- über die Realschule kämpfte er sich zum Fachabitur an der Liebigschule und studierte Elektrotechnik und Pädagogik. Heute ist der 55-Jährige seit 15 Jahren deutscher Staatsbürger, fühlt sich als Deutscher und schwenkt bei Spielen der deutschen Fußball-Nationalelf die deutsche Fahne.

"Nur bei Spielen gegen die Türkei bin ich neutral".

Das Interesse für Politik erbte der Vater zweier erwachsener Kinder von seinem Onkel, der in den 60er Jahren in der Studentenbewegung aktiv war. So engagierte sich Zeynal Sahin ("Ich lese viele politische und historische Bücher") zunächst an der Gießener Universität: Er vertrat Studenteninteressen in der Fachschaft, rief eine Initiative gegen Ausländerfeindlichkeit ins Leben und war vor gut 25 Jahren Mitbegründer des Ausländerbeirates, dem er seitdem ununterbrochen angehört – aktuell zum zweiten Mal als dessen Vorsitzender.

In die SPD trat Sahin aus zwei Gründen ein: Erstens wegen seiner großen Bewunderung für Willy Brandt ("Er war einer der besten Politiker der Welt"), zweitens wegen des inzwischen ebenfalls verstorbenen ehemaligen Landtagsabgeordneten und Gießener SPD-Vorsitzenden Günther Becker. "Wir haben uns damals beim Bier über Politik unterhalten. Günther sagte zu mir: ›Mensch, du bist doch einer von uns, warum trittst du denn nicht ein‹? Das habe ich dann getan."

Das ist gut 25 Jahre her. Seit fünf Jahren gehört Sahin dem Stadtparlament an. Er engagiert sich im Sozialausschuss, im Ausländer- und Seniorenbeirat. "Ich habe mich immer um Integration bemüht und mir die Frage gestellt, was man politisch tun kann, damit Menschen unterschiedlicher Nationalitäten zueinander finden und sich wohlfühlen", sagt der selbstständige Geschäftsmann. In Sahins Fahrschule in der Johannesstraße besuchen derzeit Menschen 17 unterschiedlicher Nationalitäten den Unterricht – aus dem Iran, aus Syrien, Afghanistan, Kamerun, Togo oder Benin. Dort leistet er auch beruflich wichtige Integrationsarbeit. "Das Verständnis des deutschen Straßenverkehrs ist bei meinen Schülern zunächst schon sehr unterschiedlich ausgeprägt", sagt Sahin.

Auf die Gießener Bevölkerung ist der Kommunalpolitiker stolz: Sie habe im letzten Jahr die Herzen für die vielen Flüchtlinge geöffnet, die in Gießen ankamen, "auch wenn sich vielleicht einige eingeschmuggelt haben, die sich nicht fair verhalten", räumt Sahin ein. Aber dies dürfe nicht dazu führen, Flüchtlinge pauschal zu verurteilen.

Respekt, Verständnis, Akzeptanz, Chancengleichheit: Dafür wirbt Sahin. Er freut sich darüber, dass das Gießener Stadtparlament ein Integrationskonzept verabschiedet hat – als eine der ersten Städte in Deutschland. Und er hat eine Vision: Ein eigenes "Willkommenshaus" in Gießen, eine feste Anlaufstelle für Migranten, in denen sie Infos, Beratung und Orientierung erhalten – mit einem Café, das auch Gießener besuchen können. Zudem setzt Sahin sich dafür ein, dass Sprachförderung früh anfängt. "Sprache ist der wichtigste Schlüssel zur Integration", weiß er – auch aus eigener Erfahrung, als einst ausgelachtes Gastarbeiterkind.

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