Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts wird 50 Jahre alt

Das Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung der Justus-Liebig-Universität begeht seinen 50. Geburtstag.

Gießen (kw). Alle Lehrer, auch solche an Berufsschulen, sollten ein wissenschaftliches Studium vorweisen: Das verlangte das Hessische Lehrerbildungsgesetz von 1958. Das hatte Folgen für die Justus-Liebig-Universität. Deren landwirtschaftliche Fakultät habe sich "entschließen müssen, (....) das Studium der Haushaltswissenschaft einzurichten", berichtete der Pflanzenbau-Professor Eduard von Boguslawski 1964 einem Göttinger Kollegen. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen an der "durch und durch männlich geprägten" Ordinarien-Universität, weiß Rosemarie von Schweitzer, die 1969 Professorin für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung an der JLU wurde. Pünktlich zum 50-jährigen Jubiläum des Instituts und zu ihrem 85. Geburtstag hat sie eine Broschüre "Erinnerungen an die ersten 40 Jahre Ökotrophologie" vorgelegt. Mitarbeit geleistet haben dabei vor allem Prof. Jörg Bottler und Dr. Heide Preuße.

Mit großzügigen Zuschüssen bewegte die Landesregierung die Gießener Universität zur Einrichtung des neuen Studiengangs, schildert von Schweitzer. Die ernährungswissenschaftliche Ausbildung der künftigen Hauswirtschaftslehrerinnen sollte Prof. Hans-Dietrich Cremers Lehrstuhl "Menschliche Ernährungslehre" übernehmen, der zur medizinischen Fakultät gehörte. Cremer war es ihrer Erinnerung nach auch, der den Begriff "Ökotrophologie" erfand. Für die Haushaltswissenschaften wurde Helga Schmucker gewonnen, die zweite JLU-Professorin überhaupt nach der Pädagogin und Psychologin Hildegard Hetzer, die 1961 berufen worden war. Überwiegend weiblich waren auch die Studierenden, was das Bild der bis dato von Männern dominierten Landwirtschafts-Fakultät erheblich veränderte.

Und nun schickten sich die Vertreterinnen des neuen Fachs auch noch an, Anerkennung für die Leistungen der Frauen zu Hause zu fordern. "Fast in der gesamten wirtschaftswissenschaftlichen Literatur wurden private Haushalte ausschließlich als konsumierende Handlungseinheiten beschrieben, die Werte vernichteten", schreibt Schweitzer. Der Alltag in der Familie, die Versorgung von Kindern, Kranken und Alten galt als "Privatsache".

Den gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Wert dieser Arbeit wollten ihre Vorgängerin Helga Schmucker und sie selbst deutlich machen.

Pionierinnen mitunter belächelt

Belächelt wurden sie damit Jahre vor dem Erstarken der Emanzipations-Bewegung nicht nur von Kollegen, sondern zum Beispiel auch in den Medien, die mitunter über die "diplomierten Hausfrauen" spotteten. Ähnliche Vorbehalte hegten manche "H+E"-Studentinnen, die eigentlich Ernährungswissenschaftlerin werden wollten und erst bei den Pflicht-Veranstaltungen feststellten, dass der Privathaushalt ein ernstzunehmendes Forschungsfeld ist und das Institut eine besonders interdisziplinäre Ausbildung bietet. Das geht hervor aus Schilderungen einiger Absolventinnen, die in von Schweitzers Erinnerungen eingebettet sind.

Denn die Pionierinnen stellten und beantworteten Fragen, die Interesse weckten. Etwa: Wie bewältigen Familien die zunehmende Zahl von Krediten, braucht eine moderne Küche ein Fenster, wie viel "hilft" der Durchschnitts-Mann tatsächlich im Haushalt? Der Gießener Studiengang stieg zum bundesweit führenden auf, Professuren für Großhaushalte und Wohnökologie kamen hinzu, der sehr familiäre Charakter der ersten Jahre ging verloren. Ihre Vorgängerin Schmucker hatte zunächst Besprechungen "am liebsten im Dach-Café" abgehalten, bis mit der ehemaligen Gärtnerwohnung am Alten Steinbacher Weg das erste Institutsgebäude gefunden war. Dort hatte man nach dem gemeinsamen Mittagessen – gekocht von der Putzfrau – häufig auf der Wiese dem Bocciaspiel gefrönt; gewann die Chefin, so spendierte sie "Cassata-Eisbombe". In der Eichgärtenallee 3, der Diezstraße 15 und in den Räumen der Alten Unibibliothek, wo das Institut heute residiert, "versachlichte sich die Atmosphäre", erläutert von Schweitzer.

Trotz großer Nachfrage und guter Berufschanchen der Absolventinnen und Absolventen sei das Fach immer wieder "gefährdet" gewesen, stellt sie zum Schluss fest. Im großen Fachbereich Agrarwissenschaften, Ökotrophologie und Umweltmanagement seien "die Entwicklungschancen der Haushaltswissenschaften immer wieder von den Mehrheitsverhältnissen in den Gremien und der Unterstützung durch die Hochschulleitung abhängig". Dies gelte gerade auch im Jubiläumsjahr, in dem der Fachbereich – wie berichtet – eine Streichung des Masterstudiengangs Haushalts- und Dienstleistungswissenschaften erwogen hat.

Rosemarie von Schweitzer: Erinnerungen an die ersten 40 Jahre Ökotrophologie, VVB Laufersweiler Verlag Gießen 2012, ISBN 978-3-8359-5945-3, Preis 26,80 Euro.

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