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Inklusive WG: Zehn junge Gießener passen aufeinander auf

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Von: Christoph Hoffmann

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Es ist ein einzigartiges Projekt: Zehn junge Leute, die Hälfte mit, die andere ohne Unterstützungsbedarf, leben in einer WG zusammen. Wie das funktioniert?

Im Januar standen Christopher, Philipp, Regina, Fabian und Laura noch vor einer Baustelle. Dick eingemummelt gegen die Kälte, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie waren voller Vorfreude beim Blick auf das Haus in der Straße Ulner Dreieck. Hier wollten die Menschen mit Unterstützungsbedarf eine WG gründen. Heute, elf Monate später, sitzt das Quintett im Inneren des Gebäudes. Und ihr Lächeln ist noch breiter. Ihr Wunsch ist Realität geworden.

Die »WG am Eck« ist in der Region einzigartig. Zehn Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf wohnen hier zusammen. Ins Leben gerufen wurde sie von Eltern, die ihren Kindern, allesamt Absolventen der Sophie-Scholl-Schule, ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben ermöglichen wollten. Dank der Lebenshilfe und zweier Investoren konnte das Vorhaben umgesetzt werden. Als geeignete Räume gefunden waren, begann die Suche nach Mitbewohnern. »Wir hatten schnell mehr Bewerber als Plätze«, sagt Projektleiterin Frauke Koch. Nach einer Kennenlernphase seien die Bewohner eingezogen. Seit Juni leben sie hier zusammen.

Erstmals haben nicht Mama oder Papa das Sagen

Wohngemeinschaften sind für viele Menschen eine prägende Zeit. Oft ist es die erste eigene Bleibe, das erste Mal, dass nicht Mama oder Papa das Sagen haben. Eine WG bedeutet Freiheit. Für Christopher, Philipp, Regina, Fabian und Laura gilt das ganz besonders: »Menschen mit Unterstützungsbedarf haben oft weniger Kontakt zu Menschen ohne eine sogenannte Behinderung und andersherum«, sagt Koch. »Daher ist diese WG so unheimlich wertvoll.«

Dafür sorgen auch Gerrit, Delvin, Julie, Sorel und Simone. Sie kümmern sich um ihre Mitbewohner. Wobei »kümmern« das falsche Wort ist. »Wir passen alle gegenseitig aufeinander auf«, betont Julie. Dazu gehöre zum Beispiel zusammen einkaufen zu gehen, eine Tagesstruktur zu gestalten oder das Aufstellen eines Aufgabenplans. Die Freizeit verbringen die Bewohner ebenfalls oft zusammen. Sie gehen auf die Kirmes oder zum Basketball, joggen gemeinsam beim Stadtlauf mit oder fläzen sich abends zusammen vor den Fernseher. »Natürlich tragen wir ein bisschen mehr Verantwortung als in einer klassischen WG«, sagt Gerrit. »Man kann zum Beispiel nicht einfach mal für ein paar Wochen ins Ausland fahren.« Ansonsten hielten sich die Verpflichtungen aber in Grenzen.

Teilnahme am gesellschaftlichen Leben

Dass ihr Einsatz auf die Miete angerechnet wird, sei aber nicht der Grund für ihren Einzug gewesen, sagt Studentin Julie. »Ich wollte etwas Neues ausprobieren. Das Projekt mitgestalten.« Auch Gerrit hat sich aus Überzeugung für die inklusive WG entschieden. Er habe schon zuvor für die Lebenshilfe gearbeitet und gesehen, wie Menschen mit einer sogenannten Behinderung noch mit 40 Jahren bei den Eltern wohnten. Am gesellschaftlichen Leben teilgenommen hätten sie so nicht. »Ich finde es daher schön, ihnen das WG-Leben zu ermöglichen.« Aber auch er profitiere von dem Projekt, sagt Gerrit. »Wir haben hier eine viel größere Gemeinschaft. In meinen vorherigen WGs haben wir zum Beispiel nicht jeden Abend zusammen gegessen.« Ähnlich argumentieren auch die anderen Bewohner. Sorel, der gerade in der Küche das Abendessen zubereitet, sagt zum Beispiel: »Ich sehe das Kochen nicht als Last an. Schließlich koche ich für Freunde.« Julie nickt: »Wir fühlen uns alle superwohl«, sagt die junge Frau und erhält von der Runde zustimmende Worte.

Nicht Betreuer, sondern Freunde

Zum Beispiel von Fabian, den alle nur »Fabi« nennen. Er schäkert viel mit Julie, seine gute Laune steckt aber auch die anderen an. Gerrit erzählt er zum Beispiel aufgeregt von seiner neuen Aufgabe in der Montage-Abteilung seiner Werkstatt. Die anderen gehen ebenfalls einer geregelten Arbeit nach, sei es im Kindergarten, der Lebenshilfe-Werkstatt oder im Altenheim. Dass die jungen Leute nach dem Feierabend nicht zu ihren Eltern, sondern in die WG zurückkehren, empfinden sie als großes Glück. »Weil ich Freiheit und Ruhe habe«, sagt Christopher.

Ein kurzer Besuch in der WG am Eck reicht aus um zu verstehen: Hier wohnen zehn Menschen auf Augenhöhe miteinander. Gerrit, Delvin, Julie, Sorel und Simone blicken nicht von oben auf ihre Mitbewohner hinab. Sie behandeln sie auch nicht wie rohe Eier. Die Gruppe scherzt und lacht, sie spricht über ihren Arbeitstag und macht Pläne für das nächste Abendessen. Im Ulner Dreieck wohnen nicht Betreuer und Betreute zusammen. Sondern Freunde.

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