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Heiße Zeiten… In den 80er Jahren kam es zu zahlreichen Hausbesetzungen. FOTOS: SCHEPP

Impulse vom WG-Küchentisch

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Es war das Jahrzehnt von Schulterpolstern, "Dallas" und Dauerwellen. Die 80er waren aber auch die Jahre, in denen Angst und Zorn so viele Menschen auf die Straße trieben wie nie zuvor. Wettrüsten, Waldsterben, Atomkraft und Spekulantentum waren große Themen. Wie war das damals? Und welche Parallelen ins Jahr 2020 gibt es? Zwei "politische" Frauen aus zwei Generationen vergleichen ihre Erfahrungen.

Frau Stibane, Sie waren in den 80er Jahren auf vielen Demonstrationen dabei, Sie lebten eine Zeit lang in den besetzten Häusern Alicestraße 18 und Südanlage 20. Wie kam es dazu? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Friederike Stibane: Ja, das gibt es. Die Beschädigung und der anschließende Abriss eines bewohnten Hauses im Flutgraben, das einem Bauvorhaben der Firma Sommerlad im Wege stand, hat mich unglaublich empört. Es hat damals mein Vertrauen in den Staat tief erschüttert. Dort wurden Menschen in Gefahr gebracht, dort wurde mit Billigung der Politik Wohnraum zerstört. Dass jemand sich so etwas erlauben kann, nur für seine kommerziellen Interessen, entrüstet mich noch heute.

Im März 1981 hatte eine Baufirma nicht nur wie geplant die Häuser Flutgraben 6 und 8, sondern auch die noch bewohnte Nummer 4 abgerissen. Ein Versehen, wie es seitens des Eigentümers hieß. Mit voller Absicht, waren Kritiker sicher. Der Abriss löste zahlreiche Anti-Sommerlad-Protestaktionen aus. Der Erhalt von Wohnraum inklusive Hausbesetzungen war ein großes Thema in den 80ern. Heute mangelt es immer noch oder schon wieder an bezahlbarem Wohnraum.

Stibane: Da hat sich leider nicht viel geändert. Normalverdienende können sich Mietwohnungen in der Innenstadt kaum leisten, die Städte veröden. Vielen Investoren fehlt die soziale Verantwortung. Ich sehe keine großen Unterschiede zu früher.

Es ging den Aktivisten aber um viel mehr: Frieden, Gemeinschaft, soziale Gerechtigkeit. Systemkritik war in der linken alternativen Szene Ehrensache.

Stibane: Natürlich waren wir voller Idealismus, wir wollten eine bessere Welt jenseits der institutionalisierten Strukturen. Es gab die gemeinsame Idee, gegen Armut und Ungerechtigkeit zu kämpfen. Es ging um Verantwortung füreinander, auch länderübergreifend. Wir waren international vernetzt mit linken Gruppen und haben unentwegt diskutiert. Am WG-Küchentisch, in der Kneipe, auf Festen.

Meike Pinkernell (lacht):Das kommt mir sehr bekannt vor. Ich denke, das liegt auch am Lebensalter. In meinen 20erJahren waren Diskussionen auch allgegenwärtig, es ging zwar nicht gerade um die Weltrevolution, aber die Fragen, wie Ausbeutung verhindert und der Kapitalismus überwunden werden kann, waren immer präsent. Über vieles kann man im Nachhinein lachen, aber es waren zutiefst ehrliche und ernsthafte Motive. Auch wir wollten eine bessere, eine gerechtere Welt.

Was waren denn die Aufregerthemen bei Ihnen?

Pinkernell: Unter anderem der G8-Gipfel während der Wirtschaftskrise, und hier vor Ort die Bildungspolitik sowie die Auseinandersetzungen um die Studiengebühren. Wir haben ja wochenlang auf dem Uni-Gelände campiert.

Das Campus-Küchenzelt als Zentrum war sozusagen die WG-Küche des Jahres 2009…

Stibane: Diese intensiven politischen Diskurse vermisse ich heute. Unsere Generation ist mit so vielem beschäftigt. Beruf, Kinder, Enkel, pflegebedürftige Eltern. Sich nächtelang die Köpfe heißzureden, findet so nicht mehr statt.

Pinkernell: Vermutlich diskutieren die jetzigen 20er-Jahrgänge ähnlich, aber es hat auch eine Verlagerung ins Internet stattgefunden. Das ist zum Beispiel beim Thema Emanzipation und Frauenrechten so gewesen, da hat sich durch die Blogger-Szene und Foren sehr viel getan.

Man kann es finden wie man will, aber die sozialen Medien haben die Diskussionskultur komplett verändert.

Pinkernell: Das stimmt. Das bringt Probleme, aber auch viele Vorteile. Im Netz gibt es eine enorme Vielfalt und Zugänge für jeden und jede.

Früher war es schwieriger, an Informationen zu kommen.

Stibane: Auf jeden Fall. Es war viel mühseliger. Sowohl die Recherche als auch die Verbreitung. Aber die Herstellung von Flyern, Plakaten und nicht zuletzt dem "E-Klo" war auch ein kreativer Prozess.

Das "Elefantenklo" war eine alternative Stadtzeitung, die den scheinbar zahllosen linken Gruppierungen und politischen Einzelkämpfern ein Forum bot. Es wurde in "Handarbeit" hergestellt und für zwei Mark verkauft.

Stibane: Da konnte sich jeder beteiligen, die Redaktionssitzungen standen allen Interessierten offen. Es gab heiße Diskussionen um die Artikel, da wurde manchmal um jedes Wort gekämpft.

Pinkernell: Ich finde es klasse, dass ihr damals einfach losgelegt habt. Wir waren da zögerlicher und haben manchmal vor lauter Abwägen die Kurve nicht gekriegt.

Wobei zum Beispiel?

Pinkernell: Wir hatten mal geplant, eigenes Radio zu machen. Daraus wurde vor lauter Bedenken nichts. Überhaupt bewundere ich die Spontaneität und Kreativität von damals.

Stibane: Ja, das kann man auf Plakaten und Flyern sehr schön sehen. Es gibt sehr witzige und originelle Zeichnungen und Sprüche.

Die 80er waren das Jahrzehnt, in dem viele Homosexuelle an Aids starben. Es war gleichzeitig aber auch eine Zeit, in der Schwule und Lesben sich selbstbewusst outeten und die Gesellschaft sich zu öffnen begann.

Stibane: Unsere Stadt ist viel bunter, toleranter und weltoffener als damals. Die 68er haben den Anfang gemacht, und unsere Generation hat diesen Weg weiter beschritten.

Also hat sich das Engagement doch gelohnt? Trotz der ernüchternden Parallelen?

Stibane: Auf jeden Fall. Wir haben ganz wichtige Impulse gegeben. Ohne unsere Einmischung - die damals in bürgerlichen Kreisen und in der Politik höchst unerwünscht war - wäre das Land in verkrusteten Strukturen erstarrt. Auch wenn es manchmal Grenzüberschreitungen gegeben hat, war es doch wichtig und richtig, nicht einfach alles hinzunehmen.

Auch jetzt gibt es keinen Stillstand…

Pinkernell: Zum Glück. Noch vor Jahren wäre zum Beispiel der Aufbau eines Netzwerks von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Intersexuellen in der Region undenkbar gewesen. Heute ist diese Vielfalt deutlich selbstverständlicher.

Stibane: Und es ist auch jetzt wieder die junge Generation, die Impulse gibt und uns Ältere aus der Komfortzone holt. Die "Fridays for Future"-Bewegung ist großartig, da werden demokratische Prozesse in Gang gesetzt.

Zeigt sich die größere Toleranz auch darin, dass man nicht mehr so an alten Feindbildern festhält? Das jeweils andere politische Lager wurde früher zutiefst verachtet. Heute gibt es Koalitionen, die damals undenkbar waren.

Stibane: Das stimmt. Aber diese Toleranz hat Grenzen. Für uns heute spätestens bei der AfD, aber grundsätzlich dürfen Diskriminierung und Rassismus nicht geduldet werden.

Schon in den 80ern wurde vor dem Erstarken der Rechten gewarnt. Erst recht nach der Wende Anfang der 90er. In Gießen gab es nach den Anschlägen in Rostock eine Demonstration mit 20 000 Menschen.

Stibane: Leider ist es heute wichtiger denn je, seine Stimme zu erheben. Rechtes Gedankengut sitzt tief in den Köpfen, in den 80ern und 40 Jahre später wohl erst recht.

Die Ausstellung unterstreicht das noch einmal.

Stibane: Ja, genau. Deshalb freue ich mich sehr darauf. Ich hoffe, dass es überraschende Begegnungen gibt - und die Gelegenheit zu spannenden Diskussionen.

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