Die ursprünglich für Dezember 2020 geplante Lesung mit Leander Fischer kann nachgeholt werden. Er wird nun am 30. März aus seinem Debütroman "Die Forelle" lesen. FOTO: VERLAG WALLSTEIN
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Die ursprünglich für Dezember 2020 geplante Lesung mit Leander Fischer kann nachgeholt werden. Er wird nun am 30. März aus seinem Debütroman "Die Forelle" lesen. FOTO: VERLAG WALLSTEIN

ERST NUR LIVE-STREAMING UND VIDEO, AB MÄRZ HYBRID-LESUNGEN

Bis inklusive Februar alles digital

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Das vergangene Jahr war auch für das Literarische Zentrum Gießen ein schwieriges Unterfangen. Viele Lesungen mussten teils kurzfristig abgesagt werden. In diesem Jahr bietet das Zentrum nun bis Ende Februar ausschließlich Online-Lesungen an, ab März hofft man auf eine Kombination aus Streaming und Lesungen vor (kleinem) Publikum.

Janine Clemens, Geschäftsführerin des Literarischen Zentrums Gießen, und Vorsitzender Prof. Sascha Feuchert sehen sich als Unterstützer für die Literatur. Sie setzen alles daran, auch unter Pandemie-Bedingungen technisch und finanziell niedrigschwellig Bücherfans mit Literaturerlebnissen zu versorgen. "Wir klagen nicht, weil es alle betrifft", sagen sie und legen mit frischen Ideen, auch zu Online-Formaten und um bei "maximaler Flexibilität" zwischen Streaming-, Video- und Live-Lesungen wechseln zu können, ein ambitioniertes und starkes Lesungsprogramm für das erste Quartal des Jahres vor.

Jüdischer Geist und Graphic Memoir

Los geht es bereits in wenigen Tagen und bis mindestens Februar ausschließlich online (siehe Kasten). Anlässlich des Gedenktags an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar stellt Geschichtswissenschaftler Jörg Osterloh am Vorabend seine Monographie "Ausschaltung der Juden und des jüdischen Geistes. Nationalsozialistische Kulturpolitik 1920-1945" in einem Vortrag vor. Der Fokus liegt auf der Ausgrenzung der Juden aus Kunst, Musik, Literatur, Theater und Film unter dem NS-Regime. Neben den Institutionen des NS-Staates gilt sein Blick auch dem Jüdischen Kulturbund, der jüdischen Künstlern Auftritts- und Verdienstmöglichkeiten sowie Darbietungen für ein jüdisches Publikum bot.

Besonders spannend dürfte die Online-Lesung von Nora Krug aus ihrer preisgekrönten Graphic Memoir "Heimat" werden (2. Februar). In der Mischung aus Familienalbum und investigativer Erzählung setzt sich Krug mit ihrer Familiengeschichte im Kontext der NS-Zeit auseinander und geht der Frage nach, was Heimat bedeutet. Bei dieser Online-Lesung werden über die kostenfreie und leicht zugängliche Plattform Webex zahlreiche Beispiele aus dem Buch zu sehen sein. Im Chat können Fragen gestellt werden, für Sascha Feuchert ein Beispiel dafür, dass die neuen Formate auch durchaus eine Bereicherung bieten können.

"Black Poetry Matters" mit Lahya

Als Vertreterin der afroeuropäischen Literatur richtet sich Autorin, Poetin und Sängerin Stefanie-Lahya Aukongo (genannt: Lahya) in ihren Texten gegen Rassismus, das Unsichtbarmachen der deutschen Kolonialgeschichte und gesellschaftliche Ausgrenzung. Am 10. Februar steht die in Namibia geborene und bei einer Pflegefamilie in der DDR aufgewachsene Künstlerin unter dem Schlagwort "Black Poetry Matters" für eine performative Lesung und ein Werkstattgespräch bereit.

Sieben Figuren aus vier Generationen verbindet Iris Wolff in "Die Unschärfe der Welt", für Janine Clemens ein "Highlight im Programm", und ist damit am 11. Februar zu Gast im LZG. Vor der Geschichte des 20. Jahrhunderts thematisiert dieser Roman das, was wir bereit sind, für das Glück eines anderen Menschen aufzugeben.

Sexarbeit zu Recherchezwecken

Kontroverse Diskussionen wird wohl Emma Becker auslösen, wenn sie am 18. Februar aus ihrem Buch "La Maison" liest. Sie hat als Zwanzigjährige zu Recherchezwecken zwei Jahre als Sexarbeiterin in einem Bordell in Berlin gearbeitet und schildert ihre Erlebnisse eines drastischen Selbstversuchs mit überwiegend positiven Erlebnissen in diesem Milieu. In ihrem Geburtsland Frankreich wurde der Roman zum Bestseller und löste Debatten aus.

Am 3. März startet, wenn es dann vor echtem Publikum möglich sein sollte, Ronya Othmann im Prototyp mit ihrem Debütroman "Die Sommer" die Reihe der Hybrid-Lesungen. Sie erzählt von Leyla, die als Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden aufwächst. "Ein Debütroman voller Zärtlichkeit und Wut über eine zerrissene Welt", heißt es im Programm.

Um Heimat geht es auch in "Heimkehr" von Wolfgang Büscher, das der "Zeit"- und "Welt"-Journalist am 11. März im KiZ vorstellt - ein leises Buch über Selbsterfahrung in radikaler Einsamkeit.

Zwei Lesungen, die im vergangenen Jahr wegen des Lockdowns ausfallen mussten, kann das LZG im neuen Quartal erneut anbieten: Am 25. März liest im Alten Schloss Jan Costin Wagner aus seinem Krimi "Sommer bei Nacht" und am 30. März ist Leander Fischer mit seinem Debütroman "Die Forelle" im Prototyp. Der Österreicher wurde im Dezember noch als "Geheimtipp" vom LZG in den "Club der jungen Dichter" eingeladen, nun hat er mit seinem Erstling gerade den österreichischen Buchpreis Debüt gewonnen. Ein Beispiel für den guten Literatur-Riecher, den das LZG immer wieder beweist - und das auch unter Corona-Bedingungen.

Ab diesem Monat bietet das LZG die Möglichkeit, Literaturveranstaltungen am heimischen Bildschirm entweder live via Stream mitzuverfolgen oder sich die Videoaufzeichnung zeitlich versetzt im Anschluss anzuschauen. Das jeweilige Format ist abhängig vom Pandemiegeschehen und kann von Veranstaltung zu Veranstaltung variieren. Alle Informationen findet man auf www.lz-giessen.de/Veranstaltungen-Winter. Dort steht spätestens 30 Minuten vor Veranstaltungsbeginn auch ein Zugangslink zum Livestream bzw. die Videoaufzeichnungen der Lesungen bereit. Die digitalen Angebote des Winterprogramms bleiben für Teilnehmer vorerst kostenfrei.

Alle Veranstaltungen bis einschließlich Februar werden rein digital angeboten. Für die Veranstaltungen ab März zusätzlich vor Publikum - also hybrid - hält sich das LZG die Möglichkeit offen, die Veranstaltungen jederzeit auch rein digital auszurichten.

Für die Lesungen ab März ist eine Anmeldung erforderlich (auch bei Veranstaltungen mit freiem Eintritt und für LZG-Mitglieder). Anmeldungen sind möglich ab Montag, dem 1. Februar, auf folgenden Wegen: per E-Mail unter anmeldung@lz-giessen.de, über das Kartenreservierungs-Tool auf www.lz-giessen.de oder persönlich über das LZG-Büro oder die Tourist-Info.

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