Immer mehr Flüchtlinge unter kranken Straftätern

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Gießen (pm/kw). Die Forensische Vitos Klinik an der Licher Straße versorgt zunehmend Flüchtlinge. Seit 2015 sei der Anteil der Migranten an den psychisch kranken Straftätern deutlich gestiegen. Zeitweise sei auf manchen Stationen mehr als die Hälfte der Patienten des Deutschen nicht mächtig gewesen. Eine Spezialstation zum Spracherwerb zeige nun erste Erfolge. Diese Informationen erhielten die Mitglieder des Forensikbeirats bei der jüngsten Sitzung.

Gießen (pm/kw). Die Forensische Vitos Klinik an der Licher Straße versorgt zunehmend Flüchtlinge. Seit 2015 sei der Anteil der Migranten an den psychisch kranken Straftätern deutlich gestiegen. Zeitweise sei auf manchen Stationen mehr als die Hälfte der Patienten des Deutschen nicht mächtig gewesen. Eine Spezialstation zum Spracherwerb zeige nun erste Erfolge. Diese Informationen erhielten die Mitglieder des Forensikbeirats bei der jüngsten Sitzung.

Die Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Haina samt der Außenstelle Gießen ist die größte hessische Maßregelvollzugseinrichtung. Die aktuell 375 Patienten haben Straftaten begangen, und zwar nach Überzeugung des Gerichts aufgrund einer psychischen Erkrankung, einer geistigen Behinderung oder einer Persönlichkeitsstörung. Sie kommen nicht ins Gefängnis, sondern in die Klinik zur Therapie bei sicherer Unterbringung.

Die Ärztliche Direktorin Dr. Beate Eusterschulte hat die Studie "Migranten im Maßregelvollzug" verfasst, deren Ergebnisse ihr Stellvertreter Dr. Volker Hofstetter vortrug. Der Anteil fremdsprachiger Patienten lag demnach lange um die 20 Prozent und ist zwischen 2012 und 2017 stark gestiegen, vor allem nachdem im Jahr 2015 rund 75 000 Flüchtlinge nach Hessen gekommen waren.

Bald Erweiterung in Gießen

Zwischen 2012 und Oktober 2017 nahm die Klinik 56 Flüchtlinge aus 19 Herkunftsländern auf. Zehn stammten aus Eritrea, jeweils sechs aus Syrien, Algerien und Afghanistan. Der Großteil war unter 35 Jahre alt. Sie hatten Körperverletzungen, Brandstiftungen, Sexual- oder Tötungsdelikte begangen. Fast die Hälfte wies eine Schizophrenie auf. Migranten hätten ein 1,75-fach und Flüchtlinge sogar ein 2,9-fach erhöhtes Risiko, an dieser Störung zu erkranken. Das belegten internationale Studien, erläuterte Hofstetter.

Der Experte verwies auf die Komplexität der Behandlung. "Der Stress und die Erlebnisse der Flucht haben diese Menschen extrem verunsichert. Im neuen Kulturkreis finden sie sich schwer zurecht." Deshalb haben die Forensik-Kliniken Haina/Gießen und Hadamar in Abstimmung mit dem Hessischen Sozialministerium im April 2017 eine auf Spracherwerb und Integration spezialisierte Station in Hadamar eingerichtet.

19 Männer und drei Frauen wurden seitdem dort aufgenommen. "Zehn Patienten haben das einjährige Programm durchlaufen, zehn weitere werden im April 2019 den Sprachkurs abschließen", erläuterte Hofstetter. Sie starten anschließend mit dem regulären Therapieprogramm. Die Patienten erhalten in Hadamar 20 Stunden professionellen Deutschunterricht pro Woche. In den Alltag auf der Station sind Sprachlernspiele, Schautafeln, und ausschließlich deutsches Fernsehen eingebettet. Das Modellprojekt wird von der Universität Ulm wissenschaftlich begleitet. Die Bilanz des ersten Jahres: Fast alle Patienten, die bereits lesen und schreiben konnten, erreichten das Niveau A2. Auch die bisherigen Analphabeten konnten sich sprachlich deutlich verbessern.

Grundsätzlich sei die Belegungssituation im hessischen Maßregelvollzug angespannt, erläuterte Hofstetter. In den vergangenen beiden Jahren sind die Zahlen der forensischen Patienten gestiegen, und zwar nicht nur wegen der Flüchtlinge. Stellenweise seien Verlegungen in andere Bundesländer nötig. Die Ursache des Anstiegs sei nicht valide erklärbar.

Im Sommer soll in Gießen nach umfassender Sanierung eine Station mit 18 Betten in Betrieb gehen. "Die Personalakquise hat bereits begonnen", erläuterte der stellvertretende Ärztliche Direktor.

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