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Etliche Wochen waren die Geschäfte im Seltersweg geschlossen. Nach der Öffnung hält sich der Andrang aber noch in Grenzen.

Selbsterfahrung

Einkaufen trotz Corona: In Gießen führen mehrere Wege in die Geschäfte

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Seit Montag haben viele Einzelhändler wieder geöffnet. Auch in der Gießener Innenstadt ist ein Hauch Normalität zurückgekehrt. Das zeigt unser Rundgang durch die City.

Gießen – Mein »persönliches Shopping-Erlebnis« ist nur einen Mausklick weit entfernt. Auf der Internetseite von Karstadt werden mir mögliche Termine für einen Einkaufsbesuch angezeigt. Alles frei. Ich entscheide mich für 11 Uhr. Name, Adresse und Telefonnummer eingeben, auf OK klicken, fertig. Die Bestätigungs-E-Mail ploppt eine Sekunde später auf. Es kann also losgehen. Bevor ich aufbreche, ziehe ich mich aber noch schnell um. Zu meinem ersten Einkaufs-Trip nach etlichen Wochen des Lockdowns will ich schließlich nicht in Joggingbuchse erscheinen.

Mitte Dezember mussten die Einzelhändler ihre Läden wegen der Ausbreitung der Corona-Pandemie schließen. Einige von ihnen versuchten, sich mit Onlineangeboten über Wasser zu halten, den weggebrochenen Umsatz konnten sie dadurch aber nicht mal ansatzweise ausgleichen. Kein Wunder, dass die Einzelhändler den vergangenen Montag herbeigesehnt haben. Endlich wieder Betrieb. Allerdings nur nach Terminvergabe. Dieses »click and meet« genannte Konzept sieht vor, dass pro 40 Quadratmetern Verkaufsfläche ein Kunde nach vorheriger Anmeldung in den Laden darf.

Gießen: Menschen machen bei Karstadt vor Ort einen Termin aus

Bei meiner Ankunft vor Karstadt sehe ich, dass der Eingang zweigeteilt ist: Rechts können Leute wie ich, die online einen Termin gebucht haben, das Kaufhaus betreten. Und links? Stehen Menschen, die direkt vor Ort einen Termin ausmachen. Eine Dame hat zudem den Hinweis auf der Eingangstür befolgt und meldet sich lautstark telefonisch an. Das zeigt: Viele Wegen führen in das Kaufhaus.

Nachdem ich meine Online-Bestätigung dem Karstadt-Mitarbeiter gezeigt habe, darf ich eintreten. Ich fahre einmal die Rolltreppen rauf und wieder runter, mache einen Abstecher in den Asia-Markt und stöbere nach einem potenziellen Oster-Geschenk für meine Tochter. Mit 18 000 Quadratmetern Ladenfläche dürften hier theoretisch 450 Kunden gleichzeitig shoppen. Es sind, vorsichtig ausgedrückt, weniger.

Seltersweg in Gießen: Passanten-Zahl halbiert

Nebenan im Schuhhaus Darré ist es nicht anders. Das sieht auch Heinz-Jörg Ebert so. »Wenn wir auf 800 Quadratmetern teilweise nur einen Kunden haben, ist das nicht gerade lukrativ«, sagt der Geschäftsführer. Dennoch sei er froh, dass es nun endlich wieder losgehe. Neben den Geschäftsleuten müssten sich aber auch die Kunden erst an die neue Regelung gewöhnen.

Ebert hat Recht. Die Fußgängerzone ist nicht gut besucht. Dem Unternehmen »hystreet« zufolge, das mit einem im Seltersweg installierten Laser die Besucherströme misst, waren am Donnerstag 7348 Menschen unterwegs. Vor Corona waren es im Durchschnitt mehr als doppelt so viele.

Dabei ist es eigentlich ganz einfach: In fast allen Geschäften der Innenstadt kann man sich vor Ort einen Termin geben lassen und meist auch direkt wahrnehmen. Lediglich bei H&M in der Ga lerie Neustädter Tor werde ich gebeten, mich zuvor online zu registrieren. Über den an der Tür angebrachten QR-Code ist das im Handumdrehen erledigt. Ein paar Meter weiter bei Mediamarkt reicht es, Personalausweis zu zeigen und Telefonnummer anzugeben.

Gießen: Online, telefonisch oder direkt vor Ort

Im Grunde ist das »click and meet« nichts anderes als das, was wir aus den Restaurants kennen. Warum das vonseiten der Politik nicht besser kommuniziert wurde, ist mir ein Rätsel. Arno Jung, Chef von Punkt und Strich, geht es genauso. »Das sorgt für unnötige Verunsicherung bei den Verbrauchern.« Dabei hat Jung noch Glück: Sein Geschäft ist offiziell als Buchhandlung eingetragen. Termine sind dementsprechend nicht nötig.

Bei Fuhr schon. Ich stehe vor dem Spielwarengeschäft und tippe gerade die am Eingang aufgeklebte Rufnummer in mein Handy, als eine Verkäuferin die Tür öffnet. »Sie brauchen nicht anrufen, melden Sie sich einfach bei mir an.« Das mache ich. Auch in dem Traditionsgeschäft sind außer mir nur wenige Kunden zu sehen. Diese Exklusivität führt dazu, dass ich mich regelrecht gezwungen fühle, etwas zu kaufen. Glück für meine Tochter. Sie kann sich über ein Buch und neue Stelzen freuen.

Zusatzinfo

Die aktuelle Regelung gilt, solange die hessenweite Sieben-Tages-Inzidenz zwischen 50 und 100 liegt. Fällt sie für mehrere Tage unter 50, sind Terminvereinbarungen nicht mehr nötig. Steigt die Inzidenz und liegt drei aufeinander folgende Tage über 100, müssen die Einzelhändler wieder schließen.

Auf dem Rückweg schlendere ich noch an den Schaufenstern vorbei. In vielen Eingängen versperren Tische, Pulte oder Bänder den Zugang. Ich fühle mich in die Zeit versetzt, in der ich noch regelmäßig vor Clubs und Discotheken anstand. Die Verkäufer geben den Türsteher. Trotz der Öffnung scheint den wenigsten nach feiern zumute zu sein.

Während ich in Erinnerungen schwelge, legt sich melancholische Musik über den Seltersweg. Sie kommt von der Kaplansgasse, wo ein Musiker Geige spielt. Dann fängt es an zu regnen, ein heftiger Wind fegt auch die letzten Besucher aus der Fußgängerzone. Morgen werden sie wiederkommen. Wenn dann nicht schon längst neue Regeln gelten.

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