Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Hessen steigt, aber die Inzidenz sinkt. Derweil gibt es Probleme bei der Anmeldung zu Impfungen.
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Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Hessen steigt, aber die Inzidenz sinkt. Derweil gibt es Probleme bei der Anmeldung zu Impfungen. (Symbolbild)

Corona-Impfungen

Gießen: Geringe Impfbereitschaft bei Pflegern - Ist Impfpflicht die Lösung?

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Die zögerliche Impfbereitschaft der Pflegekräfte in den Altenpflegeheimen Gießens macht Sorge. Sie liegt dort nur bei 50 bis 60 Prozent. Ist eine Impfpflicht die Lösung?

Gießen - Ein Foto seines tätowierten Oberarms, in den soeben die Impfnadel gesetzt wird: Ein Mitarbeiter des ambulanten Dienstes des Caritasverbandes in der Wetterau hat sein WhatsApp-Profilbild geändert. Nach der Impfung schickte er alle paar Stunden Infos in den Runde: Mir geht es gut! Der Pfleger wollte seine Kollegen motivieren, es ihm gleich zu tun.

Doch bislang ist die Impfbereitschaft eher verhalten, bedauert Caritasdirektorin Eva Hofmann. »Dafür zu werben ist ein mühsames Geschäft«. Die Resonanz ist in Gießen ähnlich wie in ganz Deutschland. Gerade das Pflegepersonal, das im Kontakt mit der Risikogruppe Nummer eins in der ersten Reihe steht, ist skeptisch.

Bisher haben sich beim Caritasverband 45 Prozent der Mitarbeiter aus St. Anna (dort sind knapp 100 Beschäftigte tätig) aus der Pflege impfen lassen, in Maria Frieden sind es 56 Prozent (dort arbeiten fast 80 Mitarbeiter). In beiden Häusern hatte es im Dezember Corona-Ausbrüche gegeben, von denen auch Mitarbeiter betroffen waren. Diese werden nach der allgemein umgesetzten Impfstrategie zunächst nicht geimpft, weil man davon ausgeht, dass sie immun sind. In Maria Frieden ist die Quarantäne beendet, das Haus öffnet in diesen Tagen wieder zweimal wöchentlich für Besucher, diese werden sich zunächst einem Schnelltest unterziehen. St. Anna wird in der kommenden Woche ebenfalls öffnen können, hofft Hofmann.

Corona-Impfungen in Gießen: Zurückhaltung bei Pflegekräften bleibt

Der Caritasverband hatte vor dem Start der Impfungen durch die mobilen Teams Informationsveranstaltungen mit einer Ärztin organisiert, die das Personal über Risiken und Nebenwirkungen, aber auch über die Chancen aufgeklärt hat. Doch die Zurückhaltung blieb. Als Grund wurden fehlende Erkenntnisse über Langzeit-Folgeschäden genannt. Sie hofft, dass sich die Skepsis legt, sobald die Mitarbeiter sehen, dass es den geimpften Kollegen gut geht. Die Caritasdirektorin setzt weiter auf Einsicht statt auf eine Impfpflicht; eine bessere und frühzeitige Aufklärung von offizieller Seite wäre in ihren Augen hilfreich gewesen.

Auch AWO-Geschäftsführer Jens Dapper hofft auf Einsicht. Die Hälfte des Personals (110 von 220) des Albert-Osswald-Hauses hat den Start des Impfprogramms freudig begrüßt, die andere war zurückhaltend. Vielleicht, mutmaßt Dapper, weil die bisherigen Schutzmaßnahmen gut gegriffen haben. Im Tannenweg hat es bislang keine größeren Ausbrüche gegeben. Aber ihm macht die Skepsis Sorgen: »Es ist ein Wettlauf mit der Zeit«. Über den Vorstoß von Markus Söder, eine Impfpflicht in der Pflege einzuführen, sagt er: »Wenn man darüber nachdenkt, muss das für alle gelten. Man kann nicht eine Berufsgruppe herausgreifen«. Auch in Arztpraxen oder Schulen könne das Virus weitergetragen werden.

Corona-Impfungen in Gießen: Es geht um Menschenleben und Wirtschaftlichkeit

Im Johannesstift sind an fünf Impfterminen 89 Prozent der er Bewohner und 60 Prozent der Mitarbeiter aus den unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen geimpft worden, auch in ihrem Haus ist eindringlich für die Impfung geworben worden, sagt Geschäftsführerin Christa Hofmann-Bremer. Um die Impfbereitschaft zu steigern, müsste es eine größere Aufklärungskampagne geben, meint auch sie. Es sei noch nicht verständlich genug erklärt worden, wie der Impfstoff wirke. Das müsse mehrsprachig erfolgen, da viele Mitarbeiter einen Migrationshintergrund hätten. In den Medien, so Hofmann-Bremer, sei vor allem darüber berichtet worden, wie schnell der Wirkstoff entwickelt worden sei. Schnelligkeit sei aber in diesem Zusammenhang nicht vertrauensfördernd. Mittlerweile seien die Zögerlichen offener geworden, dies werde sich sicherlich noch steigern, wenn sich zeige, dass es keine wesentlichen Impfreaktionen gebe. Dennoch würde Hofmann-Bremer eine Impfpflicht für Pflege- und Betreuungskräfte sowie für Mitarbeiter im Reinigungs- und Servicebereich begrüßen. Das gleiche gelte für externe Dienstleister« wie Physiotherapeuten, Ärzte Seelsorger oder Ehrenamtliche.

Die Sicherheit einer Alten- und Pflegeeinrichtung ist existenziell: Es geht um Menschenleben. Es geht aber auch um Wirtschaftlichkeit. Häuser mit einem Corona-Ausbruch werden vom Gesundheitsamt geschlossen, was bedeutet, dass in dieser Zeit keine Aufnahmen möglich sind - weder aus dem Krankenhaus noch aus einem Privathaushalt.

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