Eingangsbereich und Pförtnerhäuschen des ehemaligen Notaufnahmelagers.
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Der Eingangsbereich und das Pförtnerhäuschen des ehemaligen Erstaufnahmelagers im Meisenbornweg werden ins Jahr 1964 zurückversetzt.

Lern- und Erinnerungsort

Gießener Notaufnahmelager für DDR-Bürger wird zur Gedenkstätte

  • Marc Schäfer
    VonMarc Schäfer
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Das frühere Notaufnahmelager in Gießen soll eine Gedenkstätte von überregionaler Bedeutung werden. 900.000 Menschen aus der DDR waren im Meisenbornweg angekommen.

Gießen – Für die Besucher des neuen Lern- und Erinnerungsortes im ehemaligen Notaufnahmelager am Gießener Meisenbornweg wird schon am Eingang eine Zeitreise beginnen. Der Plan für die Gedenkstätte, die ab 2023 vor allem an die Bedeutung dieses Standortes für Flüchtlinge und Ausreisende aus der ehemaligen DDR erinnern soll, sieht vor, entsprechende Gebäude zurückzubauen – ins Jahr 1964. Das Jahr, in dem das Lager offiziell den Status eines zentralen Bundesnotaufnahmelagers erhielt. Zu diesem Zeitpunkt beginne die große Geschichte dieser Gedenkstätte. Das erklären Alexander Jehn, Direktor der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, und Mathias Friedel, bei der Landeszentrale verantwortlich u.a. für Grenzmuseen und die Aufarbeitung der SED-Diktatur, im Gespräch mit dieser Zeitung.

Notaufnahmelager in Gießen: Gedenkstätte soll kein Disneyland werden

Im Mittelpunkt des Rückbaus steht das Pförtnerhäuschen mit Schlagbaum. »Dort gab es damals Blumenbeete und eine Brunnenanlage. Das gehört für uns zu einer wichtigen Aussage der Anlage. Man wollte den Ankömmlingen damit ja schließlich ein besonderes Gefühl vermitteln«, sagt Jehn. Auch das Denkmal des 17. Juni 1953 werde wieder in den Fokus gerückt. »Das war der zentrale Veranstaltungsort. Diese Geschichte wollen wir erzählen«, erklärt Friedel. Im weiteren Verlauf des Areals werde der Rückbau immer weniger. »Wir werden kein Disneyland bauen, es geht uns um einen partiellen authentischen Rückbau«, betont Jehn. Konzentrieren werde man sich dabei auf Fassadengestaltung, Leuchtkörper, Fenster, Treppengeländer, Sockel, Wandschmuck und Details wie eine Essensdurchreiche. »Der Fokus auf 1964 hat auch den Vorteil, dass wir aus dieser Zeit alle Baupläne haben«, fügt Friedel hinzu. »Die Besucher, die früher in Gießen angekommen sind, sollen den Ort wiedererkennen und Dinge vorfinden, die ihre Geschichte erzählen.«

Die Arbeit der Projektverantwortlichen war in den letzten Monaten von umfangreichen Planungen, Berechnungen und Analysen geprägt. »Wir sind glücklich, dass es trotz Corona gelungen ist, alle Fristen einzuhalten«, sagt Jehn.

Notaufnahmelager in Gießen: 5,5 Millionen Euro für neue Gedenkstätte

Einziger Schönheitsfehler sei, dass man die Pläne bislang nicht in Gießen habe vorstellen können und daher wenig vor Ort kommuniziert habe. Dies soll sich ändern, wenn es im nächsten Schritt um die inhaltliche Planung der Ausstellung gehe.

Rund 5,5 Millionen Euro werden von Land und Bund am Meisenbornweg für Baumaßnahmen und die Einrichtung der Gedenkstätte investiert. Allein 400 000 Euro davon werden für digitale Projekte veranschlagt. »Wir werden den digitalen Schub der letzten Zeit abbilden und haben wesentliche Bereiche des Lern- und Erinnerungsortes schon in die digitale Lebenswirklichkeit überführt. Diese Modernität war uns wichtig. Es wird keine analoge Einrichtung mehr sein«, sagt Jehn.

Im Pförtnerhäuschen soll eine Kompaktausstellung entstehen, Haus 1 wird Verwaltung und einen kombinierten Bereich für Veranstaltungen und Wechselausstellungen beheimaten. Im sich daran anschließenden Gebäude wird die Dauerausstellung zu sehen und ein Café samt Museumsshop zu finden sein. Danach folgt der Lernort mit Unterrichtsräumen für mehrere Schulklassen sowie im hinteren Teil Räume für das »Zeitzeugenmemorial«-Projekt der Landeszentrale, bei dem Zeitzeugen der deutsch-deutschen Geschichte interviewt und Erinnerung so dokumentiert werden soll.

Notaufnahmelager in Gießen: Gedenkstätte soll 50.000 Besucher pro Jahr anziehen

»Wir wollen mit Gießen nicht nur regional spielen und haben uns daher so aufgestellt, dass wir nicht nur eine Schulklasse am Tag zu Gast haben können«, sagt Jehn. Man ziele auf einen Ort ab, der Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet anziehe und überregionale Bedeutung erlange. »Ich würde mich freuen, wenn wir mit etwa 50.000 Besuchern starten würden«, sagt Jehn. Im Vergleich: Die Gedenkstätte Point Alpha besuchen etwa 75.000 Menschen im Jahr, die Gedenkstätte Hadamar rund 20.000.

Die Zahl für Gießen sei aufgrund des »bundesweiten Alleinstellungsmerkmals« der Anlage, der zentralen Lage und anhand der musealen Landschaft mit Liebig-Museum und Mathematikum in der Nachbarschaft »nicht unverschämt, aber dennoch ehrgeizig«. Weitere Gründe für die Einschätzung seien die Jugendherberge, die ab 2024 auf dem Gelände zu finden sein wird, sowie der Umzug der Lehrkräfteakademie nach Gießen. Beides könne die Besucherzahlen positiv beeinflussen.

Notaufnahmelager in Gießen: 900.000 Menschen aus der DDR

Der stärkste Grund ist aber die herausragende Bedeutung des Meisenbornwegs - nicht nur für die deutsch-deutsche Geschichte. Gießen sei ein Ort, der für die Aufarbeitung der SED-Diktatur stehe, aber zudem auch für die Geschichte der Demokratie, betonen die Projektverantwortlichen. »Die Bundesregierung hat in Gießen ein Zeichen des demokratischen Miteinanders gesetzt, indem man sich den DDR-Bürgern angenommen hat. Der Meisenbornweg ist ein Tor zur Demokratie. Und Gießen damit eine Visitenkarte der Menschlichkeit«, sagt Jehn. Friedel fügt hinzu, dass der Markenkern der Gedenkstätte zwar die Aufarbeitung der SED-Diktatur sei, da immerhin 900.000 Menschen aus der DDR, darunter fast alle freigekauften Häftlinge, hier angekommen seien. Spannend sei aber auch, dass man die positive Demokratiegeschichte auch im Umgang mit Flüchtlingen aufzeigen könne, die nach 1990 angekommen seien. Auch dies sei ein »wunderbares Alleinstellungsmerkmal« des zukünftigen Lern- und Erinnerungsorts.

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